90 Jahre Antibiotika: Eine Wunderwaffe droht stumpf zu werden
Wissenschaft

90 Jahre Antibiotika: Eine Wunderwaffe droht stumpf zu werden

Gesundheitsexperten schlagen Alarm: Resistenzen wachsen.

Krebstherapien, Kniegelenkersatz, eine neue Niere - was für Millionen Patienten weltweit selbstverständlich scheint, wäre ohne die Entdeckung von Antibiotika vor 90 Jahren weitaus riskanter. Mit solchen Substanzen werden lebensgefährliche Bakterien, die sich bei Eingriffen verbreiten können, in Schach gehalten. "Zweifellos eine der wichtigsten Entdeckungen der Medizingeschichte", sagt Marc Sprenger von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf.

Zahl der Resistenzen wächst

Seit einigen Jahren aber schlagen Gesundheitsexperten Alarm, weil die Waffe gegen tödliche Infektionen stumpf zu werden droht. Die Zahl der Resistenzen gegen Antibiotika wächst rasant, viele Bakterien lassen sich nicht mehr kleinkriegen - und Schuld daran ist zum großen Teil der Mensch selbst. Was passiert, wenn die Länder das Problem nicht bald in den Griff bekommen?


Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase

"Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase oder an Lungenentzündung oder Sepsis, weil die Medikamente nicht wirken", sagt Sprenger, der die WHO-Abteilung für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen leitet. In der EU sind nach einer Expertenschätzung schon vor zehn Jahren 25.000 Menschen im Jahr an einer Infektion mit Bakterien gestorben, die gegen die eingesetzten Antibiotika resistent waren.

1928, als einfache Wundinfektionen oder Diphtherie, Lungenentzündung und Tuberkulose für Patienten oft ein Todesurteil waren, merkt ein schottischer Bakterienforscher nach der Rückkehr aus dem Urlaub, dass sich auf einer Bakterienkultur in seinem Labor ein Schimmelpilz gebildet und die Bakterien vernichtet hat. Der Pilz heißt Penicillium. Alexander Fleming (1881-1955) ist sich seiner bahnbrechenden Entdeckung sofort bewusst. Es dauert aber noch 14 Jahre, bis das erste Penicillin auf den Markt kommt. Fleming erhält 1945 den Medizinnobelpreis.

Alexander Fleming

Massentierhaltung und Missbrauch als Ursachen

Nach dem Penicillin werden weitere gegen Bakterien wirkende Verbindungen gefunden. Doch Bakterien entwickeln auf uralten und natürlichen Wegen Überlebensstrategien gegen Substanzen, die ihnen schaden. Sie werden resistent. Aber auch Ärzte, Patienten und Bauern tragen zu dem Problem bei. Bauern, weil sie Antibiotika lange flächendeckend in der Massentierhaltung eingesetzt haben und teils noch einsetzen, um ihre in der Enge anfälligeren Tiere vor Seuchen zu schützen. Die Antibiotika gelangen über das Fleisch in die Nahrungskette des Menschen und erlauben es Bakterien, sich daran zu gewöhnen.

Bei Ärzten und Patienten liegt die Sache anders. "Es ist ein kulturelles Phänomen", sagt Sprenger. "Auch, wenn viele Infektionen eigentlich nach ein paar Tagen von selbst weggehen, verlangen Patienten oft nach Antibiotika und Ärzte sind zu schnell dabei, ihre Wünsche zu erfüllen." Während ein Arzt in Westeuropa Patienten inzwischen oft beruhigen und auch mit Hausmitteln nach Hause schicken könne, verlangten Patienten in ärmeren Ländern, die für einen Arztbesuch aus eigener Tasche bezahlen, häufig nach Medikamenten.

Schon innerhalb der EU sind die Unterschiede drastisch: In Süd- und Mitteleuropa - etwa Spanien, Italien, Griechenland, Ungarn, Rumänien, Polen - sind teils schon weit über 50 Prozent bestimmter Bakteriengruppen gegen einzelne Antibiotika resistent. In Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien sind es meist deutlich unter zehn Prozent. In Griechenland und Zypern liegt der Verbrauch von Antibiotika pro 1.000 Einwohnern etwa doppelt so hoch wie in Deutschland.

In manchen Ländern sind Antibiotika gar an der Straßenecke oder auf den Markt erhältlich. In anderen werden die Wirkstoffe von skrupellosen Geschäftemachern verdünnt. Ein falsches oder unwirksames Mittel oder eine falsche Dosierung sorgen aber dafür, dass Bakterien sich an die Medikamente anpassen, dass sie überleben.

Antibiotika: Wirkungsweise - NetDoktor.de

Teure Grundlagenforschung

Nötig wären neuartige Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen, sagt Sprenger. Die Wissenschaft habe aber seit 30 Jahren praktisch keine neuen Angriffsflächen mehr gefunden. "Es sind neue Medikamente in der Forschungspipeline, aber wahrscheinlich haben wir in fünf bis sieben Jahren nur noch ein oder zwei potenzielle neue Präparate", sagt Sprenger. Die Grundlagenforschung ist teuer und der Aufwand, ein Präparat zu entwickeln, das später möglichst wenig eingesetzt wird, lohnt sich für Pharmafirmen eher nicht.

"Wir brauchen starke Gesundheitssysteme, damit Antibiotika nur über Ärzte nach Abklärung der Notwendigkeit ausgegeben werden", sagt Sprenger. Dabei müssten reiche Länder die ärmeren unterstützen. Die WHO verstärke Aufklärungskampagnen für Ärzte und Patienten. In Indien und China, wo viele der Antibiotika hergestellt werden, seien Rückstände aus Fabriken teils in die Umwelt gelangt. Inzwischen seien sich die Länder des Problems bewusst und kümmerten sich.

Hatten Sie bereits Probleme mit resistenten Keimen?

Mehr dazu:

Studie bestätigt sparsamen Einsatz von Antibiotika bei Milchkühen in Österreich

Widerstandskämpfer: Immer mehr Antibiotika verlieren ihre Wirksamkeit

Antibiotika werden zu oft und zu leichtfertig geschluckt

Kommentar verfassen
  • Do, 30. Aug. 2018 10:46

    Wenn man sich beispielsweise irgendwas verabreicht, damit die Schmerzen aufhoeren weil die Aerzte zB zu teuer oder lebensgefaehrlich sind (was in Oesterreich fuer viele zutrifft) dies als Missbrauch zu bezeichnen laesst nicht nur tief blicken in den geistigen Zustand der Moerder (Experten) die damit verdienen es ermoeglicht auch die exakte Berechnung der Aerzteopfer pro Tablette.

    Melden
    • Do, 30. Aug. 2018 10:49

      (Sobald eine Zukunftskostenabschaetzung vorliegt). Daher ist es das Interesse der Massenmoerdergruppe sich ueber die genauen Zahlen zu informieren. Sieht man nicht genau hin so denkt man, dass die das wegen des Wohls der Patienten machen. So kann man Datenschutz verstehen lernen und warum sich Missbrauchsopfer genau 1x an die Polizei wenden und nie wieder.

      Melden
    • Do, 30. Aug. 2018 10:53

      Es ist naemlich nicht jeder Schadensterm von unendlichem Wert und man will ja das "Budget" fuer seine "Patienten" "verplanen".

      Melden