Körper und Geist
Kultur

Retrospektive: Rainer Werner Fassbinder im Filmmuseum

Bittere Bilder, große Präzision: Das Österreichische Filmmuseum startet in seine Herbstsaison mit einer großen Retrospektive zur Arbeit Rainer Werner Fassbinders.

Wie würde Rainer Werner Fassbinder auf die gegenwärtigen sozialen Bruchlinien, auf Flüchtlingskrise und Rechtsradikalismus, auf die Destabilisierung des Westens und den neuen Terrorismus reagieren?

73 Jahre wäre der bayerische Regisseur heute alt, wenn er sich nicht durch Arbeitswahn, Schlafmangel, Drogen, Medikamente und Alkohol frühzeitig zugrunde gerichtet hätte. Mit 37 Jahren starb Fassbinder im Juni 1982 in München, mitten im kreativen Prozess, in der Endproduktion seiner Genet-Adaption "Querelle".

Körper und Geist

Das Werk, das er hinterließ, ist gewaltig, buchstäblich seinem Leben entrissen, destilliert aus Körper und Geist eines radikal schöpferischen, sich aber auch brutal selbst ausbeutenden Individuums. 41 abendfüllende Filme inszenierte Fassbinder in nur 13 Jahren - darunter auch Monumentalprojekte wie die fast 500 Minuten lange TV-Serie "Acht Stunden sind kein Tag" (1972), den dreieinhalbstündigen Zweiteiler "Welt am Draht" (1973) und das knapp 16-stündige, 14 Episoden umfassende Opus magnum "Berlin Alexanderplatz" (1980). Fassbinders (nahezu) gesamtes Werk ist ab sofort - bis 25. Oktober -im Wiener Filmmuseum wiederzuentdecken.

Rainer Werner Fassbinder

Der Überdruck, mit dem Fassbinder seine Werke herstellte, ist diesen kaum anzumerken; die Unruhe, aus der sie geschaffen wurden, übersetzt sich in hohe Konzentration und äußerste Genauigkeit. Fassbinder, der in der Münchner Alternativtheaterszene begonnen hatte, liebte Hollywoods Gangsterfilme und Douglas Sirks Melodramen ebenso wie Frankreichs Nouvelle Vague, bearbeitete historische Stoffe ("Fontane Effi Briest", 1974) so lustvoll wie Science-Fiction-Material ("Die dritte Generation", 1979).

Um Deutschlands unwegsame Geschichte, vor allem die Folgen des Nazi-Regimes, kreisen Fassbinders Werke unablässig: "Händler der vier Jahreszeiten" etwa entwarf 1972 das bittere Bild einer sich nach dem Krieg selbst zerstörenden Generation, "In einem Jahr mit 13 Monden" zeichnete sechs Jahre später in drastischen Farben den Absturz einer Transsexuellen nach -in einem Land der Gewalt. Kino gegen die Verachtung und den Opportunismus: Die Welt könnte Fassbinders Interventionen dringend brauchen.

Szene aus "Händler der vier Jahreszeiten"

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