"Nur weil ich glücklicher bin, heißt das nicht, dass ich keine guten Lieder mehr schreiben kann.“ Steve Mason live

"Nur weil ich glücklicher bin, heißt das nicht, dass ich keine guten Lieder mehr schreiben kann.“ Steve Mason live

Gesellschaft

Verbindungsmänner

Der Musiker Steve Mason litt 15 Jahre an Depressionen. Seine Lieder haben Joseph* dabei geholfen, sich nicht aufzugeben. Mit Hilfe der Musik haben sich beide wieder zurückgekämpft.

Josephs Weg aus der Depression ist 15 Kilometer lang. Er führt von der Effingergasse in Ottakring auf die andere Seite der Donau zur Schererstraße in der Leopoldau. Mit dem Fahrrad dauert die Strecke eine Stunde. Es ist Mai des Vorjahres, blauer Himmel, kräftiger Sonnenschein. Der Frühling hat den Winter abgelöst. Ein guter Zeitpunkt, um sich auf den Weg zu machen. Sechs Wochen lang fährt Joseph die Strecke von seiner Wohnung bis zum Wiener Zentrum für seelische Gesundheit. Fünf Tage die Woche, 15 Kilometer hin, 15 Kilometer retour. Am Ende der 900 Kilometer schöpft er neues Selbstvertrauen. Dazwischen: Gruppentherapie, Ängste überwinden und Steve Mason.

Steve Masons Weg aus der Depression war 15 Jahre lang – oder acht Alben. „Ich habe soviel Zeit damit verbracht, bis ich sie totgeschlagen habe. Es hat lange gedauert, aber nun habe ich keine Angst mehr, dass sie wieder kommt“, sagt Mason. Der 42-Jährige sitzt im Backstageraum des Musikklubs „Lemon Tree“ in Aberdeen, öffnet eine Flasche Mineralwasser, wartet auf den Soundcheck und erzählt wie es ihm geht, nach all den Jahren und all den Alben. Mit der Beta Band stand der schottische Musiker, den The Guardian einen der fesselndsten Singer/Songschreiber nennt, Anfang der 2000er-Jahre kurz davor, Oasis vom britischen Musikolymp zu schubsen. Doch statt dem großen Durchbruch kam es zum Zusammenbruch der Band im Jahr 2004. Sein eigener folgte zwei Jahre später.

1000 Alben und Platten in Josephs Sammlung.

Die Wege von Joseph und Steve Mason kreuzen sich erstmals im Frühling 2013, als Masons Album „Monkey Minds in the Devil’s Time“ erscheint. „Ich habe das Album auf und ab gehört. Es war damals schwierig für mich, unter Menschen zu gehen. Masons Album war wie ein Trost, eine Art Freundschaft“, erzählt Joseph. Immer wieder hört er das Album: beim Radfahren, zu Hause, im Zug. Eine Stimme, die ihm bei jedem Hören ein Stück näher kommt. In Josephs Wohnung stehen mehr als 1000 Platten, Singles und CDs. Von manchen Veröffentlichungen hat der 34-Jährige fünf Stück. Rotes Vinyl, graues Vinyl, schwarzes Vinyl, blaues Vinyl, gelbes Vinyl. Im Jahr 2013 ist die Platte von Steve Mason seine wichtigste. „Das Album war für mich schwer fassbar. Die Stimmung, dieses Durcheinander, war mir aber sehr vertraut. Ich musste gar nicht viel über Steve Mason wissen. Ich habe mich verstanden gefühlt.“„Monkey Minds in the Devil’s Time“ ist ein unüberschaubares Album. 20 Lieder, die hin und herspringen, in Stimmung und Ton. Formel 1-Renneräusche wechseln sich ab mit zaghaft-zuversichtlichen Popstücken. Hochsteigende Gospeltöne vermischen sich mit faustlauten Rapteilen. Treibend, ruhig, wütend, traurig, beruhigend, aufwühlend.

