Obdachlose zeigen bei Stadtführungen "ihr" Wien
Österreich

Obdachlose zeigen bei Stadtführungen "ihr" Wien

Bei dem Sozialprojekt Supertramps machen obdachlose und ehemals obdachlose Menschen Stadtführungen durch Wien. Dabei erzählen sie ihre persönliche Lebensgeschichte und berichten von den Problemen im Alltag eines Obdachlosen.

Wo verbringt man den ganzen Tag, wenn man kein Zuhause hat? Wo bekommt man Essen her? Wo geht man sich duschen oder auf die Toilette? Wo schläft man? Fragen, die sich für die meisten Menschen nicht stellen. Für obdach- oder wohnungslose Menschen schon.

Zum Beispiel für Ferdinand. Diese und weitere Alltagsprobleme Obdachloser veranschaulicht der Wiener bei seiner Tour durch Ottakring. Ihm ist es ein Anliegen, dass die Menschen ein „Verständnis dafür entwickeln, dass es wirklich jeden treffen kann und dass die Menschen merken, wie gut es ihnen geht.“

Ferdinands Tour startet in Ottakring, wo der Wiener aufgewachsen ist, und endet in Hernals. Bei seiner Führung erzählt er viel Persönliches und zeigt Plätze, die für ihn wichtig sind. Wie beispielsweise die elterliche Wohnung oder ehemalige Wohnheime, in denen er früher gewohnt hat. Der 52-Jährige erzählt, wie es ist, wenn man keine Privatsphäre hat und wie man wieder einen Weg aus der Obdachlosigkeit raus findet.

Er ist einer von sechs Supertramps – obdachlose oder ehemals obdachlose Menschen, die Stadtführungen durch Wien machen und dabei „ihr“ Wien zeigen. An öffentlichen Plätzen verknüpfen sie ihre persönlichen Lebensgeschichten mit ihren Erfahrungen über Obdachlosigkeit.

Bewusstsein für Obdachlosigkeit schaffen

„Der Unterschied zu Touristenführungen ist, dass wir nichts Geschichtliches oder Kulturelles zeigen", erklärt Teresa Bodner, Projektmanagerin des Sozialprojektes Supertramps im Gespräch mit profil. „Die Guides nutzen den öffentlichen Raum als Bühne. Sie zeigen jene Orte, die für sie wichtig sind, an denen sie sich viel aufhalten. Jeder hat ganz unterschiedliche Dinge erlebt. Uns ist besonders wichtig, dass die persönliche Lebensgeschichte der Guides in den Mittelpunkt gestellt wird. Anhand dieser Geschichte lernen die Tour-Teilnehmer etwas über das Leben eines Obdachlosen. Bei den Touren lernt man oft eine Person gut kennen, die ganz andere Lebensinhalte hat."

Sechs sogenannte Supertramps bieten aktuell Touren durch Wien an. Fünf der Guides sind derzeit obdach- oder wohnungslos, einer wohnt in einer Gemeindebauwohnung. Jeder bietet einmal die Woche eine Tour durch sein Grätzel an. Jede Tour ist individuell – je nachdem, wo sich die Person viel aufhält. Die Guides bekommen pro Tour ein Honorar von 20 Euro, unabhängig davon, wie viele Personen an der Tour teilnehmen. Wenn einer der Supertramps nicht vom Staat unterstützt wird, bekommt er 25 Euro pro Tour.

Die Guides mit Supertramp-Projektmanagerin und Freiwilligen

Bewusstseinsbildung für Obdachlosigkeit und Empowerment der Guides sind die zwei Hauptanliegen des Projektes. „Unser Ziel ist es, ein Bewusstsein für Obdachlosigkeit zu schaffen, aufzuzeigen, dass es ganz verschiedene Facetten und Gesichter dahinter gibt und dass dahinter starke Persönlichkeiten stecken – mit verschiedenen Lebenserfahrungen und einem sehr großen Wissensschatz, von dem jeder nur profitieren kann“, sagt Bodner. Unter Empowerment der Guides versteht die Projektmanagerin die Verantwortung, die den Obdachlosen zu kommt, wenn sie Führungen mit bis zu 15 Personen abhalten. Dadurch lernen die Obdachlosen Verantwortung zu tragen und verlässlich zu sein, erklärt Bodner.

Alltag eines Obdachlosen hautnah erleben

Hedy ist ebenso Supertramp. Bei ihren Touren erwartet die Teilnehmer viel Information zu Politik, Feminismus und Natur. Ihre Tour führt durch die hippen Bezirke Mariahilf und Neubau. Gestartet wird am Loquaiplatz. Dort finden obdachlose Menschen Container mit Essen und Kleidung, erzählt sie im Gespräch mit profil.

Der Loquaipark symbolisiert für Hedy dabei den Wald – für sie ein besonderer Ort - denn Hedy wohnt in einem Wald am Wiener Stadtrand. Ihren Zuhörern stellt sie Fragen wie „Wie würdet ihr euch in einem Wald organisieren?" oder "Wo würdet ihr schlafen?“. Weiter geht es über die Mariahilferstraße zu einem Frauentageszentrum. Die 59-jährige steht Tageszentren sehr kritisch gegenüber. Beispielsweise bemängelt sie die enorme Bürokratie.

