Georg Friedrich

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Kultur

Georg Friedrich: Der Unergründliche

Österreichs wildester Schauspieler hat viel mehr zu bieten als Wiener Slang und Gewaltausbrüche. Nach der Berlinale steht Georg Friedrich im Zenit seiner Karriere.

Den Stereotypen schauspielerischer Eitelkeit entspricht Georg Friedrich keineswegs. Auf den ersten Blick ist er das, was man in der Branche gern als "Typ“ bezeichnet: ein zupackender, "authentisch“ erscheinender, stets irgendwie "sich selbst“ spielender Künstler - einer mit Herz, Seele und street credibility. Höhere darstellerische Raffinesse meint man da zunächst nicht unbedingt zu entdecken. Aber schon der zweite Blick auf diesen außerordentlichen Performer macht die Sache komplizierter. Eine grüblerische, introvertierte Qualität zeichnet Georg Friedrich aus, auch eine Unberechenbarkeit, hinter der sich psychologische Subtilität und bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit verbergen.

Der Abstand, den Georg Friedrich zu den Manierismen klassischer Schauspielerei hält, ist dennoch eine Stärke, auch darin liegt seine Unverwechselbarkeit. In Josef Haders "Wilde Maus“ ist er derzeit im Kino zu erleben, als resignativer Wurstelprater-Fuhrgeschäftsbetreiber. Man könnte meinen, dass sich Friedrich, wegen der streng wienerischen Intonation, mit der er seine Rollen bestreitet, und der sehr österreichischen Gebrochenheit, die er seinen Figuren stets mitgibt, allenfalls in seiner Heimat mitteile, dass er primär als lokale Größe besetzbar sei. Das Gegenteil ist der Fall.

Schalk im Nacken

Am Ende der 67. Filmfestspiele in Berlin stand Georg Friedrich, 50, mit scheuem Lächeln, Schalk im Nacken und einem Silbernen Bären in den Händen als bester Darsteller auf der Bühne. In der Jury, geleitet von Regiestar Paul Verhoeven, saßen immerhin Schauspielstars wie die Amerikanerin Maggie Gyllenhaal, die Deutsche Julia Jentsch und der Mexikaner Diego Luna. Der Part, für den er ausgezeichnet wurde, passt bestens zu seinem Stil: In Thomas Arslans Roadmovie "Helle Nächte“ stellt er einen schuldbewussten Mann dar, der sich nach dem Tod seines Vaters auf eine Reise durch Norwegen macht - an seiner Seite der zornige halbwüchsige Sohn (kongenial verkörpert von "Tschick“-Star Tristan Göbel), den er jahrelang vernachlässigt hat. Friedrich überantwortet sich dieser leisen Vaterfigur in allem gebotenen Understatement, hält dabei aber die Emotionen, die Traurigkeit und Einsamkeit, die unter dem Panzer seines Schweigens lodern, umso deutlicher präsent.

Georg Friedrich

Georg Friedrich bei der Berlinale.

Es gestaltet sich allerdings eher schwierig, Georg Friedrich dazu zu bewegen, Auskunft über seine Methoden und Arbeitszugänge zu geben. Interviews versucht er, so gut er kann, zu vermeiden, weil er sich selbst ungern reden hört und das Gefühl hat, sich nicht recht "begreiflich machen zu können“. Im August vergangenen Jahres, während des "Helle Nächte“-Drehs, ließ er etwa per E-Mail freundlich wissen, dass er grad "in Nordnordnorwegen hackeln“ sei. Auf seine Arbeit mit Ulrich Seidl angesprochen, entgegnete er typisch gewitzt nur, dass er sich er sich "eh nie an nix nicht erinnern“ könne; er bitte im Übrigen darum, von fernmündlicher Kommunikation abzusehen, "weil ich nie gerne dellephonyre“.