Für Steve Mason ist es das Album, das ihn aus dem Wald bringt. Nach der Auflösung der Beta Band zieht er von London in ein kleines Haus im Wald in der Nähe von Edinburg. Seine Angstzustände begleiten ihn mittlerweile seit zehn Jahren. „Es gab eine Zeit, da bin ich herumgefahren und habe mir angeschaut, gegen welchen Baum ich krachen könnte.“ Er begibt sich in Therapie und kümmert sich um seinen Kopf, wie Mason es nennt „Das hat fünf Jahre gedauert.“ Am Ende dieser Zeit, im Jahr 2010, veröffentlicht er sein erstes Soloalbum unter seinem Namen Steve Mason. Er ist zu diesem Zeitpunkt Ende Dreißig, verharrt aber noch drei Jahre im Schutz des Waldes. Erst nach dem nächsten Album, nach „Monkey Minds in the Devil’s Time“, fühlt er sich sicher genug, um sein altes Leben hinter sich zu lassen. „Ich bin nach einer Tour für das Album nachhause gekommen, habe die Tür aufgemacht und mir gedacht: Was zur Hölle mache ich hier. In dieser Gegend gibt es einfach nichts!“ Er habe die Zeit, das Alleinsein, die Einöde gebraucht. Aber ihm wurde klar, dass der Wald seinen Zweck erfüllt hatte und er weiterziehen wollte. Kurz darauf übersiedelt Mason nach Brighton im Süden Englands.

Zunächst genießt Joseph die freie Zeit zuhause. Doch bald schon werden die Tage und Wochen bedrückend lang.

Als Mason seinen Umzug in Angriff nimmt, nehmen Josephs Panikattacken zu. Die Arbeit im Elektromarkt schnürt ihn ein, bei Kundengesprächen fängt er an zu schwitzen, er wird häufig rot im Gesicht. Er nimmt seit einem Jahr Antidepressiva und geht zweimal monatlich zum Psychotherapeuten. Die Medikamente helfen, aber die Angst bleibt. Nach einigen Monaten, im Sommer 2014, verliert Joseph seine Arbeit. Anfangs tun ihm die vielen freien Stunden und Tage gut. Doch desto länger diese werden, umso mehr werden sie zur Belastung. Stunde um Stunde, Tag um Tag, Monat um Monat. Die sozialen Kontakte werden weniger. Konzertbesuche lässt er ausfallen, Treffen mit Freunden sagt er ab, Einkäufe im Supermarkt vermeidet er. Jede Begegnung gleicht einem Bergaufstieg ohne Proviant und Wasser. Viel Kampf, wenig Energie. Froh, über jede Verschnaufpause am Wegesrand. Der Herbst vergeht, sein Zustand bleibt. Der Winter kommt, die Ängste nehmen zu. Er bemüht sich um Arbeit, stellt sich hin wieder vor. Verlegenheitsbewerbungen für Stellen, die er nicht haben möchte, bei Firmen, die ihn nicht brauchen können. Es fehlt ihm das Vertrauen in seine Talente, die Kraft, diese zu verfolgen. Noch. Es vergeht ein Jahr bis Joseph über das Fit for Work-Programm des Arbeitsmarktservice einen Termin bei einer psychiatrischen Fachärztin bekommt. Diagnose: mittelschwere Depression. Mit der Diagnose kann er bei seiner Krankenversicherung einen Rehaplatz beantragen. „Diese Zeit war zermürbend und hoffnungsvoll zugleich“, erzählt Joseph. Hoffnungsvoll, weil ihm die Aussicht auf eine Reha wieder eine Perspektive bietet. Die Behandlung ist zudem kostenlos, selbst hätte er sie nicht finanzieren können. Zermürbend, weil die Krankenversicherung sein Ansuchen verlegt und immer wieder aufs Neue Unterlagen von ihm haben möchte. „Das war mühsam. Ich weiß nicht mehr, wie viele E-Mails ich geschrieben und Telefonate ich geführt habe. Aber ich musste dranbleiben.“ Nach zwei Monaten bekommt er die Zusage. Sein erstes Erfolgserlebnis nach 18 Monaten.

