Kalter Futurismus
Kultur

Kalter Futurismus

Österreichs Dystopien: Nikolaus Geyrhalters postapokalyptischer Essayfilm „Homo sapiens“ und Valentin Hitz’ Science-Fiction-Drama „Stille Reserven“.

Die Weisheit ist in „Homo sapiens“ ein Hirngespinst, der Mensch selbst nur eine ferne Erinnerung, eine historische Fußnote. Nikolaus Geyrhalters jüngste Kinoarbeit bietet keine Worte, keine Körper, keine Gesichter, zeigt nichts als menschenleere Schauplätze, eine Serie verwunschener Orte, in denen die Natur freies Spiel hat. Vier Jahre lang hat Nikolaus Geyrhalter, der zu Österreichs großen Dokumentarfilmstilisten gehört, an „Homo sapiens“ gearbeitet, in Europa, Japan, Argentinien, den USA gedreht. Sein Film spielt mit der Frage, wie die Welt aussehen könnte, wenn der Mensch aus ihr verschwunden sein wird, was wir an Architektur, Mobiliar und Müll, an Zivilisationsresten hinterlassen werden. Geyrhalters Kamera blickt kühn in eine posthumane Zukunft: der Angriff der Gegenwart auf das Ende der Zeit.

Nikolaus Geyrhalter HOMO SAPIENS

In „Stille Reserven“ sind die Menschen noch da, aber am Ende: In einer faschistischen Gesellschaft kämpfen die letzten Rebellen um das Recht auf den Tod. Nur wer über eine teure Todesversicherung verfügt, wird nicht postum schockgefroren und als Humandatenspeicher oder Ersatzteillager ausgebeutet. So kehrt Regisseur Valentin Hitz zum Kino zurück; sein letzter Film liegt 13 Jahre zurück. „Stille Reserven“ verfügt über mehr Atmosphäre als Suspense, die Erzählung aber über zu wenig Sogwirkung; Martin Gschlachts entfärbte Fotografie zeigt ein Wien, das für immer in Nacht und Nebel gefangen scheint, die Menschheit in kalter Lethargie erstarrt. Die androgynen, kaum bewegten Helden (Lena Lauzemis, Clemens Schick) stehen hier auf verlorenem Posten.

Stille Reserven Trailer

„Homo sapiens“ zeigt vor allem Arbeits- und Zerstreuungsräume – Theaterauditorien, Bürokorridore, ein Kino: Der Projektor zielt noch immer auf die blinde Leinwand. Der Wind fährt ins hohe Gras und den verstreuten Abfall, Tiere streunen durch die Szenerien. Klassisch dokumentarisch ist all das übrigens nicht, man hat Wind erzeugt und Licht gesetzt, irrelevante Details digital ausgefiltert – und in Peter Kutins Sound-Design gespenstische Stimmungen komponiert. Geyrhalters Bilder erstatten, indem sie Gegenwärtiges registrieren, von Vergangenem und Zukünftigem zugleich Bericht, bergen Erzählungen, die nie ganz zu fassen sind. Der starre Blick der Kamera ist nur scheinbar gleichgültig: Es steckt viel Traurigkeit, Pathos und Schönheit in „Homo sapiens“.

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