„Keine Angst mehr“
Kultur

Campino: „Bin so durchgeprügelt worden, dass es mir scheißegal ist, was man über mich sagt.“

Seit 35 Jahren ist die Düsseldorfer Rock-Institution Die Toten Hosen auf der Suche nach Radau und guter Laune. Sänger Campino spricht im profil-Interview über Verluste, die Kritik an seinem sozialen Engagement – und warum das neue Album „Laune der Natur“ weder nach AC/DC noch nach David Bowie klingt.

profil: Das neue Album hatte Ihre Band erst kurz vor dem letztmöglichen Abgabetermin fertig im Kasten. Warum mussten Sie so lange daran schrauben?
Campino: Warum wir diesmal so in Not gekommen sind, kann ich gar nicht sagen. Wahrscheinlich ist es immer so, dass man sich bis zum letzten Tag jede Option offen halten möchte. Irgendwann ist es wie in einer Schulprüfung, und der Lehrer reißt dir das Heft weg – ob du willst oder nicht. Die Zeit ist um. Auf der neuen Platte sind ja nur 15 Songs, wir haben aber 475 verschiedene Versionen eingespielt. Manchmal passte der Text noch nicht, oder es musste an der Musik gefeilt werden. Steuern kann man diesen Prozess nicht. Die Essenz eines Albums ergibt sich meist erst ganz am Schluss.

profil: Ist es mit den Jahren schwerer geworden, einen gemeinsamen Sound zu finden?
Campino: Der Sound ist nicht das Problem. Mit den Jahren ist für alle Bandmitglieder immer mehr Mitleben entstanden. Es gibt das Toten-Hosen-Leben und daneben noch das Familienleben, oder was sich sonst so abspielt. Früher waren wir ohnehin immer zusammen. Jetzt ist es schwieriger geworden, diszipliniert an die Arbeit zu gehen.


Früher war die Prämisse: Die Gitarren müssen lauter sein! Heute lachen wir darüber.

profil: Was ist mit den Jahren einfacher geworden?
Campino: Das Verständnis, die Offenheit, mit der wir Sachen heute angehen. Wir haben keine Angst mehr, in fremden Genres zu wildern.

profil: Versucht man mit „Laune der Natur“ wieder eine Spur erdiger zu klingen?
Campino: Das kann ich nicht sagen. Früher war die Prämisse: Die Gitarren müssen lauter sein! Heute lachen wir darüber. Das ist auch eine Frage der musikalischen Sozialisation. Entweder machst du es wie Angus Young von AC/DC und bewegst dich in einem sehr kleinen Kosmos, oder du machst es wie David Bowie, der sich mit jedem weiteren Album neu erfand. Die Toten Hosen wollten sich immer nur nach ihrer Laune richten, keine Stagnation, aber auch kein zwanghaftes Weiterkommen. Ein neues Album ist eben nur eine Momentaufnahme.

profil: Was würde der „Opelgang“-Campino der frühen 1980er-Jahre über das heutige Album sagen?
Campino: „Nicht schlecht für ein paar alte Säcke.“ Ich hoffe, dass es dem jungen Campino gefallen würde. Außerdem glaube ich, dass man bei den neuen Songs noch immer die alten Hosen raushören kann. Einen zu großen Bruch hat es nicht gegeben.

profil: Wirft nicht jedes Album auch die Frage auf, wie lange man noch weitermachen möchte?
Campino: Nach jeder Scheibe gibt es ein Gefühl der Leere und Ambivalenz: einerseits Erleichterung, dass es geschafft ist, andererseits stellt man sich die Frage, was man hätte besser machen können. Nach acht, neun Monaten intensivster Arbeit ist es unmöglich, die Songs neutral zu hören. Dass man sich nach so einem Prozess immer wieder die Frage stellt, ob man danach je wieder neue Songs schreiben kann, weil ohnehin alles gesagt wurde, ist nicht nur normal, sondern richtig. Es zwingt uns ja niemand, ein neues Album zu veröffentlichen. Nach 35 Jahren im Geschäft passiert das eher intuitiv.

