KANDIDAT FÜR DEN ERSTEN VORMENSCHEN: So könnte der Graecopithecus ausgesehen haben.

KANDIDAT FÜR DEN ERSTEN VORMENSCHEN: So könnte der Graecopithecus ausgesehen haben.

Wissenschaft

Europa als Wiege der Menschheit?

Vergangene Woche geisterte eine Sensationsmeldung durch die Medien: Die Menschheit sei in Europa entstanden. Kann das stimmen?

Die Wiege der Menschheit liegt in Afrika, haben wir in der Schule gelernt. Deshalb sorgte am vorigen Dienstag eine Meldung von Forschern aus Tübingen für Aufsehen, wonach sich die Linien von Menschen und Schimpansen in Europa und nicht in Afrika getrennt hätten. Unser allererster Vorfahre sei ein Europäer gewesen und habe auf dem Balkan gelebt. Die Menschheitsgeschichte müsse demnach umgeschrieben werden.

Was wurde untersucht? Ein Team um Madelaine Böhme von der Tübinger Universität hat Zahnwurzeln zweier "Graecopithecus“-Funde inspiziert: von einem Unterkiefer aus Griechenland in der Nähe von Athen, der schon 1944 entdeckt wurde, und von einem einzelnen Zahn aus Bulgarien. "El Graeco“, wie er von den Forschern genannt wird, wurde im Stammbaum der Menschenartigen bisher meist als gemeinsamer Vorfahre von Schimpansen und Menschen eingereiht, bevor sich die Linien trennen. Da die Zahnwurzeln eher jenen von Menschen als jenen von Schimpansen ähneln, wähnt man ihn nun als ersten exklusiven Ahnen der Menschen.

Wie lautet die Schlussfolgerung der Forscher? In dem wissenschaftlichen Artikel, der im Online-Fachmagazin "Plos One“ erschien, schrieben die Forscher: "Die Eigenschaften der Zahnwurzeln von Graecopithecus zeigen Affinitäten zu der Linie der Menschen.“ Es sei deshalb nicht auszuschließen, dass er auf dem Ast der "Vormenschen“ einzuordnen ist. Das Alter der Funde liege mit etwa sieben Millionen Jahren in dem Bereich, in dem Genetiker die Trennung der Linien der Schimpansen und Menschen verorten. Die Wissenschafter behaupteten also nicht, soeben den ersten Vormenschen entdeckt zu haben - sondern lediglich, dass dies im Bereich der Möglichkeiten liegt.

Wie kam es zur Sensationsmeldung? Trotz der im Fachartikel formulierten Einschränkung, dass die Ähnlichkeit der Zahnwurzeln Zufall sein könnte, beschrieb eine Pressemeldung die Funde aus kühnerer Perspektive. Hier wurde behauptet, "dass es sich um eine bisher unbekannte Vormenschenart handelt“ und die Abspaltung der menschlichen Linie im östlichen Mittelmeerraum geschah und nicht wie bisher gedacht in Afrika. Diese Behauptungen seien durch die zwar solide beschriebenen, aber wenig aussagekräftigen Ergebnisse in der Fachpublikation nicht gedeckt, meint der Anthropologe Gerhard Weber von der Universität Wien.

Wie sind die neuen Resultate zu bewerten? Es ist nicht auszuschließen, dass El Graeco einer der ersten Vormenschen war, so Weber. Doch selbst wenn es so sein sollte, würde es die bisherigen Annahmen nicht umstürzen. Andere potenzielle Ahnen der Menschheit in Europa gab es schon früher, etwa den Ouranopithecus, der vor circa neun bis acht Millionen Jahren im heutigen Griechenland und der Türkei lebte. In der Zeit von Ourano- und Graecopithecus ließ ein Klimawandel tropische Wälder in Eurasien und Nordafrika verschwinden und savannenähnliche Landschaften in Südeuropa entstehen. Die damals lebenden Menschenartigen mussten sich diesen Veränderungen anpassen, aber wo und wie dies genau geschah, bleibt ein Rätsel. Am Ende dieses Prozesses waren die Urmenschen in Form von Ardi- und Australopithecus jedenfalls nur noch in Afrika zu finden. "Diese beiden gehören nach Stand der Wissenschaft definitiv in unsere Linie, aber niemand kann genau sagen, ob sie nun von Vorfahren aus Südeuropa oder Afrika abstammen“, erklärt Weber.

Wie lautet das Fazit? Möglicherweise ist El Graeco tatsächlich einer der ältesten Vertreter der menschlichen Linie. Die relativ dünnen, nur auf Zahnwurzeln beruhenden Indizien werden die Fachwelt aber kaum überzeugen. Er könnte ebenso nur ein gemeinsamer Vorfahr von Menschen und Schimpansen sein, und auch eine Zuordnung zu den Linien der Schimpansen oder Gorillas bleibt denkbar. Auf die klassische "Out-of-Africa“-Theorie hat die neue Studie keinen Einfluss: Es bleibt Faktum, dass die Menschheit in Form der viel moderneren Arten Homo erectus und Homo sapiens von Afrika aus die Welt eroberte.

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  • Margarete Nihsl (margretni)
    Margarete Nihsl (margretni) Mo, 05. Jun. 2017 15:48

    Ich neige zu de nicht wissenschaftlichen Annahme, dass wir nicht soviel wissen, wie angenommen. Je mehr Funde, desto unklarer werden die bisherigen Ergebnisse. Ich glaube auch, dass wir überhaupt sehr wenig wissen. Jedenfalls äußerst
    interessant.

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