Nadine Kegele

Nadine Kegele

Kultur

Nadine Kegele: Was ich vom Leben gelernt habe

40 Jahre nach Maxie Wanders Frauen-Gesprächs-Bestseller „Guten Morgen, du Schöne“ veröffentlicht die Vorarlberger Schriftstellerin Nadine Kegele die faszinierende Porträt-Sammlung „Lieben muss man unfrisiert“. 19 Frauen und Transgender zwischen 16 und 92 Jahren, zwischen Madrid, Wien und Berlin, erzählen in den intimen Protokollen ungeschönt von ihrem Leben.

Das Leben ist eine Gratwanderung zwischen Wut und Witz. In den Gesprächen mit den Porträtierten ist mir das immer wieder aufgefallen. Am Ende überwiegt wahrscheinlich die – hoffentlich produktive – Wut. Ein trauriges Buch ist „Lieben muss man unfrisiert“ dennoch nicht geworden, absolut nicht.

Die Torte muss gerecht aufgeteilt werden. Das verstehe ich unter Feminismus. Feminismus wird ja von einigen als Schimpfwort missbraucht. Aber Feminismus ist ein positiver Begriff. Aus!

Von Kritik darf man sich nicht beirren lassen. Mir war bewusst, dass mein Projekt polarisieren könnte. Aber dass die Porträtierten von manchen LeserInnen auch direkt für ihre Lebensentscheidungen kritisiert werden, war dann doch eine Überraschung. Mit diesem Buch geht es mir nicht darum, eine Einzelperson vor den Vorhang zu zerren, es geht darum, deren Biografie in Bezug zu stellen: Was ermöglicht eine Gesellschaft einer Person, was nicht, und warum?

Quote ist wichtig. Ohne Trans-Biografien wäre für mich eine angemessene Porträtsammlung im Jahr 2017 nicht vollständig gewesen. Dazu gehören aber auch noch andere Aspekte: ökonomische Benachteiligung oder Diskriminierung aufgrund Herkunft oder Behinderung zum Beispiel.

Nadine Kegele im Interview

Nach jedem Buch kommen die Zweifel. Kann ich noch schreiben? War das vielleicht doch nur ein Zufall? Natürlich ist das Zweifeln auch dafür da, um kritisch zu verbessern. Und manchmal hilft es, ein Projekt eine Zeit lang ruhen zu lassen.

Man muss Projekte abschließen können. Der ewige Text – ewig umschreibbar, ewig erweiterbar – wäre nichts für mich. Ich bin froh, wenn das Buch gedruckt ist und ich mich Neuem widmen kann.

Man darf sich nicht zu wichtig nehmen. Man muss auch andere wichtig nehmen. Es hilft niemanden, sich auf seiner eigenen Verletzlichkeit auszuruhen. Aber es ist wichtig, verletzbar sein zu können.

Im Leben braucht man eine dicke Haut. Mir ist erst eine Lesung passiert, wo ich vom Publikum verbal angegriffen wurde. Leider bin ich nicht schlagfertig genug und weiß erst später, was ich wirklich von dieser Sache halte und wie ich darauf reagieren hätte wollen. Ich schreibe besser, als ich reden kann. Und jede Lesung ist ein sich Hinauswagen in eine Arena. Die Honorare sind schon manchmal Schmerzensgeld.

Man muss über Trauriges lachen dürfen. Bei Lesungen kommt es oft vor, dass sich das Publikum nicht zu lachen traut – und das sogar bei extrem lustigen Passagen. Ich nenne es: das Schmunzelpublikum. Und eben das kann mich schon irritieren. Vielleicht sitzt bei mir das Lachen aber auch lockerer.

Im Leben braucht man eine Mission. Ich will mit diesem Buch ein möglichst breites Publikum erreichen. Es wäre schade, wenn die Interviews nur von eh in dieser Thematik Belesenen konsumiert würden oder sogar nur in meiner Schublade gelandet wären. Von den Porträtieren kann man richtig viel lernen – also ich habe viel gelernt!

Nadine Kegele: Lieben muss man unfrisiert. Kremayr und Scheriau 343 S., EUR 22,90

Kommentar verfassen