Improvisationstalent

Schon als früher Teenager trat Georg Friedrich im Fernsehen auf. Er absolvierte die Schauspielschule Krauss in der Wiener Innenstadt und vertraute anschließend darauf, dass er schon Aufmerksamkeit erregen werde, wenn er nur präsent bleibe. In den späten 1980er-Jahren fiel er tatsächlich auf: Michael Haneke verschaffte ihm kleine Rollen in seinen ersten Kinoarbeiten, in "Der siebente Kontinent“ (1989) und "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ (1994); aber von wesentlichen Rollen war Friedrich da noch weit entfernt. Erst 1999 wurde seine ungewöhnliche Ausstrahlung auch für eine breitere Öffentlichkeit augenfällig: In Barbara Alberts "Nordrand“ spielte er einen auch gegen Frauen gewalttätigen Trinker, aber mit einer Verzweiflung, die nicht nur im österreichischen Kino ihresgleichen suchte. Danach ging alles sehr schnell - und die immense Bandbreite seines Spiels wurde deutlich. In Ulrich Seidls "Hundstage“ machte er 2001 mit Furchtlosigkeit und Improvisationstalent Furore, in der "Sex, Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie Michael Glawoggers und Michael Ostrowskis erfreute er ab 2004 ("Nacktschnecken“) im Tonfall der Farce als ratloser Einfaltspinsel mit blonder Metal-Matte.

Eine unerwartete Wendung nahm Georg Friedrichs Karriere in den frühen Nullerjahren, als dieser eigentlich so betont österreichische Filmschauspieler von den Proponenten des deutschen Autorenfilms entdeckt wurde. Ein immer weiter gedehntes Rollenspektrum zwischen Comedy und Drama eröffnete sich: Detlev Buck, den er über die Arbeit mit Glawogger kennengelernt hatte, besetzte ihn 2006 in "Knallhart“ und 2012 in "Die Vermessung der Welt“; in Jan Schomburgs "Über uns das All“ (2011) gab er neben Sandra Hüller einen stillen Universitätsdozenten, in Benjamin Heisenbergs Lustspiel "Über-Ich und Du“ (2014) einen sympathischen Einbrecher, in Nicolette Krebitz’ verrätselter Psychostudie "Wild“ (2016) einen biederen Werbeagenturboss.

Hohes Stilbewusstsein

Seit einigen Jahren bereichert Friedrich, der persönlich einen durchaus dandyistischen Kleidungsstil und grundsätzlich hohes Stilbewusstsein pflegt, zudem das wilde Ensemble der Berliner Volksbühne, die ihm jene kreativen Freiräume bietet, die er sucht. Gegenwärtig ist er im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz in gleich zwei fünfstündigen Inszenierungen von Frank Castorf zu sehen, spielt dort neben Sophie Rois - auch sie eine anarchische, über Österreichs Grenzen hinausgewachsene Größe - und Alexander Scheer in Stoffen von Dostojewski ("Der Spieler“) und Bulgakow ("Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière“) - im einen Fall in paradoxem Wienerisch den Marquis des Grieux, im anderen sehr süffisant den französischen Sonnenkönig, Ludwig XIV.

Friedrich weiß Herausforderungen und Extremsituationen eben sehr zu schätzen. Vielleicht entspricht ihm auch deshalb kein Filmregisseur besser als Ulrich Seidl, für den er in "Hundstage“, als selbstquälerischer Unterweltler, ein paar der unglaublichsten Szenen seiner Laufbahn spielte. In "Import Export“ (2007) gab er sich vergleichsweise entspannt: Als exzentrisch-entspannter Krankenpfleger streifte er da mit Begleithund durch die Zimmer des Lainzer Spitals und versorgte bettlägerige Männer mit Flaschenbier. Wo Georg Friedrich auftaucht, geschieht Unergründliches, bleiben die Dinge unentschieden, in der Schwebe, weit jenseits von edlem Gut und kaltem Böse.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 9 vom 27.02.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.

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