Joachim Meyerhoff

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Kultur

Krokodilsküsse: Joachim Meyerhoffs neues Buch

Erotische Spätzündungen: Der Schauspieler Joachim Meyerhoff reist im vierten Band seiner Erinnerungen durch "Die Zweisamkeit der Einzelgänger".

Er fühle sich nicht als Schriftsteller, erklärte Joachim Meyerhoff in einem profil-Interview im vergangenen März. Das war glaubwürdig unkokett. Damals stellte er gerade den (nun erschienenen) vierten Band seiner "Alle Tote fliegen hoch"-Reihe fertig: "Die Zweisamkeit der Einzelgänger". Das ist vielleicht auch das Geheimnis des Meyerhoff-Sounds: dass er so unschriftstellerisch daherkommt, fernab jeder Befindlichkeitsprosa, mit einer wilden Lust am Beschreiben von Menschen; deren Schwachstellen legt er mit großer Zärtlichkeit offen, schwelgt im Aufspüren der Absurditäten des Alltags.

Stressreicher Liebesreigen

Mit den "Paradiesen der Andersartigkeiten", wie er sein Heranwachsen in einer psychiatrischen Anstalt beschrieb, hat der Gigant des Burg-Ensembles sich eine regelrechte Suchtgemeinde erschrieben: Wir reisten mit Meyerhoff ins finsterste Amerika, in die eigenen Unzulänglichkeiten, in seinen Zorn, die demütigenden Anfänge eines Schauspielerlebens und die herrliche Geborgenheit seiner hocheleganten Alkoholiker-Großeltern. In der Seniorenresidenz hatte sich der Enkel jeglicher Sexualität verschlossen; der erotische Aufholbedarf des Spätzünders und Theaterdebütanten in Bielefeld ist nun der Ausgangspunkt für einen stressreichen Liebesreigen. Meyerhoffs literarisches Ich beschließt, seinen Erlebnishunger nicht nur mit einer Frau zu stillen, sondern wird zu einem Pendler zwischen drei Damen: Da ist Hanna, die intellektuelle Lügenprinzessin, die sich die Wirklichkeit mit Fantasieenergie hochjazzt. Mit ihr übt er erst einmal das Küssen ("So vorsichtig wie ein Dompteur, der im Zirkus seinen Kopf in den Krokodilrachen legt") und macht seine ersten Schritte im Nähe-und Distanz-Ballett. Als er mit Hanna in die Reichst-du-mir-bitte-maldie-Butter-Phase gleitet und nach Dortmund versetzt wird, tritt die "extrem biegsame und unfassbar schöne" Tänzerin Franka in sein Dasein. Um sich von den anstrengenden Exzentrikerinnen zu erholen, macht er dann noch bei Ilse und ihrer Backstube Station: Dort gibt es die besten Puddingbrezeln, mütterliche Vertrautheit, "warmes, wogendes Fleisch" und - für das Meyerhoff-Land - so etwas Exotisches wie Normalität. Kurzfassung: drei Frauen, ein Katastrophengebiet, in dem das Komische und das Traurige immer in Sichtweite voneinander liegen.

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