Der Fluch der guten Tat
Gesellschaft

RB Salzburg in der Champions League: Der Fluch der guten Tat

RB Salzburg spielt um den Aufstieg ins Champions League-Achtelfinale – die Erwartungen an den Verein steigen unverschämt, auch wenn das ungerecht ist.

Es war ein Gegentor, das komischerweise bei manchem die Freude trübte. RB Salzburg überrollte den KRC Genk nach einem 6:2 im eigenen Stadion auch auswärts 4:1. Doch danach wurde viel über den Gegentreffer gesprochen – von Fernsehexperten, den Spielern, dem Trainer. Eigentlich, sagte Sky-Experte Andreas Herzog, hätte er zur Pause kritische Worte notiert gehabt; doch dann fiel das 1:0 und das 2:0 für Salzburg in den letzten Minuten der ersten Spielhälfte. Dabei dominierte RB Salzburg den Gegner auch vor den beiden Toren. Auswärts. Den belgischen Meister.

Die Salzburger Spieler sind 113 Millionen Euro wert, jene von Genk 122 Millionen. Die belgische Liga liegt klar vor der österreichischen. Und: RB Salzburg hat vor der Saison nicht nur den Erfolgstrainer verloren, sondern die halbe Mannschaft. Doch die Erwartungshaltung blieb unverändert. Die Neuen spielten vom ersten Saisonspiel an, als wäre nichts gewesen. In der Liga hat man von fünfzehn Spielen keines verloren, dreizehn gewonnen. Und in der Champions League wird der Aufstieg ins Achtelfinale in zwei Wochen gegen den wohl besten Klub der Welt, den FC Liverpool, ausgefochten.

RB Salzburg hat sich die Latte selbst hoch gelegt – indem man vor zwei Spielzeiten das Europa League-Halbfinale erreichte und heuer Topklubs die Stirn bietet. An das giftige, dominante Spiel der Salzburger hat sich die Öffentlichkeit gewöhnt. Salzburg will immer und überall angreifen und gewinnen.


Salzburg hat sich ein Konzept geschneidert, das den Klub immer weiter wachsen lässt. Der Verein hat eine Philosophie entwickelt, der sich alles unterordnet: vor allem Spieler und Trainer.

Der Klub zeigt ständig Topleistungen, der LASK ebenso. Zuletzt besiegten die Linzer den großen PSV Eindhoven 4:1. Das alles ist keine Selbstverständlichkeit. Wahrgenommen wird es anders: Spielt Salzburg jede Woche phänomenal, ist schnell ein gutes Spiel nur mehr befriedigend. Salzburg hat sich ein Konzept geschneidert, das den Klub immer weiter wachsen lässt. Der Verein hat eine Philosophie entwickelt, der sich alles unterordnet: vor allem Spieler und Trainer. Man verkauft Fußballer mittlerweile um zweistellige Millionenbeiträge, die vor Jahren am österreichischen Markt noch als unrealistisch abgestempelt worden wären. Salzburg ist kein neureicher Klub, der bloß von endlos strömenden Geldflüssen profitiert, sondern vorhandene Mittel effizienter einsetzt als die meisten Klubs weltweit. Das verschafft ihnen einen Wettbewerbsvorteil - sogar in der Königsklasse.

Doch die Öffentlichkeit glaubt oft nur, was sie sieht. Spielt Salzburg packenden Fußball, müssen die Spieler Weltklasse und das viele Geld verantwortlich sein, dann wird erwartet, was so oft geboten wurde. An der Nationalmannschaft beispielsweise wollen viele erkannt haben, dass die Spieler doch nicht so gut sind, wie eben gedacht – obwohl das nicht stimmt. Die Nationalmannschaft wird an dem Gezeigten gemessen wie Salzburg. Nur, dass das zwei unterschiedliche Erwartungshaltungen hervorruft und es ungerecht erscheint, dass ein konzeptionell nach unten nivelliertes Spiel keine und ein bewusst nach oben geschraubter Kick hohe Erwartungen auslöst. Vieles liegt an der idealen Spielweise, nicht in erster Linie an den Spielern. Beispiel Bayern München: Dort sieht man derzeit wohl am besten, was passiert, wenn der eine Trainer eine hochveranlagte Mannschaft nach Führung passiv werden, und ein anderer sie jederzeit aktiv agieren lässt.

In Salzburg ist das dominante Spiel zu einem jederzeit verfügbaren Gut geworden, zu etwas Selbstverständlichem. Ein 10:3-Gesamtresultat in Spielen gegen den belgischen Meister wird mittlerweile als gewöhnlich betrachtet; führt Salzburg zur Halbzeit mal nicht klar, wird irritiert aufgeschaut. Es mag der ungerechte Fluch der guten Tat sein, der Salzburg in diesen Momenten einholt und das Außergewöhnliche zur Selbstverständlichkeit kleinmacht.