Rudi Fussi

Rudolf Fussi: „Rudi will (immer) streiten“

Rudolf Fussi ist PR-Berater, linker Polit-Aktivist und Social-Media-Provokateur.

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Ich habe mein Leben lang den Streit gesucht. Im TV-Format „Rudi will streiten“ durfte ich meine Lust an der Debatte ausleben und vom Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen bis zum damaligen SPÖ-Kanzler Christian Kern Gäste begrüßen. Auffällig schon damals: die Absagen. Während sich Ex-ÖVP-Vizekanzler Reinhold „Django“ Mitterlehner und andere „Schwarze“ voller Lust dem fundierten Diskurs hingaben und dabei auch Humor bewiesen, hagelte es von Türkisen nur Absagen.

Selbiges gilt übrigens für die Grünen. Die wollen seit Regierungseintritt auch nicht mehr streiten. Natürlich überschreite ich Grenzen. Die Verkürzung auf Social Media führt naturgemäß zu Zuspitzungen. Wie mein Mann immer zu Recht meint, haben uns Klagen bereits einige Kleinwagen gekostet. Entscheidend scheint mir aber, ob man nach oben oder unten tritt. Und bei der gegenwärtigen politischen Qualität ist das Treten nach oben ja fast Bürgerpflicht. Aber trotzdem ist es oft falsch.

Klar war es für Ex-Gesundheitsminister Rudi Anschober nicht angenehm, sich von mir vorhalten zu lassen, dass wir im Familien- und Freundeskreis mehrere Tote aufgrund der Unfähigkeit der Politik in der Pandemiebekämpfung zu beklagen haben. Doch schweigen, ich weiß nicht. 

Wir leben in der Welt der Schlagzeile von morgen, der Message und nicht dem Wettstreit um die beste Idee. Der Streit fehlt. Neutralität? In Stein gemeißelt.

Ich hänge der altmodischen Einstellung als Staatsbürger an, dass Politiker:innen sich zu erklären haben. Warum gibt es Vollspaltenböden noch immer? Warum zahlen wir immens hohe Steuern auf Arbeit, während Milliardenerbschaften unbesteuert bleiben? Es folgen die immer gleichen Plattitüden: Leistung muss sich lohnen. Wohnen muss leistbar sein. Die besten Schulen für unsere Kinder.

Im Journalismus wird viel zu oft berichtet, was jemand sagt, die Einordnung wird zu oft sträflich vernachlässigt. Dass die Inseratenkorruption ihren Beitrag dazu leistet oder etwa der skandalöse Parteieneinfluss im ORF, ist aus meiner Sicht evident. Doch das Problem der Diskursvermeidung zieht sich bis weit in politische Kreise hinein. Man setzt seine Botschaft ab, Nachfragen werden als Ärgernis empfunden. Politik ist zu reinstem Klientelismus verkommen, man will gar nicht mehr ernsthaft debattieren. Bis heute kann ich nicht nachvollziehen, warum jemand in die Politik geht und sich nicht täglich auf inhaltliche Auseinandersetzung freut. Vielleicht wegen der intellektuellen Unfähigkeit.