"Damals hörte ich die Engel singen"
Gesellschaft

Matthias Politycki: "Damals hörte ich die Engel singen"

Seit 40 Jahren bereist der deutsche Schriftsteller Matthias Politycki die Welt. Ein Gespräch über die Rückseite von Sehenswürdigkeiten, Attacken im indischen Moslemviertel, Plastikfrösche aus Ceylon und kubanische Zauberkessel.

profil: Sie haben bis dato 97 Länder bereist, rund die Hälfte aller Staaten dieses Planeten. Weshalb macht sich der Mensch auf Reisen?
Matthias Politycki: Aus Neugier und Abenteuerlust. Irgendwann vielleicht aus Prinzip.

profil: Wann kamen Sie zum ersten Mal über Europa hinaus?
Politycki: Als Student, wir überführten jeder einen Mercedes nach Ägypten und bekamen dafür 100 Mark. Dort wurden wir freilich mit allerlei konfrontiert, auf das wir nicht vorbereitet waren. In unserem "Polyglott“-Reiseführer waren nur die Sehenswürdigkeiten erklärt; wie man sich im Alltag zurechtfindet, mussten wir selbst herausbekommen.

profil: Wie wirkte sich das aus?
Politycki: Kaum radelten wir über die Stadtgrenze von Kairo hinaus, ging der erste Steinhagel auf uns nieder. Fremde waren nicht willkommen, wir konnten unsere Freundinnen kaum vor den Übergriffen der Jugendlichen beschützen. Bei der nächsten Reise in den Maghreb lieferten wir uns regelrechte Schlachten mit ihnen. Wir hatten lernen müssen, die Ehre unserer Freundinnen zu verteidigen.

profil: Was reizt Sie noch am Reisen?
Politycki: Jede Fremde lockt mit einem ganz anderen Leben, in das man vorübergehend eintauchen kann. Das Hin und Her zwischen Heimat und Fremde hält unser Weltbild offen und beweglich. Reisen erzieht zum Selbstdenken. Einen besseren Schutz gegen jede Form von Ideologie gibt es nicht.

profil: Wie wichtig sind Ihnen Sehenswürdigkeiten?
Politycki: Als erste Orientierungspunkte sind sie unverzichtbar, die eigentliche Reise beginnt für mich aber erst auf der Rückseite der Sehenswürdigkeiten. Die Um- und Abwege, auf die man dort gerät, erhöhen ja nicht nur die Ortskenntnis. Der halb verfallene Vororttempel, den man schließlich erschöpft findet, ist der Tagespokal.

profil: Besuchen Sie Slums?
Politycki: In einem Land wie Indien fast zwangsläufig. Man lernt die Menschen dort nicht von ihrer schlechtesten Seite kennen! Übrigens sind sie stolz auf das, was sie erreicht haben.

profil: Ihre Devise lautet: Das wahre Indien offenbart sich im Slum?
Politycki: Immerhin durchschaut man die landläufigen Klischees besser, wenn man sich hinter die Kulissen begibt. Dort stößt man dann eben auch mal auf Müllberge und Armenviertel.

profil: Und auf bulgarische Taxilenker, wie Sie in Ihrem neuen Buch schreiben.
Politycki: Unsere westlichen Werte werden in vielen Teilen der Welt infrage gestellt, unsere politischen Korrektheiten als Beleidigung zurückgewiesen. In Sofia spielte mir ein Taxifahrer Kassettenaufnahmen seiner Band vor. "Sinti?“, fragte ich. Da war plötzlich dicke Luft im Auto. "Roma?“, beschwichtigte ich, der Fahrer schrie mich an: "Me gypsy!“

profil: Rassismus funktioniert in beide Richtungen.
Politycki: Als ich in Afrika krank war, schlug die Stimmung unter den Einheimischen schlagartig um, sogar die Krankenschwestern verachteten mich. Eine Spritze bekam ich nur, wenn ich zuvor bar in Dollar bezahlte, die Hälfte der Spritze wurde trotzdem einbehalten und kam auf den Schwarzmarkt. Hinter der bunten Fassade eines faszinierenden Kontinents wird plötzlich auch seine Unbarmherzigkeit sichtbar.

profil: Wie soll man reagieren?
Politycki: In gewissen Situationen muss man ein tolerantes Weltbild mit intoleranten Methoden verteidigen. In Jaipur wurde ich im Moslemviertel attackiert und beschimpft, nur weil ich kein Moslem war. Tags drauf ging ich nochmal hin, diesmal erwischte ich einen der Angreifer und nahm ihn in den Schwitzkasten. Vor versammeltem Auditorium erklärte ich ihm, dass man auch mit einem Fremden höflich umgehen müsse, selbst wenn er kein Moslem sei. Irgendwann nickten die Umstehenden.

