"Ich fand diese Hierarchien abstoßend"
Kultur

Lisa Mai: "Ich fand diese Hierarchien abstoßend"

Lisa Mai leitet das barrierefreie Kurzfilmfestival dotdotdot. profil hat mit der Kuratorin über Kultur als Menschenrecht, das Reisen und Frausein in der Filmbranche gesprochen.

profil: Warum der Name dotdotdot?
Lisa Mai: dotdotdot ist wie die drei Punkte am Ende eines Satzes. Das steht für das, was offen bleibt, für die Auslassungen und es steht auch einfach dafür, dass sich Raum öffnet. Es geht nicht darum, etwas fertig zu erzählen es geht nicht darum, etwas zu behaupten, das nicht hinterfragt werden kann. Es steht dafür, dass die Dinge einfach offen sind. Wir arbeiten mit Kurzfilmen im Sinne von Impulsgebern, das heißt, wir schicken unsere filmischen Impulse einfach über die Leinwand und lassen die einfach so los und die Leute das weitertransportieren, was sie mitgenommen haben.

profil: Ist das der Reiz am Format Kurzfilm?
Mai: Langfilme haben eher den Anspruch etwas abzuschließen. Bei einem Kurzfilm wissen die Filmschaffenden genau, wie sie mit dieser Zeit haushalten müssen. Die besten Kurzfilme sind die, wo Inhalt und Form eine Perfektion finden. Die schlimmsten sind die, wo jemand versucht einen Langfilmstoff einfach in 20 Minuten unterzubringen. Was mich auch als Kuratorin interessiert, ist die Tatsache, dass man sich mit mehreren Kurzfilmen an einem Abend von unterschiedlichen Seiten an ein Thema annähern kann. Man kann verschiedene Positionen zueinander Stellen. Die Filme treten immer auf eine gewisse Art miteinander in Dialog. Jeder Abend ist quasi handverlesen und behandelt ein Thema zu einem Programmschwerpunkt.

Das Festival im Garten des Volkskundemuseums

Das Festival im Garten des Volkskundemuseums

profil: Du feierst mit dotodotdot heuer 10 Jahre Filmfestivalleitung. Wie bist du auf die Idee gekommen ein barrierefreies Kurzfilmfestival zu gründen?
Mai: Wir haben vor dotdotdot von 2010 bis 2014 das Open Air Festival espressofilm betrieben. Damit wollten wir Kurzfilm bei freiem Eintritt zugänglich zu machen und aus diesem klassischen Kinosetting zu befreien. Nach fünf Jahren war es dann einfach Zeit, dieses Projekt neu zu denken. Was mich immer sehr neugierig gemacht hat, war zu überlegen: Wen wollen wir damit erreichen? Wie können wir Menschen erreichen, die bisher noch nicht ins Kino gelockt worden sind? Was müssen wir tun, um diese Menschen teilhaben lassen zu können? Das war dann der Start von dotdotdot. Da haben wir dieses Konzept, das wir hatten nochmal auf Herz und Nieren geprüft und überlegt, wo wir damit hinwollen.


Es ist immer ein bisschen unangenehm, während man sich über den Globus bewegt, darüber nachzudenken, wer eigentlich die Freiheit hat zu Reisen, und wem diese Freiheit untersagt wird.

profil: Wie finanziert sich so ein Projekt?
Mai: Wir mussten gleich am Anfang, als wir noch voller Motivation mit dem Relaunch beschäftigt waren leider sehr ernüchtert feststellen, dass es für barrierefreie Maßnahmen im Kulturbereich einfach gar keine Förderungen gibt. Die Teilhabe am kulturellen Leben ist aber ein Menschenrecht und es ist auch verankert in der UN-Behindertenrechtskonvention dass Menschen mit Behinderung am kulturellen Leben teilhaben müssen. Und trotzdem gibt es keine Mittel dafür. Nachdem wir das festgestellt hatten und aber klar war, dass wir das Projekt nicht abschreiben wollen, haben wir überlegt, wie wir die Besucherinnen involvieren können, so dass gleichzeitig finanzielle Mittel generiert werden, damit wir diese barrierefreien Maßnahmen umsetzen können, aber immer noch so viele Menschen wie möglich teilhaben können. Nach dem »Pay as you can«-Prinzip laden wir alle Festivalteilnehmerinnen, die es sich leisten können, ein, ein Ticket zu einem Preis in frei wählbarer Höhe zu kaufen.

