Tiefdruckgebiete
Kultur

Harald Sicheritz bestätigt mit "Baumschlager" seinen Ruf

Der Komödienregisseur Harald Sicheritz gibt den Possen, die er inszeniert, gern politische Hüllen. In seiner neuen Nahost-Sexklamotte "Baumschlager“ ist diese Schutzschicht besonders dünn.

Wer sich mit Harald Sicheritz kritisch auseinandersetzen will, hat es nicht ganz leicht. Der beispiellose ökonomische Erfolg, den der Regisseur in Österreich seit gut zwei Jahrzehnten genießt, macht ihn nicht hinreichend froh. Zwar weiß niemand so effizient wie er öffentliche Aufmerksamkeit zu mobilisieren mit Lustspielen, die ein sehr breites Verständnis von Humor voraussetzen, aber finanzielle Anerkennung, kreative Freiheit und relative Prominenz genügen ihm nicht. Er will für sein Tun auch noch vom Feuilleton geliebt werden. So erweckt Sicheritz, der mit seinen Einspielergebnissen mehr erreicht hat als alle österreichischen Kollegen zusammen, in seinen Äußerungen unentwegt den Eindruck, zu kurz gekommen zu sein.

Dabei ist der Mann durchaus ein Phänomen, eine Art lokaler Kassenschlager: Harald Sicheritz, 1958 in Stockholm geboren, kommt mit seinen Filmen hierzulande regelmäßig auf sechsstellige Besucherzahlen - mit den Roland-Düringer-Lustspielen "Hinterholz 8“ (1998) und "Poppitz“ (2002), zwei Versuchen über die kleinbürgerliche Wut, hat er sogar einsame Rekorde aufgestellt: Mehr als 617.000 Zuschauer mobilisierte die Häuslbauer-Satire "Hinterholz 8“, über 440.000 Menschen brachte "Poppitz“ in die Lichtspielhäuser; in der Rangliste seit 1982 stellt Sicheritz somit den best- und drittbest-besuchten österreichischen Film an heimischen Kinokassen. Und sogar in Zeiten sinkender Filmresonanz erreichte er mit "Bad Fucking“ (2013) noch immer 115.000 zahlende Kinogänger. Gegen Kassenflops ist zwar auch Sicheritz nicht gefeit, wie etwa die Krimikomödie "Darum“ (2008) bewies - und in der Statistik der vergangenen zehn Jahre, in der nur ein einziger heimischer Film (nämlich Kurt Ockermüllers "Echte Wiener - die Sackbauer-Saga“, 2008) die 300.000-Menschen-Marke übertraf, belegen Sicheritz-Filme nur die Plätze 18 und 20 - da waren die Werke von Murnberger/Haas ("Das ewige Leben“, "Der Knochenmann“) und Hader ("Wilde Maus“) doch deutlich populärer. Dies schmälert Sicheritz’ historisch-ökonomische Bedeutung keineswegs: Drei Arbeiten in den Top Ten, acht Filme in den lukrativsten 50 der vergangenen 35 Jahre, das ist keine geringe Leistung.

"Gehässigkeiten"

Wenn nur die Kritik nicht wäre! In Interviews unterstellt Sicheritz dem deutschsprachigen Kulturjournalismus dann beispielsweise "eine explosive Gefühlsmischung von Überheblichkeit, Geringschätzung, Unverständnis und Angst“. Zum Glück, fügt er an, überlebe "in der Kunst nur das Werk und nicht die Befindlichkeit dazu“. Es sei aber "sehr anstrengend, so lang warten zu müssen, bis die Gehässigkeiten der pragmatisierten Kritiker und der selbsternannten Eliten endlich aufhören“. So hadert Sicheritz seit 20 Jahren mit den Bedingungen seiner Branche. Denn er möchte auch auf jener Ebene Respekt erfahren, die er überhaupt nicht bespielt: auf dem Plateau der Kunst. So könne man zum Beispiel, meint Sicheritz, seinen ORF-Serien "MA 2412“ und "Kaisermühlen Blues“ mit "entsprechender Misanthropie zwar den durchschlagenden Lacherfolg beim Publikum ankreiden, wohl aber kaum unterstellen, dass sie nicht vehement gesellschaftskritisch, subversiv oder anarchisch seien“.

Harald Sicheritz

Nun wird er Ähnliches vermutlich auch für seinen neuen Film, eine israelisch-österreichische Koproduktion namens "Baumschlager“, reklamieren. Sie handelt von einem treuherzigen österreichischen UN-Offizier im Nahen Osten, der die Aussicht auf langfristigen Frieden in der Region ebenso trostlos findet wie die kriegsspielgewohnten Israelis und Araber, wie die Geheimdienste und das Militär. Werner Baumschlager, ein Simplicissimus und Opportunist mit Blauhelm, gespielt von Thomas Stipsits, wird - weil er sich tollpatschig, also völlig irrational verhält - von allen Seiten für einen abgefeimten Spezialagenten gehalten; in Wahrheit versucht er nur, sein hochkompliziertes Sexleben, seine laufenden Affären mit einer israelischen Soldatin (Meyrav Feldman) und einer jordanischen Träumerin (Moran Rosenblatt) vor der zornig anreisenden Ehefrau (Gerti Drassl) zu verbergen.