profil: Also mit Gewalt?
Politycki: Natürlich bin ich gegen Gewalt, und zum Glück konnte ich die meisten brenzligen Situationen bislang mit Argumenten bereinigen. Aber wer durch Asien oder Afrika reist, muss auch immer mal wieder die Ellbogen ausfahren. Das ist noch längst kein Kampf der Kulturen, aber eben doch eine Konfrontation moralischer Normen und Werte. Wenn man sich dabei keinen Respekt verschaffen kann, wird die Reise zum Passionsweg.

profil: Nicht wenige Touristen scheinen davon überfordert zu sein.
Politycki: Weil sie davon überrumpelt werden, dass die Welt längst nicht so ist, wie wir sie uns zu Hause vorgestellt haben. Und in der nächsten Situation werden sie dann auch noch von einer gewissen Sorte Einheimischer - die man keinesfalls mit Einheimischen generell gleichsetzen darf - abkassiert oder an der Nase herumgeführt. Das geht auch auf charmante Weise: In Santiago de Cuba spielten die ortsansässigen Hallodris für die Touristen "Kuba“; sobald ein Kreuzfahrtschiff ankerte, hörte man an allen Ecken "Guantanamera“. Die Touristen bekamen genau das, was sie erwartet hatten, und bedankten sich mit Dollars: "So arm, und trotzdem diese Lebensfreude! Davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden.“ Sobald das Schiff ablegte, war die Stadt wieder so herrlich trist, wie ich sie kannte.

profil: Machen Sie auch Urlaub?
Politycki: Aber nur zu zweit. Wenn ich allein unterwegs bin, komme ich erst zur Ruhe, wenn ich erschöpft bin. Als Reisender ist man ja oft ehrgeizig und geht dabei auch immer mal wieder über seine Grenzen: Man will unbedingt noch dieses Bergkloster erreichen, jenes entlegene Dorf im Dschungel.

profil: Was unterscheidet Sie von dem japanischen Touristen, der Europa besucht und seine vielen Etappen nach dem Motto "Been there, done that“ sortiert?
Politycki: Ich bin kein Abhaker, sondern kehre oft über Jahre, Jahrzehnte an einmal besuchte Orte zurück.

profil: Sie haben Österreich nach Ihrer Zählung bisher 26 Mal besucht.
Politycki: Seit über 40 Jahren mache ich Notizen über meine Reisen, für "Schrecklich schön …“ zählte ich nach, wie oft ich tatsächlich wo war - und siehe da, das Gute lag auch für mich so nah! Reisen beginnt nicht erst da, wo Palmen im Wind stehen. Und seitdem ich ein Jahr lang in Wien studiert habe, überlege ich immer wieder, dorthin zu ziehen.

profil: Wie wirkt sich das Unterwegssein auf Ihre Arbeit als Schriftsteller aus?
Politycki: Die Fremde hat mich gezwungen, in meinen Sätzen auf alles Unnötige zu verzichten, das mir in meiner frühen experimentellen Phase so interessant erschien. Wer auf einem Berghang steht oder im Basar, wo er dauernd angerempelt wird, der schreibt halt nur schnell das Allernotwendigste auf. Zu Hause merkt man dann, dass damit bereits alles Wichtige gesagt ist.

profil: Der Kärntner Autor Josef Winkler saß stundenlang am Ganges und notierte nur ganze Sätze in seine Hefte.
Politycki: Bewundernswert! Bei mir reichte es in Varanasi nur zu Satzbrocken und einzelnen Wendungen. Dabei hielt ich mich an meinem Notizbuch regelrecht fest, um die Leichenverbrennungen überhaupt zu ertragen.

profil: Waren Sie auf Reisen häufig in Todesgefahr?
Politycki: In Burundi hatte ich eine Blutvergiftung. Die Ärzte gipsten mein Bein einfach ein und legten mich zum Sterben beiseite. Meine damalige Freundin und heutige Frau brachte mich auf den Flieger, in München kam ich vom Flughafen sofort auf den OP-Tisch, und als mein Leben gerettet war, hätte man mir noch fast das Bein abnehmen müssen. Damals hörte ich die Engel singen.

profil: Wann noch?
Politycki: Beim Höhlentauchen in Jamaika ertrank ich fast, als mein Lungenautomat ausfiel. Im Sinai stieg ich mit einem bekifften Führer auf einen Berg, bis ich über einem Abgrund festhing. In Kalifornien übernachtete ich in meinem Mietwagen am Straßenrand. Ein Polizist weckte mich im Morgengrauen mit Schlagstockgetrommel auf dem Autodach, ich sah in den Gewehrlauf seines Kollegen. Im Nachhinein schüttle ich selbst den Kopf über mich.

