Arcade Fire Everything Now

Arcade Fire Everything Now

Kultur

Sinnkrise: "Everything Now" von Arcade Fire

Klingende Todsünde: Die kanadischen Indie-Rocker Arcade Fire machen sich auf ihrem neuen Album die falschen Gedanken.

Arcade Fire sind die Sorte Band, die sich zu globalen Diagnosen berufen fühlt, und "Everything Now“, der Titelsong und Opener, lässt nichts anbrennen: "Jedes bisschen Haut hat eine Narbe“, heißt es da, "jedes bisschen Raum in deinem Kopf ist gefüllt mit allem, was du gelesen hast.“ Wir verfügen über alles zugleich, und es verstellt uns die Sicht - der moderne Mensch als Opfer digitaler Überfütterung. Dystopisch geht es auch in dem Song "Signs of Life“ zu, einer Abrechnung mit den "coolen Kids“: Ihre Arbeit ist hart, ihr Sex ist easy, aber sie haben kein Leben. Der tanzbar banale Soundtrack dazu kommt der beschriebenen Trostlosigkeit gefährlich nahe, Polizeisirenen versprechen mehr Drama, als die Musik zu bieten vermag.

Arcade Fire - Electric Blue (Official Video)

Sinnkrise einer Rockband

Jene von Chören getragene, organisch kollektive Emphase, mit der Arcade Fire in den Nullerjahren den Nerv ihrer Generation trafen, wurde seither ermüdend oft imitiert. Insofern lässt sich die anhaltende Flucht dieser Band in elektronisches Instrumentarium gut nachvollziehen. Doch das Ohr sucht irgendwann nach Erleichterung vom Pumpen der komprimierten Synth-Bässe. Stattdessen begeht der Song "Chemistry“ die klassische Todsünde jeder weißen Rockband in Gestalt eines auf Tanzbär-Tauglichkeit getrimmten Reggae-Beats, vermeintlich aufgepeppt mit einem statisch bombastischen Rock-Refrain. "Infinite Content“ wiederum dehnt ein mittelgutes Wortspiel gleich über zwei Songs. Hier möchte man die Band am liebsten zur Seite nehmen und ihr im Guten erklären, dass die Überflussgesellschaft jenseits abgehobener Rockstar-Existenzen in einer Welt real sinkender Lebensstandards kaum mehr das dringlichste Alltagsproblem darstellt. "Vielleicht verdienen wir die Liebe nicht“, heißt es gegen Ende des Albums. "Everything Now“ wollte ein Statement zur Lage der Welt sein. Stattdessen wurde es ein Album über die Sinnkrise einer Rockband.

Arcade Fire: Everything Now (Sony)

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  • JoHansi Wieland
    JoHansi Wieland So, 30. Jul. 2017 07:56

    Bezogen auf die Texte ist das Album vielleicht in einer Sinnkrise, aber im Gesamten ist das eines der besten Alben was ich je gehört habe. Jeder Song hat seine eigene Arcade Fire Stimmung. Auch wenn 2 Nummern nach ABBA klingen hebt dieses Album den musikalischen Standart auf eine neue, noch nie da gewesene Ebene, vor allem je öfter man das Album hört. Respekt an Arcade Fire und Thomas Bangaltar!

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