Die Toten Hosen

Schicksalsbande. Die Toten Hosen sind: Andreas von Holst, Campino, Vom Ritchie, Andreas Meurer und Michael Breitkopf (v.l.n.r.).

profil: Letztes Jahr starb der ehemalige Drummer Wolfgang „Wölli“ Rohde, ein Jahr davor der Manager Jochen Hülder. Wie gehen Sie mit Ihrer eigenen Endlichkeit um?
Campino: Der Tod war bei uns schon immer Thema. Schon wegen des Bandnamens. Der Tod wird in unserer Gesellschaft auf eine mir nicht verständliche Weise tabuisiert. Die Uhr läuft für alle von uns, das wird einem mit jedem Todesfall im Umfeld bewusst. Ich behaupte, es ist ein Geschenk, mit dieser Band immer noch existieren und das Leben zelebrieren zu dürfen – solange wir noch bei Kräften sind. Jammernde Tote Hosen braucht niemand.

profil: „Kein Grund zur Traurigkeit“ wurde von Wolfgang Rohde für ein Soloprojekt geschrieben und eingesungen. Jetzt erscheint es als Abschlussnummer auf dem neuen Album. Wie kam es dazu?
Campino: Wölli hatte in seinen letzten Lebensmonaten noch so viel vor, wollte auch noch Lieder schreiben. Leider sind die Textfragmente, die er vor seinem Tod im Krankenhaus verfasst hat, verschwunden. Wir sind dann bei seinen Soloarbeiten auf diesen schönen Song gestoßen, haben die Stimme rausgefiltert und musikalisch neu eingespielt. Das ist unser letzter Gruß.

profil: Was haben Sie durch die Musik für das Leben gelernt?
Campino: Selbstsicherheit und Standhaftigkeit. Früher haben wir alles mit Großschnäuzigkeit überspielt. Heute können wir es uns leisten, entweder Radau zu schlagen oder ganz leise zu spielen – wie es uns gerade passt. Wir haben keine Angst vor klassischen Instrumenten, vor Orchester-Variationen, sind viel offener geworden und haben nicht mehr die Sorge, uns ständig als Punkband beweisen zu müssen.

profil: Welchen Grund gibt es für Die Toten Hosen, heute noch ein Album zu veröffentlichen?
Campino: Die Chance, dass wir unser bestes Lied noch schreiben werden, steht durchaus im Raum. Dieser Gedanke treibt uns bis heute an. Das ist wie beim Lottospielen – nächste Woche könnte es so weit sein.

profil: Mit der Single „Tage wie diese“ haben Sie 2012, 30 Jahre nach Bandgründung, Ihren wohl größten Erfolg verbucht.
Campino: Wir hatten in den Neunzigern mit dem Song „Zehn kleine Jägermeister“ und dem Album „Opium für das Volk“ auch so einen Hit. Aber nach 30jährigem Bestehen war es für uns schon überraschend, dieses Highlight erleben zu dürfen. Am Ende ist es wie im Sport: Wen interessieren schon die Pokale und Meisterschaften von gestern? Die stehen im Regal – und da gehören sie auch hin.


Wir können unsere Musik nicht nur an Menschen verkaufen, die uns politisch oder privat wohlgesonnen sind. Das wäre idiotisch.

profil: „Tage wie diese“ wurde unter anderem von Helene Fischer gecovert. Bereut man einen solchen Über-Hit im Nachhinein?
Campino: Ich weiß nicht, wie uns das Lied zugelaufen ist, aber ich bin nach wie vor froh darüber. Wenn ich wüsste, wie es geht, würde ich jeden Montag so ein Ding raushauen. Eines darf man aber nicht vergessen: Jeder Song entwickelt ein Eigenleben, und wir sind keine Charakter- oder Geschmackspolizei. Wir können unsere Musik nicht nur an Menschen verkaufen, die uns politisch oder privat wohlgesonnen sind. Das wäre idiotisch. Ich vergleiche solche Songs gern mit einem Strauß Blumen, der auf Politveranstaltungen oder Schlager-Festen herumgereicht wird. Die Blumen können auch nichts dafür, wem sie in die Hand gedrückt werden – schlechte Blumen sind es trotzdem nicht.

profil: Darf die neue Rebellion nach Schlager klingen?
Campino: Für unsere Lieder müssen wir uns nicht mehr rechtfertigen. Viele Leute, die uns für diesen Song angegriffen haben, habe ich 1980 nicht in den besetzten Häusern gesehen, in denen wir uns mit den Bullen geprügelt haben. Außerdem: Man muss Die Toten Hosen ja nicht gut finden. Wir können niemanden zwingen, die Platten zu kaufen.

profil: Muss man, um als Band erfolgreich im Mainstream zu reüssieren, mit einem Teil der Ultra-Fans brechen?
Campino: Anlegen würde ich es darauf nicht. Man sollte aber keinesfalls, nur um Frieden mit den Fans zu haben, seine eigenen Prinzipien verraten. Man mag Die Toten Hosen ja nicht nur wegen der Musik, sondern wegen der Grundhaltung, der Philosophie. Solange man das teilt, geht man ein Stück des Weges zusammen. Wie in jeder Beziehung kann man sich auch mal auseinanderleben –manchmal kracht es halt richtig, und man hat sich nichts mehr zu sagen. Im Grunde hatten wir immer ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Fans. Stalking oder Bedrohungen gab es kaum.