„Willkommen in Aberdeen!“, schreit ein junger Mann als Steve Mason auf die Bühne kommt. „Willkommen zu meinem Gig!“, krächzt Mason mit tiefer Stimme zurück. Gelächter, Bierbecher werden in die Höhe gehalten, vorfreudiges Köpfe recken. Unter den 200 Besuchern sind viele Männer in Josephs Alter. Die Stimmung ist intim, schafft Nähe. Die meisten hier kennen Masons Geschichte, den Aufstieg mit der Beta Band, den Zusammenbruch, die Rückkehr aus dem Wald. Es ist auch ihre Geschichte. „Manchmal kommen nach dem Konzert Leute zu mir, häufig Männer, und bedanken sich für meine Lieder und Offenheit.“ Mason spielt an diesem Abend Stücke aus allen Abschnitten seines Lebens. Darunter auch aus „Monkey Minds in the Devil’s Time“. Joseph hört in seiner schwierigen Phase vor allem zwei Stück daraus: „Never Be Alone“ und „Come to Me“. „Never Be Alone“ schleicht 4:34 Minuten lang knapp über dem Boden. Wenn Mason singt „So I'm fighting on my own/ You never feel alone that's alright“ verspricht es kurz einen Höhepunkt, der nicht eintritt. Das Lied fühlt sich knapp über dem Boden wohler, bewegt sich lieber langsam durch den Raum. Auch „Come to Me“ setzt nicht zu Luftsprüngen an. Aber anstatt zu schleichen, geht es aufrecht, stetig und ruhig voran. Ertönen mit „And when you come to me in the dead of night/ And I convince myself it'll be alright“ die letzten Zeilen, nickt bereits der Kopf zum Rhythmus und man erwischt sich beim Mitpfeifen. Dieses Kopfwippen und Mitpfeifen bei „Come to Me“, das letzte Lied des Albums, ist ein Vorbote.

Bier, Applaus und eine vertraute Geschichte: Steve Masons Publikum.

Bier, Applaus und eine vertraute Geschichte: Steve Masons Publikum.

Nach seinem Umzug nach Brighton beginnt Mason die Arbeit an seinem neuen Album. Es erscheint im März 2016 und heißt „Meet the Humans“. Mason ist darauf kein anderer Mensch. Tod, das Ende einer Beziehung, Zweifel finden sich in den zwölf Songs. Aber der Ton hat sich gewandelt. „Ich bin so lange alleine zuhause gesessen, habe an traurige Dinge gedacht und traurige Lieder geschrieben. Ich wollte endlich wieder mit anderen Menschen zusammenarbeiten und Freude am Musikmachen haben.“ Brighton ist für ihn der ideale Ort dafür. Er trifft sich mit anderen Musikern, tauscht sich aus, schreibt gemeinsam Lieder. „Ich habe mir gesagt, nach all der Zeit habe ich es mir verdient, Spaß an meiner Arbeit zu haben.“ Die Verletzlichkeit ist geblieben, hinzugekommen ist die Akzeptanz seiner eigenen Schwächen, Ängste und Freuden. „Meet the Humans“ schafft es auf die Longlist für das beste Album Schottlands des Jahres 2016. „Nur weil ich glücklicher bin, heißt das nicht, dass ich keine guten Lieder mehr schreiben kann.“

