Kremser Donaufestival: Chaos erwünscht
Kultur

Kremser Donaufestival: Chaos erwünscht

Kunstlärm, Radikaltheater und Hipster-Theorie: Das Kremser Donaufestival diagnostiziert eine "neue Gesellschaft".

Chaos ist hier durchaus erwünscht. Während des alljährlich zwei lange Wochenenden im Frühling bespielenden Donaufestivals verwandelt sich das sonst so beschauliche Krems in abenteuerliches Gelände: In den Konzertsälen bringt die internationale Musikavantgarde ihren Maschinenpark auf gehörgefährdende Lautstärke, während andernorts theoretisiert, getanzt, ausgestellt und Radikaltheater gespielt wird.

In den Tagen zwischen 26. und 28. April sowie zwischen 3. und 5. Mai wird das Donaufestival 2019 Dutzende Kunstund Diskursschaffende präsentieren, die - manche deutlicher als andere - dem diesjährigen Motto entsprechen: Unter dem Banner "New Society" versammelt Intendant Thomas Edlinger sechs Tage lang Klänge, Bilder und Worte, die nicht nur ausnahmsweise für Verstörung sorgen werden.

Spaltungen in progress

Aber auch dies ist theoretisch gedeckt: Edlinger diagnostiziert eine in sich zerrissene, widersprüchliche Welt, eine Gesellschaft der "Spaltungen in progress", einen vernetzten Kosmos der "Wir-Bildungen und Abgrenzungen". Es geht also um neue Konstellationen zwischen Menschen und Maschinen, Daten und Gefühlen. Dies alles sinnträchtig über die Kunst abzubilden, ist naturgemäß kein einfaches, in vielen Fällen wohl auch zum Scheitern verurteiltes Unterfangen - aber allein der Versuch, ein Festivalprogramm derart ambitioniert zu gestalten, verdient Respekt. Und die Lust auf das wilde Denken und Fühlen, die etwa durch die abstrakten Klänge des italienischen Multiinstrumentalisten Yves Tumor oder den Space-Pop der Londoner Indie-Legenden Flotation Toy Warning geweckt wird, hilft zweifellos dabei, auch das Ästhetische politisch (und ethisch) neu rezipierbar zu machen.

Unter den vielen noch zu entdeckenden Namen im Musikprogramm finden sich auch alte Bekannte wie Holly Herndon, Anna von Hausswolff, Planningtorock und die norwegischen Noise-Rocker Årabrot. In der deutlicher ideologisch zugespitzten Kunst-und Theorieschiene zeigt man Arbeiten des Soundkünstlers Félix Blume, der Video-Metaphysikerin Lola Gonzàlez und des Wiener Kinoexperimentalisten Johann Lurf. Im Performancebereich werden etwa die furchtlose Liquid-Loft-Tänzerin Karin Pauer und der bildende Künstler Aldo Giannotti eine Kooperation wagen, während Stefan Kaegi von Rimini Protokoll mit dem Schriftsteller Thomas Melle kollaboriert.

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