Waschen, schneiden, leiden
Österreich

Waschen, schneiden, leiden

Seit Jahren werden junge Mädchen davor gewarnt, klassische Frauenberufe zu ergreifen. Ein Job in der Technik oder einer anderen Männerbastion biete viel bessere Aussichten, heißt es. Aber geht es Friseurinnen wirklich so schlecht?

Wenn die Fotos im Bericht des Frauenministeriums nicht täuschen, hatten alle Beteiligten ihren Spaß. Auf den Bildern sieht man junge Mädchen am Steuer eines Schaufelbaggers, bei der Arbeit im Chemielabor, beim Hämmern, Messen und Schrauben in diversen Werkstätten. Die Teenager wirken aufmerksam, gut gelaunt und motiviert; offenbar war der "Girls’ Day 2016“ auch nach den Maßstäben Pubertierender hinreichend unterhaltsam.

Am kommenden Donnerstag wird es Zeit für eine Neuauflage. Tausende Schülerinnen im Alter zwischen zehn und 16 Jahren werden unter sachkundiger Anleitung Computerspiele programmieren, alte Möbel restaurieren (oder wenigstens dabei zusehen), Bauhöfe samt Gerätschaft besichtigen und im Pilotensitz eines Bundesheerhubschraubers Platz nehmen. Der "Girls’ Day“, vulgo "Töchtertag“, ist seit Jahren fixer Bestandteil der frauenpolitischen Agenda. Es geht darum, den Schülerinnen Einblicke in Berufswelten zu bieten, die nicht als typisch weiblich gelten. "Dadurch soll ein Impuls gesetzt werden, der eine Trendwende bei der Berufsorientierung von Mädchen unterstützt“, heißt es etwas gestelzt auf der Website des Frauenministeriums. Einfacher ausgedrückt: Die Mädchen sollen bei ihrer Karriereplanung endlich ein bisschen kreativer werden. So wie es jetzt ist, darf es nicht bleiben.

Aktuell gibt es in Österreich etwas mehr als 35.500 weibliche Lehrlinge. Fast 30 Prozent davon arbeiten in den drei bei Frauen beliebtesten Jobs: Bürokauffrau, Friseurin, Lebensmittelverkäuferin. Das ist weniger als früher, aber nach wie vor ein sehr hoher Wert. Bei den Burschen ist die Fokussierung auf drei Branchen sogar noch etwas ausgeprägter, doch die jungen Männer entscheiden sich wenigstens für technische Berufe. Nach Meinung der meisten Fachleute ist das die klügere Wahl, weil Techniker im Schnitt mehr verdienen als Sekretärinnen und Friseurinnen. Seit Jahren klagt die jeweils amtierende Frauenministerin über die starren Job-Präferenzen des Nachwuchses. Schon früh würden die jungen Mädchen damit die Weichen für ihre lebenslange berufliche Benachteiligung stellen.

Stigma "Friseurin"?

Unter diesem argumentativen Dauerbeschuss wohl am meisten gelitten hat das Image des Friseurberufs, der zu über 90 Prozent von Frauen ausgeübt wird. Schere, Kamm und Lockenstab gelten in manchen Kreisen bereits als Insignien des sozialen Abstiegs. Es gibt dazu keine vernünftigen Studien, aber eine Umfrage im eigenen Bekanntenkreis liefert Material genug. Fällt der Begriff "Friseurin“, denken viele Menschen automatisch an weibliche Opfer des Kapitalismus, die in großer Zahl um wenige, schlecht bezahlte Stellen kämpfen und sich von ihren Arbeitgebern alles gefallen lassen müssen.

Aber ist die Lage wirklich so übel? Oder haben sich da ein paar Vorurteile verselbstständigt? Ein Blick in die Statistiken des Arbeitsmarktservices (AMS) bestätigt den schlechten Ruf nicht unbedingt. Anfang April waren fast 1500 Friseure österreichweit als arbeitssuchend gemeldet. Dem standen 700 offene Stellen gegenüber. Das ist eine Diskrepanz, kein Zweifel. Aber man muss diese Lücke in Relation setzen. Österreich leidet aktuell unter Rekordarbeitslosigkeit; in den meisten Branchen ist der Unterschied zwischen Arbeitslosen und freien Stellen erheblich größer als bei den Coiffeuren. Auf den ersten Blick überzeugend fällt der Gehaltsvergleich aus: Gelernte Friseure verdienen zwischen 1325 und 1700 Euro, ein ausgebildeter Kfz-Mechaniker bekommt 1960 bis 2180 Euro. In diesen Zahlen fehlt allerdings das Trinkgeld - das im Frisiersalon leicht ein paar Hundert Euro im Monat ausmachen kann.