Als „Meet the Humans“ erscheint, bereitet sich Joseph auf seine Reha im Zentrum für seelische Gesundheit vor. Sein Zustand hat sich verbessert. Der Frühling tut ihm gut, die Antidepressiva geben Stabilität, er liest Bücher über geistige Gesundheit. Jeden Morgen setzt er sich auf einen Stuhl und macht 15 Minuten Entspannungsübungen. Als er sich Ende April das erste Mal auf das Fahrrad setzt, um die 15 Kilometer in die Leopoldau zurückzulegen, ist er angespannt, aber nicht ängstlich. Er hat wieder einen guten Grund, sich jeden Tag aufzumachen. In den Gruppengesprächen spricht er nach anfänglicher Überwindung offen über sich und lernt von den Reaktionen der anderen. Viele seiner Mitpatienten haben Schwierigkeiten, das Haus zu verlassen. Dass Joseph den Weg zur Reha mit dem Fahrrad zurücklegt, ist für sie, als ob er einhändig fünf Bälle jongliert. „Ich habe gemerkt, dass es keinen Grund gibt, Angst davor zu haben, was andere über mich denken oder ob ich beurteilt werde. Desto ehrlicher ich über mich erzählt habe, umso mehr kamen die anderen auf mich zu.“ Sein Selbstvertrauen kehrt zurück. Um sich seiner größten Angst, dem Sprechen vor anderen, zu stellen, hält er ein Referat über seine Lieblingsband, die ihn seit Jugendtagen begleitet. Früher, wenn er Schulungen für Mitarbeiter geben musste, wurde er panisch. Die Vorträge endeten häufig im Schamgefühl. Im Schutz der Reha ist er zwar auch aufgeregt, lässt sich von seiner Nervosität aber nicht aus der Bahn werfen. Als er nach sechs Wochen und vielen Gesprächen das letzte Mal die 15 Kilometer zurück in seine Wohnung fährt, hat Joseph das Gefühl, seine Ängste gut in seinem Rucksack verstaut zu haben. „Ich wollte den Schwung nutzen und aktiv bleiben. Mir war klar, dass es immer noch schwierig sein würde. Aber meine alte Starre hatte sich gelockert.“

Joseph fühlt sich unter Freunden wieder wohl, knüpft vereinzelt neue Kontakte, bewirbt sich für Jobs, die ihn tatsächlich interessieren. Nach ein paar Wochen fährt er zu einem Fahrradgeschäft, das einen Verkäufer sucht. Der Chef hat jedoch zunächst keine Zeit für ihn. Über 40 Bewerber waren bereits vor Joseph hier – ohne Erfolg. „Ich habe mir gesagt, ich fahre solange hin, bis ich entweder eine Chance oder eine Absage bekomme.“ Er ruft an, schaut wieder vorbei. Am Ende des Sommers gibt ihm der Chef eine vierwöchige Probezeit. Die Probe gelingt, und nach über zwei Jahren ohne Arbeit hat er eine neue Aufgabe. Steve Mason nimmt er mit. Nach ein paar Monaten und mehr Vertrauen übernimmt Joseph die Musik im Geschäft und stellt Playlists für das Hausradio zusammen. Bands und Lieder, die ihm – je nach Stimmung – durch den Arbeitstag begleiten. Darunter auch Steve Masons „Never Be Alone“.

Steve Mason ist mittlerweile in den Wald zurückgekehrt. Zumindest kurzfristig. Im Sommer spielt er sechs Konzerte im Rahmen der „Forest Live Shows“ in England – und kündigt die Shows an mit dem Kommentar: „Ich kann’s kaum erwarten. Wir sehen uns im Wald!“

Manchmal, wenn es für Joseph stressig ist und neue Situationen auf ihn zukommen, läuft er noch Gefahr, in alte Muster zu verfallen, fängt wieder an zu schwitzen. Dann tritt er einen Schritt zurück, fragt sich, was er besser machen und wie er sich aus der negativen Routine lösen kann. „Ich bin in den letzten zwei Jahren kein anderer Mensch geworden. Aber ich habe gelernt, was ich tun kann, wenn ich mich nicht wohl und traurig fühle.“

Musik zu hören, ist immer noch ein wichtiger Teil davon – und sie ist auch gut für das Geschäft. Zu Frühlingsbeginn, knapp ein Jahr nachdem sich Joseph jeden Tag 15 Kilometer hin und retour auf den Weg gemacht hat, kommt eine Australierin in den Fahrradladen. Sie setzt sich auf ein elegantes Damenrad, hebt den Kopf, streckt die Ohren, lauscht der Musik und fragt erstaunt: „Das kenne ich doch...Ist das nicht?“ „Courtney Barnett“, antwortet Joseph. Er schmunzelt - denn er hat die australische Singer/Songwriterin auf seine Playlist gesetzt.

* Name von der Redaktion geändert.

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