Schülergruppe bei einer Tour

Die Wienerin berichtet ihren Zuhörern ebenso von ihrer politischen Vergangenheit. Frauengesetzgebung und Emanzipation sind für sie wichtige Themen - an ihre Zuhörer appelliert sie zu politischem Engagement und mehr Beteiligung an der Gesellschaft.

Vorbei geht es an einem offenen Bücherschrank. Lesen brauche sie zum Überleben. Auch hier appelliert sie an ihre Teilnehmer, vor allem an die jungen. Diesmal zum Lesen. „Die Menschen sollen kritisch sein und sich engagieren. Jeder trägt eine Verantwortung in der Gesellschaft“, sagt Hedy.

Die Zielgruppe der Führungen ist gemischt: Wiener, Touristen und Schüler ab 14 Jahren. Die Touren sind auf Deutsch, einige Guides bieten ihre Touren aber auch auf anderen Sprachen an, wie beispielsweise Englisch, Russisch oder Ungarisch. Die Touren werden ebenso für Schulklassen angeboten, auch in Kombination mit einem Vortrag in der Schule. Der Vortrag diene dabei zur Vorbereitung der Schüler auf den Guide und um ihnen das Thema Obdachlosigkeit näher zu bringen, erklärt Bodner.

Das Projekt wurde 2015 gegründet. Ziel sei es im Moment, dass jeder Guide wöchentlich eine Tour abhalten kann. Derzeit gibt es jede Woche insgesamt drei bis vier Touren. Auch über die Touren hinaus versuche die Projektmanagerin die Obdachlosen zu unterstützen, beispielsweise mit Weiterbildungen im Bereich Kommunikation oder durch gemeinsame Aktivitäten und Veranstaltungsbesuche.

Richtwerte für Spenden für die Touren der SUPERTRAMPS:
Erwachsene: 15€
Ermäßigt: 8€ (Kinder, Studenten, Pensionisten und Arbeitslose
Familienticket: 35€ (Ab 1 Erwachsenen plus 2 Kinder)
Tour-Buchungen: tickets@supertramps.at, oder direkt bei Teresa Bodner unter 0660/7734322.

+++Lesen Sie auch: "SUPERTRAMPS: Obdachlos in Wien"+++

Kommentar verfassen
  • Erwin Wolfram So, 02. Apr. 2017 22:39

    Das aktuelle Terrorregime nutzt also einen ganzen Strauss an Mitteln und Werbeaktionen um die Umleitung der Versicherungsmittel in korrupte Taschen zu bewerben und sich vor auslaendischen Zeugen zu schuetzen, aber ist so eine Bezahlung auf dem Niveau nicht illegal oder gilt das nur wenn es Steuerschulden gibt um die Entfernung von Zeugen f d Straftaten des Regimes aus der Versicherung zu loben?

    Melden
    • Erwin Wolfram So, 02. Apr. 2017 22:41

      Nehme an die Obdachlosen wuerden sich strafbar machen, wenn sie die Nazischuldner die die Justiz deckt bedienen? Wie aber den Unterschied zwischen Haerte und Haerte definieren?

      Melden
  • Wolfgang Wanz (WolfgangWanz) Do, 30. Mär. 2017 15:51

    Ergänzung 3:
    Übrigens, dass österreichische Obdachlos Anspruch auf Mindestsicherung haben wurde da noch gar nicht mitbeachtet. Genaus wo wie die Tatsache dass die absolut meisten der „Obdachlosen“ in diesen Schlafstellen „Zuwanderer“ sind…

    Melden
  • Wolfgang Wanz (WolfgangWanz) Do, 30. Mär. 2017 15:49

    Werden bei diesen Führungen auch die Geldverdienmöglichkeiten aus Obdachlosgkeit angesprochen.
    In einer Notschlafstelle kostet ein Bett pro Nacht 30 Euro.
    http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/stadtleben/859735_Das-Elend-ohne-Wohnung.html
    30 Nächte in Notschlafstelle kommen dann auf ca. 900 Euro.
    Würde man jedem Obdachlosen statt einer Notschlafstelle eine Wohnung zum Muchitschpreis gebe

    Melden
    • Wolfgang Wanz (WolfgangWanz) Do, 30. Mär. 2017 15:50

      Ergänzung:
      zum Muchitschpreis geben (ca. 350 Euro Monatskosten) dann würde das (fast) nur ein Drittel der Notschlafstellenkosten kosten.
      Geht aber nicht, den diese „Mangelware“ leistbarer Wohnraum gibt es eben nur für Muchitsch und Co, und nicht Karl und Hubert, die müssen in einem Massenlager (6, 8 Betten) für 30 Euro in der Nacht schlafen.
      Ob da nicht in Wirklichkeit viel Geld aus den 68.000.000

      Melden
    • Wolfgang Wanz (WolfgangWanz) Do, 30. Mär. 2017 15:50

      Ergänzung 2:
      Ob da nicht in Wirklichkeit viel Geld aus den 68.000.000 welche die Gemeinde Wien für Obdachlosigkeit Ausgibt zu „Freunderl“ fließt? Denn genaue Zahlen wer da wie viel bekommt werden ja nicht herausgegeben.
      Muss geheim bleiben...
      Übrigens, dass österreichische Obdachlos Anspruch auf Mindestsicherung haben wurde da noch gar nicht mitbeachtet. Genaus wo wie die Tatsache dass die absolut

      Melden