Autodrom von David Staretz: Viel Q, kaum A
Wirtschaft

Autodrom von David Staretz: Viel Q, kaum A

Spätestens seit der Audi-Chef in Haft ist, muss sich die Autoindustrie Fragen gefallen lassen. Vor allem die deutsche.

Verurteilungen, Rückrufe, Razzien, Verhaftungen in den obersten Logen, Bußzahlungen in Milliardenhöhe, drohende Zwangsstillegungen von Kundenfahrzeugen, Abgasversuche mit Affen, Verdacht unerlaubter Kartellabsprachen zwischen Autoherstellern. Unzureichende Software-Updates. Schweigegelder an Ex-Manager. Täglich neue Enthüllungen. Wer wusste was bereits wie früh. Wer ist aller involviert.

Kaum ein europäischer Hersteller erscheint noch unschuldig, über Fiat reicht die Verdachtszone zu Schwester Chrysler bis in die Kerntiefe der USA. Das hat keinen Charme mehr - gerade wenn man reflexartig versucht, die Autohersteller in Schutz zu nehmen, tauchen mehr Fragen als Antworten auf. Warum lässt eigentlich keiner der betroffenen Hersteller etwas Konkretes verlauten? Jede neue Steppnaht wird mit Presseaussendungen betrommelt. Was hingegen schon seit drei Jahren vermisst werden muss, sind öffentliche Kommuniqués der betroffenen Hersteller, allen voran Volkswagen. Deshalb die Nummer eins auf meiner Liste: Warum schweigt ihr immer noch zur unhaltbaren Situation?

Etliche Antworten auf weitere Fragen zum Thema kann man sich selbst geben. Überraschend nahe zum Beispiel steht mir die Antwort auf die Grundsatzfrage: "Warum habt ihr euch überhaupt auf die Betrugssoftware eingelassen?" Als Techniker sieht man ein Problem und arbeitet auf eine Lösung hin. Verbesserung der Messergebnisse um jeden Preis. Die Erkennung einer Prüfstand-Situation durch Software samt eingeregelter Emissionsfrömmigkeit entbehrt nicht einer gewissen Eleganz. Man könnte das sportlich sehen, so wie auch im Motorsport immer wieder versucht wird, Regelgrenzen auszureizen oder sie gleich zu umgehen in raffinierter Heimlichkeit. Der Volkswagen-Konzern ließ sich geradezu mitreißen von dieser genialistischen Lösung, umso mehr, als man sie im fernen Ausland praktizierte, wo alles noch ein wenig abstrakter wirken mochte - sich dann aber ausreichend zu bewähren schien, um auch in Europa damit zu reüssieren. VW, Audi, Porsche (e. a.), die Dieselkönner. Bloß nicht diesen peinlichen Harnstoff zwecks Abgasreinigung in unsere Autos kippen!

Schnell war der Punkt ohne Rückkehr erreicht. Zu viele Top-Leute waren involviert, man konnte nur noch auf den Too-big-to-fail-Effekt hoffen. Dessen kritische Grenze allerdings liegt in den USA besonders hoch.


Warum müllt ihr uns hauptsächlich mit dicken SUVs zu? Wo bleibt der neue kluge Kleinwagen?

Wer sind nun die tatsächlich Leidtragenden? Die Zahl der durch vermehrte Abgase zu Tode gekommenen Menschen ist zugleich konkret und dennoch höchst abstrakt. Es ist auf keine Person, keinen Namen zu verweisen. Und sind nicht die Abgasgrenzwerte recht willkürlich gesetzt? In logischer Konsequenz kommt man, hochrechnend wie beim Rauchen, zu dem Punkt, wo niemand mehr stirbt, wenn gar kein Auto mehr fährt. (Und ja, auch Elektroautos produzieren Abgase. Aber dort, wo man nicht oft hinschaut.)

Ich möchte insofern die Tausenden Leidtragenden in den Unternehmen nicht vergessen, Vertreter der zum Schweigen verurteilten Mehrheit, die auch nicht mehr erfahren als die Öffentlichkeit, im Gegensatz dazu aber immer pro domo sprechen müssen. Was sie schon deshalb tun, weil sie ihren Arbeitgeber schätzen, ihm vertrauen, auch wenn die Tatsachen anders sprechen. Übrigens: Auch Martin Winterkorn oder Rupert Stadler atmen unser aller schwere Luft. Ist das jetzt Demokratie?

Eine andere Frage finde ich im Grunde relevanter, hier müsste man die Autoindustrie wesentlich heftiger angehen: Warum müllt ihr uns hauptsächlich mit dicken SUVs zu? Wo bleibt der neue kluge Kleinwagen?

Seit Jahren gibt es kein neues Sparkonzept zu sehen, selbst der Smart, der gern als Feigenblatt vorgeführt wird, ist eigentlich ein massiver Raumverdränger (für lediglich zwei Passagiere), zweitens ein Kind der 1980er-Jahre (und wird seit nunmehr 20 Jahren produziert). Der BMW Mini, samt Elaboraten eines der unverschämtesten Marketingkonzepte, versteht es, sich immer noch als süßer, trendiger Kleinwagen anzubiedern bei höheren Töchtern. Das führt zur hier bereits früher erörterten Frage, warum Autos geradezu verschämtverfetten im Lauf ihrer Modellentwicklung.

Weitere Kapitel aus meinem Buß-Katalog:

Warum müssen wir immer noch Tesla toll finden?

Warum begibt sich die deutsche Autoindustrie in asiatische Abhängigkeit bei der Batterieproduktion? Ist Kobalt bald ausgeschürft? Gibt es bei allem ElektroCommitment auch einen Plan B und C?

Warum kauft ihr diese Assistenzsysteme ein, die zumindest nerven, eigentlich gegen die Fahrer agieren?

Was soll diese zynische Aufpreispolitik?

Was vernetzt ihr uns ungefragt kreuz und quer?

Was versteht ihr unter Sparen?

Ehrlich jetzt: Wer hätte noch in den 1990er-Jahren gedacht, dass wir uns 2018 und voraussichtlich die nächsten zehn, 20 Jahre noch mittels Textilbändern würden im Auto festbinden müssen?

Okay. Aber nicht einmal das Gurtschloss wurde seit den 1970er-Jahren geändert! Bleibt das jetzt so?

Alles das kann man noch irgendwie im Kontext des Faktischen verstehen und erklären. Aber warum die Affen?

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