profil: Die Schwerpunkte dieses Jahr sind „Open Roads“ und Japan. Warum diese beiden Themen?
Mai: „Open Roads“ ist ein Thema, das ich schon lange machen wollte. Das ist jetzt ganz gut zusammen gefallen mit unserem Geburtstag. Ein Jubiläum ist ein Moment, an dem man innehält, um auf die vergangene Reise zu blicken, aber auch, um zu schauen, wo es eigentlich hin geht. Wir beschäftigen uns bei diesem Thema mit Reisefilmen im weitesten Sinne. Es ist also auch ein Programm, das im Sommer gut passt. Ich finde Reisen sehr wichtig, denn man wird viel offener, man nimmt viel mehr mit, man lässt viel mehr zu. Und dann kommt man wieder nach Hause und diese Momente sind alle weg, wo man sich mit ganz fremden Menschen im Zug unterhalten hat. In der U-Bahn würde das keiner machen. Ich finde das ganz schön darüber nachzudenken. Gleichzeitig ist es immer ein bisschen unangenehm, während man sich über den Globus bewegt, darüber nachzudenken, wer eigentlich die Freiheit hat zu Reisen, und wem diese Freiheit untersagt wird.

profil: Und Japan?
Mai: Japan wollte ich schon lange als Filmland featuren. Aus Japan kommen wirklich unerhört großartige Kurzfilmproduktionen her. Da entsteht so viel Verrücktes, Tolles.


Solange diese Branche nicht so ist, wie ich sie mir vorstelle, arbeite ich dort nicht.

profil: Nach welchen Kriterien kuratierst du die Filme?
Mai: Das Wichtigste ist eine eigene künstlerische Handschrift. Eine klare, artikulierte politische Haltung ist ebenso wichtig. Das kann zu allen Themen sein, zu allen Bereichen. Ich achte beim Kuratieren von Filmen auch darauf, dass mehrheitlich Filme von Frauen im Programm vorkommen. Das ist im Kurzfilmbereich gar nicht so schwer, weil in dem Bereich viel mehr Filme von Frauen gemacht werden. Das ist grundsätzlich ein Horrorphänomen: In allen Bereichen wo wenig Budget vorhanden ist, wo es um unscheinbarere Projekte geht, überall wo es um Selbstausbeutung im Sinne der Kunst geht, sind Frauen stärker vertreten. In der kommerziellen Filmproduktion wiederum ist der Frauenanteil verschwindend gering.

profil: War es für dich schwer, dich als Frau in der Filmbranche durchzusetzen?
Mai: Ich habe Drehbuch und Kamera studiert und wollte ursprünglich selbst in der Branche arbeiten. Ich fand dann allerdings beim Arbeiten diese extremen Hierarchien, dieses Geschlechtergefälle dermaßen abstoßend, dass ich selbst beschlossen habe: Solange diese Branche nicht so ist, wie ich sie mir vorstelle, arbeite ich dort nicht. Also habe ich mich bewusst dazu entschlossen, dass ich nicht den Großteil meines Arbeitslebens in diesen Kampf investieren will. Ich will mein Bestes geben, aber ich hätte schon gerne diese Voraussetzungen erfüllt. Und momentan sind diese einfach nicht gegeben.

dotdotdot Kurzfilmfestival
31.07–30.08.2019
Volkskundemuseum Wien
Laudongasse 15-19, 1180