Überhaupt nicht zu den gängigen Vorurteilen über den Berufsstand passte ein Auftritt, den Peter Schaider Anfang April bei einer hochkarätig besetzen Diskussionsveranstaltung im Wiener Ringturm hinlegte. Schaider ist Chef und Miteigentümer der Friseurkette Strassl, und er nutzte die Gelegenheit, um in Anwesenheit von Bundeskanzler Christian Kern eine Anekdote aus seinem Unternehmerleben zu erzählen. Gemeinsam mit dem Arbeitsmarktservice habe er jüngst versucht, 20 bis 30 offene Stellen in seinem Betrieb zu besetzen, so Schaider. Man vereinbarte eine Art "Casting“ und lud 220 als arbeitslos gemeldete Friseurinnen und Friseure ein. Aber dann nahm das Unheil seinen Lauf.

Die Geschichte in der Darstellung des Unternehmers: 60 Kandidaten sagten schon vorher ab, weitere 100 erschienen einfach nicht zum Termin. Von den verbliebenen 60 brachte nur die Hälfte die notwendigen Basisqualifikationen wie Manieren, Sprachkenntnisse und Ähnliches mit. Diesen kleinen Rest traf der Chef zu Detailverhandlungen - musste aber feststellen, dass es sich erneut spießte, wie er profil gegenüber berichtet: "Die meisten wollten nicht am Samstag arbeiten, einige überhaupt nur bis Donnerstag Nachmittag. Übrig geblieben sind am Schluss nur drei.“

Personalmangel

Er schlage sich schon länger mit dem Personalmangel herum, sagt Schaider. "Wir würden gerne expandieren, aber das geht nicht, weil wir keine Mitarbeiter finden.“ Fast 30 Jobinserate hat das Unternehmen auf der eigenen Website platziert. Leider gebe es kaum Bewerber. Schlechte Bezahlung könne dafür nicht der Grund sein, glaubt der Chef. "Eine gute Friseurin verdient bei mir zwischen 1900 und 2500 Euro brutto, eine sehr gute kann es auf 3500 Euro bringen. Dazu kommt noch das Trinkgeld.“ Früher habe es mehr Andrang auf die freien Stellen gegeben. "Aber seit die Leute dauernd hören, man soll nur ja nicht Friseurin werden, wird es immer schwerer.“

Jakob Michael Wild, Geschäftsführer der Bundesinnung, hat ebenfalls keine Freude mit der öffentlichen Darstellung. "Es ist schon traurig, wie da eine ganze Branche schlechtgemacht wird.“ Man müsse doch berücksichtigen, was sich mit einer abgeschlossenen Coiffeur-Lehre alles anfangen lasse. "Die Leute können sich selbstständig machen, ins Ausland gehen, für Fernsehen oder Theater arbeiten.“ Der Funktionär vergisst ein weiteres Argument: Die Auswirkungen der Digitalisierung dürften sich in der Schönheitspflege vermutlich am wenigsten bemerkbar machen. Bevor Roboter Haare schneiden, Kopfmassagen verabreichen und Augenbrauen zupfen, wird noch sehr viel Zeit vergehen.

Österreichische Frauenpolitikerinnen sind keineswegs alleine mit ihren Versuchen, mehr junge Mädchen für technische oder naturwissenschaftliche Berufe zu erwärmen. In Deutschland und anderen vergleichbaren Ländern läuft dasselbe Projekt, fast überall mit bescheidenem Erfolg. Selbst wenn es eines Tages klappen sollte, ist der feministische Effekt zweifelhaft. Frauen verdienen auch deshalb im Schnitt deutlich weniger als Männer, weil sie sehr viel seltener Vollzeit arbeiten - und zwar quer durch alle Branchen. Auch besser Qualifizierte setzen in einem hohen Ausmaß auf Teilzeit, wie eine Studie von Forscherinnen der Akademie der Wissenschaften jüngst ergab. Die Zahl und das Alter der Kinder spielen dabei, das ist bemerkenswert, eine untergeordnete Rolle. Mehr weibliche Mechatroniker und Gabelstaplerfahrer könnten also letztlich vor allem dazu führen, dass die Teilzeitquote in diesen Branchen steigt - und die Durchschnittslöhne sinken.

Wenig familienfreundliche Arbeitszeiten seien auch der Hauptgrund für die relativ hohe Fluktuation unter Friseurinnen, sagt Elisabeth Vondrasek, Frauenvorsitzende der Gewerkschaft Vida. "Wenn Kinder da sind, suchen sich viele einen anderen Beruf, obwohl sie die Arbeit eigentlich gerne gemacht haben.“ Klagen über den Job an sich oder bösartige Arbeitgeber höre sie vergleichweise selten. In dieser Hinsicht seien die Coiffeure keine sonderlich auffällige Branche, meint Vondrasek. Die Umerziehungsmaßnahmen der Politik sieht sie mit gemischten Gefühlen. "Ich habe mich immer für Frauen in der Technik eingesetzt. Aber man kann keine zwingen. Am besten ist, wenn jeder das macht, was ihn am meisten freut.“

Derzeit absolvieren 3500 junge Frauen eine Lehre zur Haarstylistin. Vielleicht wird ja trotzdem etwas aus ihnen.

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