Witzloses Unterfangen

Neben seiner Kinokarriere ist Harald Sicheritz auch ein gut gebuchter TV-Regisseur. Er hat nicht nur an Serien wie "Vorstadtweiber“ (2015/16) und "Kaisermühlen Blues“ (1996/97) gearbeitet, er inszenierte auch alle 34 Episoden von "MA 2412 - die Staatsdiener“ (1998-2002), Werbespots für Automarken, Bank- und Möbelhäuser, etliche Fernsehspiele, fünf "Tatort“-Episoden und Archivfilme zur TV-Geschichte. Vielleicht hat die Arbeit an "Vorstadtweiber“ seinen Appetit auf Frivoles geweckt, aber "Baumschlager“ schlägt in Sachen Tiefdruck-Slapstick den Fernsehvorgänger locker. Sicheritz’ elfter Kinofilm ist ein bedrückend witzloses Unterfangen, das sich in grobem Klamauk und verblichen geglaubten Herrenabend-Dialogen entlädt (Sie: "Leck mich!“ - Er: "Ja, gern! Ich meld mich.“). Die nachlässige Synchronisation, die an deutschen Kino-Trash der 1970er-Jahre denken lässt, gibt der Inszenierung den Rest. In die schlüpfrigen Szenarien dieses Films hätte auch ein Brachial-Mime wie Herbert Fux gut gepasst. Der politische Hintergrund seines Films, den er diesmal nicht selbst geschrieben hat, interessiert Sicheritz so wenig, dass man sich wundert, warum er den Film überhaupt an der israelisch-jordanischen Grenze spielen lässt; Drehbuchautorin Maayan Oz beweist immerhin nachdrücklich, dass Sexismus keine rein männliche Domäne ist.

Baumschlager - Trailer

So klaffen die ultrakommerzielle Handschrift und die Selbststilisierung des Regisseurs zum "Filmguerillero“, wie er sich mit Vorliebe nennt, weiterhin merklich auseinander. In seiner privaten Lebensführung gilt Sicheritz als linksliberal, aber die Manier seiner Filme ist rechtspopulistisch. Es könnte sein, dass Harald Sicheritz sich selbst nicht ganz versteht.

Auf seine Bildung ist er stolz, den Doktortitel führt der Politik- und Kommunikationswissenschafter sogar in seiner E-Mail-Adresse. Er dissertierte 1983 zum Thema "Wie unterhält das Fernsehen?“; Zitate von Umberto Eco und Susan Sontag sowie Bonmots der Frankfurter Schule hat er stets parat. Die Frage, weshalb sich einer, der so viel weiß, in seiner Arbeit stets einfältiger stellen will, als er tatsächlich ist, bleibt virulent. Warum macht Sicheritz in "Poppitz“ einen fremdenfeindlichen und cholerischen Pauschaltouristen (Roland Düringer) zu seinem heiteren Helden, ohne die rassistischen Stereotypen, die er mit diesem an die Wand malt, auch nur ansatzweise zu brechen? Und wieso sind die Frauenporträts in "Baumschlager“ so schablonenhaft, die lancierten Pointen so oft homo-, sozio- und xenophob? Die Antwort ist leider einfach: weil er nur so ans rechte Herz der zahlenden Mehrheit kommt.

Szene aus "Baumschlager". Meyrav Feldman, Moran Rosenblatt, Thomas Stipsits, Sólveig Arnarsdóttir (v.l.n.r.)

Aber die Bodennähe seiner eigenen Komödien projiziert Sicheritz auf seine Kritiker, die ihn, so sagt er, bloß "von unten herab“ beurteilen könnten. "Unter der Gürtellinie“ ist für Sicheritz alles, was ihm nicht passt. Als wären alle kritischen Anmerkungen, die man gegen handwerklich krude und ideologisch gedankenlose Lustspiele vorbringen kann, stets von dem schlichten Ressentiment gegen "die Unterhaltung“ getragen; als wären all jene Rezensenten, die seine Produkte nicht bejubeln, nur zu der immer gleichen bescheidenen Grundaussage fähig: dass Populäres abzulehnen sei und alles Massentaugliche der Rede nicht wert.

Dabei übersieht Sicheritz geflissentlich, wie sehr gerade die neue österreichische Komödie, von "Contact High“ bis "Wilde Maus“ und "Silentium“ bis "Was hat uns bloß so ruiniert?“, auch feuilletonistisch gewürdigt wird, wie sehr volksverbundene Spaßmacher wie Josef Hader und Michael Ostrowski in sämtlichen Medien dieses Landes akklamiert werden. Für Sicheritz aber sieht "der österreichische Kulturjournalismus“ nach wie vor "in großer Breitenwirkung tendenziell ein Merkmal minderer Qualität“.

Sicheritz attestiert sich übrigens selbst "eine Schwäche für Sittengemälde“ - und nennt ausgerechnet "Bad Fucking“, sein Hohelied an Misanthropie, Dumpfheit und Aggression, ein "satirisches Statement zur moralischen Lage der Nation“. Das Missverständnis bleibt unaufgelöst: Nicht alles, was "turbulent“ ist, hat auch das Zeug zur Satire - und nicht alles, was sich "politisch“ verhüllt, hat deshalb schon gesellschaftliche Relevanz.

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