„Jammern könnte man immer“
Kultur

Kreisky-Sänger Franz Adrian Wenzl: „Jammern könnte man immer“

Veteranen der bösen Zunge: Kreisky-Sänger Franz Adrian Wenzl über das neue Album „Blitz“, nostalgische Momente und warum das Sujet des Wutbürgers noch nicht auserzählt ist.

profil: Seit dem letzten Album „Blick auf die Alpen“ sind vier Jahre vergangen. Muss man sich um Kreisky Sorgen machen?
Franz Adrian Wenzl: Nein. Wir sind alle in den letzten Jahren Väter geworden, wir sind langsamer geworden und die Wertigkeiten haben sich verschoben. Heute geht man so eine Band anders an. Jetzt wollten wir wieder Gas geben und haben letztes Jahr mit der Autorin Sibylle Berg das Theaterstück „Viel gut essen“ aufgeführt.

profil: Bassist Gregor Tischberger hat die Band verlassen, Helmuth Brossmann übernimmt. Was ist passiert?
Wenzl: Gregor wollte sich schon länger mehr auf die Musikproduktion konzentrieren und weniger live spielen. Ein mögliches Wunschszenario wäre es aber, einmal als Quintett aufzutreten.

profil: Was treibt Kreisky an, 2018 wieder ein Album zu veröffentlichen?
Wenzl: Grundsätzlich ist es die Lust an der Lautstärke. Auch die Glücksmomente, die man hat, wenn man eine Arbeit abschließt, wenn etwas gelingt und man merkt, dass man in seiner Profession wächst.

profil: Auch ökonomisch?
Wenzl: Um reine Maximierung ging es uns nie. Wir wollten uns immer ein gutes Publikum suchen, Menschen, die uns auch verstehen. Ein gewisser Grunderfolg verschafft einem als Künstler natürlich auch den Sinn, warum man das überhaupt macht. Wenn man immer nur vor fünf, zehn oder 30 Leuten spielt, kann die Befriedigung schnell verlorengehen.

profil: Ist bei Kreisky ohnehin nicht das intensive Live-Konzert wichtiger als das Studiowerk?
Wenzl: Eigentlich wäre ich lieber der Studiotüftler, aber ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass mein größeres Talent in der Performance liegt. Auf die Bühne gehen, Energie erzeugen, das Publikum begeistern, das ist etwas, was ich gut kann. Ohne falsche Bescheidenheit: wir sind schon eine richtig gute Live-Band.

Kreisky-Sänger Franz Adrian Wenzl im Interview

profil: „Blitz“ wurde vergleichsweise schnell eingespielt und produziert. Warum die Eile?
Wenzl: Wir sind ja nicht mehr ganz so jung und studentisch. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und das Album schnell fertiggemacht. Wir wollten nicht ewig an einzelnen Songs herumziselieren, nicht zu viele Zwischenschritte machen. Die Energie des Proberaums, die Euphorie der ersten Idee, sollte sich auf dem Album widerspiegeln.

profil: Der Wutbürger, ein ewiges Sujet der Band, hat es in den letzten Jahren bis zum US-Präsidenten geschafft. Mussten Sie sich neue Forschungsobjekte suchen?
Wenzl: Das war durchaus ein Problem, man kann die Realität ja nicht wegdenken. Der Schimpfende, der Querulant, der so viel Energie und Ärger auf Kleinigkeiten verschwendet, das fand ich immer schon ein witziges Thema. Den realen Wutbürger haben wir jetzt mit dem Theaterstück abgearbeitet. Das hat uns die Freiheit gegeben, am Album ein wenig leichtfüßiger vorzugehen.

profil: Ist Kreisky noch immer gut gegen Konsensmusik?
Wenzl: Die Zuspitzung auf sperrigen Noiserock, diese Radikalität, die wir zu unseren Anfängen zelebriert haben, ist heute so nicht mehr notwendig. Unsere Musik war eine Reaktion auf den gefühligen Deutschpop der Nullerjahre. Unser letztes Album „Blick auf die Alpen“ war schon um einiges leichter, hatte mehr Melodie. Auf „Blitz“ haben wir jetzt auch ein paar alberne Momente zugelassen, die man eigentlich nur von unseren Konzerten kennt.

profil: Wie politisch ist das Album?
Wenzl: Politisch sind wir nur über Umwege. Dafür fehlt mir das Faktenwissen. Mit meinen Texten liefere ich lieber Gefühlsvignetten und keine Analysen. Das fände ich anmaßend. Trotzdem sind es Lieder, denen man die Entstehungszeit ruhig anmerken soll.


Die Bauern haben ja auch gejammert, als man ihnen die Pferde weggenommen hat. Dann kam der Milchpreis und die EU – und wieder war alles anders.

profil: Im Lied „Ein Depp des 20. Jahrhunderts“ werden Sie durchaus wehmütig. Sind Sie nostalgisch veranlagt?
Wenzl: Die Zeiten zwingen einen, Dinge neu zu denken. Nehmen wir nur das Internet. Das hat uns nicht nur den physischen Tonträger genommen, sondern auch die Aufmerksamkeitsspanne, die man dafür braucht. Jammern könnte man also immer. Neu ist das nicht. Die Bauern haben ja auch gejammert, als man ihnen die Pferde weggenommen hat. Dann kam der Milchpreis und die EU – und wieder war alles anders. Die Welt, die man kennt, bricht plötzlich weg und man steht da als Depp, der sich nicht mehr zurechtfindet. Das ist ein Gefühl, mit dem sich jeder Mensch identifizieren kann.

profil: Sie leben mittlerweile in München. Hilft der Abstand, dieser Außenblick, um über Wien und Österreich texten zu können?
Wenzl: Musikalisch ist der Wohnortwechsel bisher ziemlich wirkungslos geblieben. Persönlich ist es bereichernd, vor allem, weil alles ein klein wenig anders rennt als in Wien. Abgeschnitten fühle ich mich aber nicht – ich höre auch in München hauptsächlich Ö1.

profil: Neben Kreisky treten sie als Austrofred auf und vermischen Queen-Songs mit Austropop-Texten. War das je ein Problem?
Wenzl: Nein, ein Problem war das nie. Allein durch die Kostümierung gibt es eine Abgrenzung. Andererseits ist der Unterschied gar nicht so groß, auch die Intensität ist die gleiche. Man findet nur einen anderen Zugang zu gewissen Themen. Bisher haben sich die Band und der Austrofred ganz gut gegenseitig befruchtet.

Kreisky gastiert am 12.4 in Graz (PPC), am 13.4. in Innsbruck (PMK), am 14.4. in Linz (Stadtwerkstatt) und am 19.4. in Wien (WUK).

Kreisky: Blitz (Wohnzimmer Records)

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