Jowan Safadi in "Namrud" (Troublemaker)

Jowan Safadi in "Namrud" (Troublemaker)

Gesellschaft

Sechs Fragen an Musiker Jowan Safadi

Der palästinensische Musiker Jowan Safadi stößt mit seinen religionskritischen Liedern in Israel genauso auf Kritik wie in der arabischen Welt. Nun war der 45-Jährige für ein Konzert und den Kinostart des Filmes "Namrud" (Troublemaker) in Wien.

profil: Am Samstag hat Israel den Eurovision Song Contest gewonnen. Haben Sie zugeschaut?
Jowan Safadi: Nein, mir ist die Musik bei dieser Veranstaltung zu schnulzig. Mein Vater hat sich das früher angeschaut. Manchmal habe ich mitgeschaut und gehofft, dass Israel nicht gewinnt (lacht).

profil: Der Film "Namrud (Troublemaker)" über Sie und Ihre Musik läuft derzeit in den Kinos. Fühlen Sie sich gut porträtiert?
Safadi: Ja, schon. Aber der Film zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus meinem Leben und meiner Musik. Er fängt meine Beziehungen zu meinem Sohn, Palästina und zur Musikszene ganz gut ein. Aber mein eigenes Leben und die politischen Zustände sind viel komplexer, als in einem 90-minütigen Film dargestellt werden kann. Ich stehe zwar im Zentrum, aber der Film handelt viel mehr von der Frage, wie es ist, als Palästinenser in Israel zu leben.

Namrud läuft derzeit im Metrokino in Wien und in Wels.

profil: Im Film debattieren Sie mit einem Festivalorganisator die Frage, ob bei einem Konzert in Jerusalem Palästinenser hinkommen können und wie Sie mit israelischen Besuchern umgehen. Um was geht es Ihnen dabei?
Safadi: Ich bin Antizionist und spiele sehr viele Konzerte aus politischen Gründen nicht. Ich bekomme oft die Frage gestellt, wie ich mit Israelis umgehe. Unterschiedlich natürlich. Mit Zionisten möchte ich nichts zu tun haben. Wenn es um ganz einfache Alltagsdinge geht, habe ich natürlich Kontakt mit Israelis. Aber ich habe meine roten Linien und mir ist es wichtig, dass ich keine Konzerte spiele, die politisch missbraucht werden könnten. Bei Festivals zum Beispiel, die so tun, als ob die Lösung des Konflikts ein Händereichen zwischen zwei gleichberechtigten Parteien wäre. Die Realität sieht nämlich anders aus.

profil: Wie könnte eine Lösung des Konflikts ausschauen?
Safadi: Ich glaube nicht an eine Zwei-Staaten-Lösung. Es gibt einen Staat und in diesem sollten alle leben können. Aber aktuell gibt es einen Besatzer und einen Besetzen. Ich brauche keinen muslimischen oder zionistischen Staat. Ich bin kein Freund des Nationalismus, weil ich glaube, dass Nationalismus immer Gegnerschaft hervorruft, die von unterschiedlichen Seiten aus Machtgründen aufrechterhalten wird.


Der Film zeigt eine Perspektive, die man nicht oft sieht.

profil: Was wünschen Sie sich für den Film?
Safadi: Dass er ein breites Publikum findet. In Europa und vor allem auch in der arabischen Welt. Ich finde, der Film zeigt eine Perspektive, die man nicht oft sieht: das Leben der Palästinenser in Israel. Es wäre wichtig, wenn diese auch in der arabischen Welt wahrgenommen wird.

profil: Diese Woche feiert der Staat Israel sein 70-jähriges Bestehen. Was bedeutet das für Sie?
Safadi: Mich erinnert dieses Jubiläum an die Vertreibung von rund 760.000 Palästinensern und die Konsequenzen, die Al-Nakba (deutsch: Katastrophe oder Unglück) für viele Familien in der Region hatte. Unter anderem für meine Familie.

Am Mittwoch (16.Mai) findet im Anschluss an die Filmvorführung von "Namrud" und "Unser Kampf" im Wiener Metrokino ein Gespräch zum Thema "Zwei Seiten einer Staatsgründung – 70 Jahre Israel. Über das Leben in einem umkämpften Gebiet" statt. Am Podium sind Timna Brauer (Sängerin), Mustafa Abdul-Hadi (palästinensischer Aktivist), Simon Wieland (Regisseur UNSER KAMPF) und Fernando Romero Forsthuber (Regisseur NAMRUD), Moderation: Robert Treichler (Ressortleitung Ausland, profil).

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