Doping in der DDR: "Moral kennt keine Himmelsrichtungen"
Wissenschaft

Doping in der DDR: "Moral kennt keine Himmelsrichtungen"

Experte Hajo Seppelt über den Hochleistungssport in der DDR und die späteren Österreich-Connections.

Der gebürtige Berliner Hajo Seppelt, 56, begann 1985 seine Karriere als Sportreporter und berichtet regelmäßig für die ARD. Von ihm sind mehrere TV-Dokus und Bücher zum Thema Sportbetrug auf internationaler Ebene wie auch zum Doping in der DDR erschienen. Durch seine Recherchen wurden zahlreiche Doping-Sünder und Mittäter identifiziert und zum Teil lebenslang gesperrt.

INTERVIEW: STEPHANIE LEHNER

profil: Die DDR war eine Hochburg des Dopings. Was ist davon geblieben?
Seppelt: Man kann anhand der Stasi-Akten sehr detailgenau rekonstruieren, wie groß das Ausmaß war. Doping war vom Staat gelenkt. Die DDR hat es vielleicht preußisch-akribisch betrieben, aber ich glaube, dass es woanders in Europa und darüber hinaus genauso grassierte.

profil: Wo sind die Trainer und Ärzte der DDR heute?
Seppelt: Manche arbeiten noch. Etliche sind schon vor vielen Jahren bei Sportorganisationen in Asien, Australien oder auch Österreich untergekommen. Selbst rechtskräftig verurteilte Ärzte oder Trainer haben ja kein lebenslanges Berufsverbot. Das grundsätzliche Problem ist: Viele Mediziner im Hochleistungssport, egal ob aus der DDR oder aus anderen Ländern, haben oft leider nicht die Gesunderhaltung oder Gesundung von Menschen zur ersten Prämisse erhoben, sondern die Leistungsoptimierung. Wer aber mit einer solchen Haltung im Sport unterwegs ist, bei dem sind erhebliche Fragezeichen gerechtfertigt.

profil: Es gab heuer einen großen Doping-Skandal, bei dem ein Arzt aus der Nähe von Erfurt im Mittelpunkt stand. Spielt es eine Rolle, dass Thüringen zum Gebiet der ehemaligen DDR zählt?
Seppelt: Dieser Arzt konnte zu DDR-Zeiten noch nicht aktiv sein, dafür ist er zu jung. Seine Mutter indes hatte Verbindungen in den DDR-Sport und ist heute noch Ärztin. Es ist daher nicht auszuschließen, dass es da familiäre Prägungen gibt. Unabhängig von diesem Fall gilt für das Doping in der DDR wie auch in Russland: Das bekommt man nicht von heute auf morgen aus den Köpfen. Die involvierten Sportärzte, Trainer und Wissenschafter der DDR waren der Ansicht, dass es bei Anabolika- oder Testosteron-Doping eigentlich nur darum ging, den menschlichen Körper an seine Grenzen zu treiben. Dieses Denken gibt es bei manchen Sportärzten immer noch. Von Russland wissen wir, dass viele Trainer und Mediziner aus Sowjetzeiten im staatlich geförderten Doping der vergangenen Jahre unterwegs gewesen sind. Die Frage ist, ob ein Arzt Menschen gesund erhalten oder deren Leistung optimieren will. Letzteres ist bei manchen Sportärzten, die in klassischen Leistungssportstrukturen sozialisiert wurden, im Denken verankert. Und sie werden auch 25,30 Jahre später möglicherweise mit einer ähnlichen Herangehensweise arbeiten.

profil: Heißt das, die Geografie zählt, und man sollte bei manchen Ländern genauer hinsehen?
Seppelt: Die Sozialisation zählt. Moral kennt keine Himmelsrichtungen. Was in der DDR passierte, war von Staats wegen gedeckelt. Was im Westen Deutschlands passierte, wurde auch von vielen stillschweigend toleriert. Nur war es nicht staatlich gelenkt. Deswegen würde ich nicht sagen, dass in der DDR die schlechteren Menschen unterwegs waren. Es waren einfach andere soziale und politische Rahmenbedingungen. Doping ist ja nichts anderes als die Korruption des Wettbewerbs. Unter diktatorischen Rahmenbedingungen ist es natürlich leichter, von oben Dinge anzuordnen.

profil: Wie viele andere Österreicher hat auch der Skilangläufer Johannes Dürr vom Erfurter Arzt bezogen. Gab es da eine besondere Verbindung?
Seppelt: Das ging weit über Österreich hinaus. Dieser Arzt hat auch Deutsche oder Sportler aus den baltischen Staaten, der Schweiz und Italien betreut. Er machte sich schon vor vielen Jahren im Radsport einen Namen. Wir wissen, dass er beispielsweise beim deutschen Team Gerolsteiner aktiv war. Und es gab eben auch Athleten aus Österreich. Auch über Manager werden Verbindungen gezogen. Ein Österreicher war damals auch als Sportmanager tätig und hat das Doping unterstützt. Solche Verbindungen werden dann aktiviert. Sie gehen über einzelne Sportarten hinaus und können dann eben auch Österreicher betreffen. Aber ich würde nicht sagen, dass es eine spezielle österreichische Färbung gibt. Das ist bedingt durch die Menschen, die man kennt. Wo der Erfolg lockt, da gehen die Menschen hin. Und Doping ist ein Geschäftsmodell. So simpel ist das.