Wir leben in Zeiten, wo ein Witz gelegentlich mehr Wertigkeit zu besitzen scheint als die Vernunft.

profil: Ihr soziales Engagement scheint manchen Menschen auf die Nerven gehen.
Campino: Wir leben in Zeiten, wo ein Witz gelegentlich mehr Wertigkeit zu besitzen scheint als die Vernunft. Vor allem die „Band Aid“-Aktion gegen Ebola wurde heftig niedergemacht. Das hatte zur Folge, dass auch im Grunde spendenwillige Menschen verunsichert wurden. Wo fließen die Gelder hin? Wollen sich die Musiker nur profilieren? Man hat versucht, sich mit aller Gewalt über das Projekt lustig zu machen – und teilweise wurde es so diskreditiert. Ein paar Jahre später kann ich sagen: Über fünf Millionen Euro wurden für das Projekt gesammelt, Schulen für Vollwaisen in Westafrika gebaut. Diese schönen Nachrichten finden dann in Zeitungen und auf Twitter leider keinen Platz.

profil: Wäre eine Aktion wie diese aktuell noch möglich?
Campino: Viele Künstler hätten vielleicht Angst, angeschossen zu werden. Das „Voices for Refugees“-Konzert 2015 in Wien war das letzte Solidaritätskonzert, das noch im großen Stil funktioniert hat. Es gab zu der Zeit den Plan, so ein Konzert auch in Berlin stattfinden zu lassen. Auch ein Platz war schon angemietet. Später hieß es, dass es aus logistischen Gründen nicht umzusetzen wäre. Tatsache ist, dass man nicht genügend Künstler gefunden hat, die mitmachen wollten. Viele hatten Angst um ihren guten Ruf.

profil: Geht Ihnen das nahe?
Campino: Ich bin mittlerweile so durchgeprügelt worden, dass es mir scheißegal ist, was man über mich sagt. Wir sind da jenseits von Gut und Böse. Vor allem in Deutschland findet man uns entweder scheiße oder gut. Viel Austausch gibt es da nicht mehr. Wirklich beeindrucken lassen wir uns von Shitstorms aber nicht – da haben wir schon ganz andere Stürme überlebt.

Im kleinen Rahmen. Die Toten Hosen bei ihrem "Wohnzimmerkonzert" in einer Wiener Studentenvereinigung.

profil: Gibt es Dinge, die Sie bereuen?
Campino: Sehr viele. Aber am meisten habe ich in meinem Leben aus fürchterlichen Momenten und bitteren Niederlagen gelernt. Man darf sich in solchen Momenten nicht den Mut verlieren, muss sich neu justieren. Auch die Dinge, die ich bereue, haben mich erst zu der Person gemacht, die ich heute bin. Ungeschehen kann ich sie ohnehin nicht machen. Aus Triumphen und Erfolgen lernt man nicht viel.

profil: Welche Spuren hinterlassen 35 Jahre Punkrock?
Campino: Schauen Sie mich an! Man entscheidet sich ja nicht für dieses Leben, vieles passiert einfach. Für uns war es wohl Schicksal, dass wir uns als Freunde getroffen haben und jeder seinen Platz in der Band gefunden hat. Dass unsere Lieder auch heute noch Relevanz haben, dass Leute darüber streiten, ist doch fantastisch. Eines ist immerhin klar: Eine Wurlitzer-Band sind wir nicht geworden.

Campino, 54,
wurde als Andreas Frege in Düsseldorf geboren. Seit 1982 ist er Sänger und Texter der Band Die Toten Hosen. Als Schauspieler trat er für Wim Wenders („Palermo Shooting“, 2008) und in der „Dreigroschenoper“ (Regie: Klaus Maria Brandauer) als Mackie Messer auf. Campino ist leidenschaftlicher Anhänger der Fußballklubs Fortuna Düsseldorf und FC Liverpool.

Interview: Philip Dulle

Die Toten Hosen - Unter den Wolken

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