profil: Früher veranstaltete man Dia-Abende, bei denen Urlaubsanekdoten zum Besten gegeben wurden. Verfahren Sie mit Ihren Erlebnissen ähnlich?
Politycki: Anekdoten sind keine schlechte Ausgangsbasis, um mit anderen sofort ins Gespräch zu kommen. Mich persönlich interessiert allerdings eher die philosophische Essenz all solcher Anekdoten: Was macht die Fremde mit uns?

profil: Als Autor etablierten Sie vor Jahren die Schreibschule des "relevanten Realismus“, die für eine reflektierte und zugleich lebensnahe Form der Literatur steht. Wenden Sie diese auch auf Reisen an?
Politycki: Als ich mit 16 zu schreiben begann, war ich Romantiker. Inzwischen bin ich Rest-Romantiker, neige jedoch noch immer zu Schwärmerei und Verklärung. Reisen erdet mich ungemein - da werde ich ganz zwangsläufig zum Realisten, sonst käme ich ja gar nicht voran.

profil: Sammeln Sie Souvenirs?
Politycki: Oja. Das beginnt beim billigen Plastikfrosch, den ich einem fliegenden Händler im Zug abkaufte, irgendwo auf Ceylon. Im Hohen Atlas stand ich während eines Abstiegs im Trümmerfeld eines vor Jahrzehnten erfolgten Flugzeugabsturzes. Ein kleines Blechstück nahm ich mit. Es wurde eine Art Memento mori auf meinem Schreibtisch.

profil: Nicht zu vergessen Ihre Zauberkessel aus Kuba.
Politycki: Auf Recherche für den Roman "Herr der Hörner“ musste ich tief in die afrokubanischen Kulte hinein. Irgendwann sollte mir ein eigener Zauberkessel geweiht werden, dafür musste ich einen Schienbeinknochen aus dem Beinhaus stehlen. Mit dem Kessel verschreckte ich Wochen später die kubanischen Sicherheitsbeamten auf dem Flughafen, niemand wollte mich kontrollieren. Die deutschen Beamten dagegen dachten, ich schmuggle Drogen, und glaubten lange nicht, was sie auf ihren Monitoren sahen.

profil: Warum sammelt man diese Dinge?
Politycki: Souvenirs repräsentieren nicht nur konkrete Erinnerungen, sondern auch die Fremde als solche. Sie verbinden uns mit ihr, und wenn sie lang genug in unserer Wohnung stehen, wird die Fremde Teil unserer Heimat. Irgendwann merken wir, dass wir mehrere Heimaten haben.

profil: Würde Sie eine Woche Urlaub in der Party-Zone von Mallorca reizen?
Politycki: Es wäre nicht meine erste Wahl. Aber einem Reisenden ist eigentlich nichts Menschliches zu fremd, ich bin sicher, dass ich auch am Ballermann Notizen machen würde.

profil: Lesen Sie im Urlaub?
Politycki: Allenfalls Reiseführer und Karten. Wenn ich unterwegs bin, bin ich mit Haut und Haar in einer fremden Welt, da ist kein Raum für eine weitere fremde Welt.

profil: Für viele besteht das Reisen aus gutem Essen und Ausschlafen.
Politycki: Jede Art von Reisen ist gut. Selbst die, die sich in der Türkei über schlecht gekühltes Bier beschweren, merken irgendwann, dass es nicht überall so zugeht wie daheim in Castrop-Rauxel - und dass das gar nicht schlecht ist. So fängt ein Verständnis für fremde Kulturen immerhin an.

profil: Sie hängen eher dem extremen Unterwegssein an?
Politycki: Im Prinzip ja, aber man sollte seine Schmerzgrenze kennen. Die Fremde muss man sich hart erarbeiten. Und zwar nicht nur physisch, sondern auch mental.

profil: Worum geht es dabei?
Politycki: Um Erziehung zur Demut, denn jede Reise hält auch ein paar herbe Niederlagen für uns bereit. Reisen ist praktische Relativitätslehre, auch im Hinblick auf unsere eigenen Werte und Überzeugungen. In unserer Gesellschaft, die gerade ihre eigene Spaltung betreibt, steht der Reisende schweigend zwischen allen Lagern.

Matthias Politycki: Schrecklich schön und weit und wild: Warum wir reisen und was wir dabei denken. Hoffmann und Campe, 347 S., EUR 22,70

Matthias Politycki: Reduktion & Tempo. Als Erzähler unterwegs im 21. Jahrhundert. Wallstein, 48 S., EUR 10,10

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