Gehirn-Doping: Eine neue Therapie gegen Parkinson Gehirn-Doping: Eine neue Therapie gegen Parkinson
Wissenschaft

Gehirn-Doping: Eine neue Therapie gegen Parkinson

Forscher testen eine neue Therapie gegen Parkinson. An der Studie nimmt auch ein Patient aus Österreich teil. Er berichtet von einer erheblichen Verbesserung seiner Beschwerden.

Etwas außerhalb von Havanna liegt das Centro International de Restauration Neurológica (CIREN). Dort forscht Professor Ivonne Pedroso, Leiterin der Klinik für Bewegungsstörungen, seit mehr als 20 Jahren an neurodegenerativen Erkrankungen. Kürzlich war die Kubanerin in Wien zu Gast: Beim 5. Weltkongress zur Parkinson- und Huntington-Krankheit berichtete sie in aller Zurückhaltung von messbaren Erfolgen auf ihrem Forschungsgebiet: Pedroso leitet am Center für Molekulare Immunologie eine Studie zu NeuroEPO, einem synthetisch hergestellten Molekül, das möglicherweise nicht nur Parkinsonsymptome lindern, sondern sogar das Fortschreiten der Erkrankung bremsen könnte.

Morbus Parkinson ist nach der Alzheimer-Demenz das zweithäufigste neurodegenerative Leiden. Weltweit sind mehr als sechs Millionen Menschen betroffen, in Österreich knapp 30.000. Einer der Probanden in Pedrosos Studie ist der Wiener Unternehmer Albert Welledits. 2016 wurde er mit der Diagnose Parkinson konfrontiert.


All das ließ die Symptome zunächst abklingen, dann ging es aber von vorn los.

Er erhielt die übliche Medikation und fachärztliche Behandlung nach neuesten Erkenntnissen. "All das ließ die Symptome zunächst abklingen, dann ging es aber von vorn los. Die Symptome kamen immer öfter und immer intensiver: Zittern, Gesichtsstarre, zappeliges Gehen", sagt Welledits. Vor zwei Jahren entdeckte sein Vater, dass in Havanna an einem Medikament geforscht wird, das die Nervenzellen vor dem Absterben bewahren könnte. "Wir haben dort exzellente geschäftliche Kontakte, durch die ich schließlich Professor Pedroso kennenlernte", so Welledits.


Für mich war es wie ein Wunder, als ich bereits kurz vor Weihnachten 2018 fast keine Symptome der Krankheit hatte

Ab September 2018 war er der erste europäische Proband in der Studie. Bis zu seiner Abreise nach Kuba im September 2018 hatte sich Welledits' Zustand dramatisch verschlechtert. Er saß im Rollstuhl, als er in Havanna ankam. Sechs Wochen lang wurde er erst mal auf Herz und Nieren durchgecheckt. Vom November 2018 bis Februar dieses Jahres wurde ihm in der Klinik NeuroEPO verabreicht, drei Mal wöchentlich nasal, da das Präparat durch den Geruchsnerv ins Gehirn geschleust wird. "Es schmeckte ein wenig nach Zahnpasta. Ich habe in wenigen Minuten bemerkt, wie es ins Gehirn strömt. Der markanteste Effekt aber war, dass ich wieder riechen konnte", berichtet Welledits. Zur Medikation kamen Physiotherapie, Logopädie, Mobilisierungsübungen und Entspannung. "Für mich war es wie ein Wunder, als ich bereits kurz vor Weihnachten 2018 fast keine Symptome der Krankheit hatte."

Zurück in Wien, führt Welledits sein Unternehmen weiter wie bisher, obwohl er weiß, dass der Kampf längst nicht ausgestanden ist. "Meine Symptome sind so gut wie weg. Aber wenn ich funktionieren will, muss ich meine Standardmedikation nehmen, also Dopaminmedikamente." NeuroEPO verabreicht er sich selbst drei Mal pro Woche, im Oktober geht es mit der Studie in Phase III weiter - das ist die letzte Phase, die eine klinische Studie durchlaufen muss, bevor eine Markteinführung möglich ist. Derzeit wird die Substanz an 85 Probanden getestet. "Unser Traum ist es, nicht nur die Symptome der unheilbaren Krankheit zu verringern, sondern das Fortschreiten von Parkinson zu unterbinden und den Patienten ihre Lebensqualität wiederzugeben", sagt Pedroso.

