Wanda

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Kultur

Wanda im Interview: "Lieder schreiben kann jeder"

Sänger Marco Michael Wanda und Gitarrist Manuel Christoph Poppe über das Politische am Rock’n’Roll, das Heilige eines Konzerts und Hermann Leopoldi.

profil: Ihr neues Album "Niente“ kommt ohne dezidierten Überhit aus - eine bewusste Entscheidung?
Wanda: Um das zu beantworten, sind wir noch zu nah dran. Am Ende macht der Rock’n’Roll ohnehin, was er will.

profil: Wie schwierig war es, nach den ersten Erfolgen mit "Amore“ nicht komplett auszurasten?
Wanda: Mir ist bewusst, dass ich nur ein kleines Staubkorn von unendlich vielen bin. Von daher habe ich nicht das Gefühl, jemals in der Gefahr gewesen zu sein, völlig abzuheben.

profil: Auch nicht nach Konzerten vor 15.000 Menschen?
Wanda: Das ist etwas Heiliges. Ich beziehe den Applaus nicht auf mich oder die Band. Wenn so viele Menschen leidenschaftlich mitmachen, singen, Angst voreinander verlieren und in eine ekstatische Sphäre hinübergleiten, dann fühle ich mich nicht mehr dafür verantwortlich. Das ist die Eigenleistung des Publikums. Die Menschen triumphieren über die Schattenseiten des Lebens. Wir spielen hier keine Rolle, wir geben nur den Rahmen vor. Sie kommen, weil wir in der Stadt sind, den Rest machen sie selbst.

profil: Nach der Euphorie über Ihr Debüt kamen mit dem zweiten Album auch die ersten negativen Kritiken. Warum lässt man Ihnen nicht so viel durchgehen wie zum Beispiel Bilderbuch?
Wanda: Weil wir doppelt so erfolgreich sind? Nein, keine Ahnung, wirklich kritisiert fühlen wir uns nicht. Wir sind halt Underdog-Rocker, wir brodeln mehr, wir bieten mehr Stoff und Angriffsfläche. Es ehrt uns, wenn etwas zurückkommt. Wir bieten unsere Arbeit der Öffentlichkeit an. Die einen lieben es, die anderen hassen es. Das ist Demokratie.

Marco Michael Wanda mit Band

Marco Michael Wanda mit Band

profil: Wie politisch soll Rock’n’Roll sein?
Wanda: Rock’n’Roll sollte populärer sein als Politik. Eigentlich müssten wir die ganze Zeit auf den Titelseiten der Zeitungen sein. Wir erarbeiten Dinge, die Menschen gemeinsam haben, nicht spalten. Rock’n’Roll ist die Politik des Herzens, der Nächstenliebe, ein Aufruf, Grenzen zwischen Menschen zu überwinden.

profil: Gab es je Versuche, Wanda parteipolitisch zu vereinnahmen?
Wanda: Das können Sie sich vorstellen!
Poppe: Maskottchen-Anfragen gibt es immer wieder. Das ist bei uns aber nicht drinnen.

profil: "Niente“ klingt sentimentaler als seine Vorgänger. Wie nostalgisch sind Sie?
Wanda: Ich beschäftige mich lieber mit zeitlosen Dingen als mit den vergangenen drei Jahren meines Lebens. Das wäre langweilig. Wenn man den stumpfen, linearen Verlauf eines Lebens erleben will, dann muss man zu "Big Brother“ gehen.

Wanda im Interview

profil: Wie lautet die Geschichte zu dem Song "Ein letztes Wienerlied“?
Wanda: Das war ein Kompositionsauftrag des Instituts für historische Intervention. Uns ist ein Textblatt von Kurt Robitschek für Hermann Leopoldi in die Hände gefallen. Leopoldi, der vor den Nazis in die USA fliehen konnte, hat das Textstück aber nie erreicht. Es war mir eine Ehre, dieses Lied fertig komponieren zu dürfen.

profil: Ein altes Zitat von Ihnen lautet: Hart arbeiten ist viel wichtiger als Kreativität. Gilt das noch immer?
Wanda: Das habe ich nie gesagt. Natürlich ist es harte Arbeit. Das Problem ist aber ein anderes: Kreativität wird nicht mehr der ganzen Gesellschaft zugestanden, sondern nur noch durch die Kulturschickeria verkörpert. Alles, was der Mensch tut, ist kreativ. Es ist schon kreativ, das Leben zu bewältigen. Singen kann jeder, Lieder schreiben auch. Wir tun es halt öfter. Das ist der einzige Unterschied.

Interview: Philip Dulle

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