NeuroEPO ist ein Derivat von EPO (Erythropoietin), dessen neuroprotektiven Effekte bereits gut erforscht sind. Erythropoietin spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung von roten Blutkörperchen. Bei Erwachsenen wird es in der Niere, beim Fötus in der Leber gebildet. Seit den 1980er-Jahren wird EPO in der klinischen Behandlung von Patienten mit gravierenden Nierenerkrankungen angewendet. Die Schattenseite von EPO zeigte sich ab Ende der 1980er-Jahre, als die Substanz als Dopingmittel im Ausdauersport zum Einsatz kam. Denn durch die Substanz verbessert sich die Sauerstoffaufnahmefähigkeit im Blut, der Athlet bleibt länger leistungsfähig. Seit 1990 steht EPO auf der Liste von im Sport verbotenen Substanzen. Am Beginn der Forschungen wurde angenommen, dass die einzige Funktion von EPO darin bestehe, die Sauerstoffversorgung des Gewebes zu sichern. Nachfolgende Untersuchungen zeigten aber, dass es auch die Synthese, den Transport und die Freisetzung des Neurobotenstoffs Dopamin aktiviert. Damit setzt die neue Therapie aus Kuba dort an, wo die Krankheit beginnt, denn die typischen Symptome einer Parkinsonerkrankung wie zittrige Hände und ein zappelnder Gang sind Folgen eines Dopaminmangels. Schuld daran ist Alpha-Synuclein, ein Eiweißmolekül. Es reguliert die Dopaminausschüttung in den Nervenzellen im Gehirn. Ist das Eiweißmolekül fehlgefaltet, verklumpt es mit den Nervenzellen, diese sterben ab und können kein Dopamin mehr ausschütten. Ziel der bisherigen medikamentösen Therapie war und ist es daher, den Dopaminmangel mit dem Wirkstoff L-Dopa auszugleichen.

Das nun in Havanna biotechnologisch hergestellte NeuroEPO ist eine Weiterentwicklung von EPO: ein rekombinantes menschliches Erythropoietin. Das Molekül reduziert unter anderem die Toxizität von Glutamat sowie von oxidativem Stress mithilfe einer Substanz namens Sialinsäure. Glutamat ist ein Botenstoff im Gehirn, der an der Steuerung der Bewegungsabläufe beteiligt ist. Im Zuge einer Parkinsonerkrankung kommt es infolge des Dopaminmangels zu einer Überaktivität von Glutamat, das Nervenzellen zerstören kann. Oxidativer Stress wiederum entsteht, wenn der Organismus nicht mehr imstande ist, Sauerstoffradikale selbst zu eliminieren. Menschliche Nervenzellen sind von Natur aus mit einer Schutzschicht aus Sialinsäure umhüllt, wird diese jedoch von oxidativem Stress zerstört, sterben auch gesunde Nervenzellen ab. Diesem fatalen Prozess soll NeuroEPO entgegenwirken.


Erythropoietin hat einen positiven Effekt auf die kognitiven Funktionen der Patienten

"Wir haben zwei klinische Studien durchgeführt, um die Sicherheit und Verträglichkeit des Präparats bei Parkinsonpatienten zu untersuchen", erklärt Pedroso. "Die allgemeinen Ergebnisse in beiden Studien zeigen: Erythropoietin hat einen positiven Effekt auf die kognitiven Funktionen der Patienten, der als Effekt der neuroprotektiven Eigenschaften dieser Moleküle interpretiert werden könnte. Die Studie der Phase III wird diese Ergebnisse hoffentlich bestätigen."

Der Wiener Parkinsonspezialist Dieter Volc, Primarius an der Confraternität, sieht die Forschungen durchaus positiv: "NeuroEPO ist eine Weiterentwicklung von EPO und auch deshalb interessant, weil die Substanz nicht auf das Blutbild wirkt. Es wäre eine Möglichkeit, dieser Krankheit immunologisch zu begegnen." Die relativ geringe Probandenzahl der kubanischen Studie sieht Volc nicht als Problem: "Wenn die Studie gut gemacht ist und signifikante Ergebnisse bringt, ist das kein Argument. Es wäre ein weiterer Schritt zu einer alternativen Therapieoption."