Apple Pay: Neue Anwendungen könnten Bargeld obsolet machen

Apple Pay: Neue Anwendungen könnten Bargeld obsolet machen

Die Zeit scheint reif für eine prophylaktische Todesanzeige: Das Ende des Bargelds rückt näher. Neue Anwendungen wie Apples Bezahldienst Pay könnten Münzen und Scheine obsolet machen. Eine Entwicklung mit Nebenwirkungen.

In einer Welt ohne Bargeld würde man sich einiges ersparen. Peinlichkeiten, vor allem. Erich Foglar etwa wäre dem Vorwurf des platten Aktionismus entgangen. Der Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes hätte dann keinen 100-Euro-Schein in die Kamera der „ZiB 2“ halten können, um die Vorteile seines Lohnsteuermodells zu veranschaulichen.

Oder im Restaurant. Die hochgezogenen Augenbrauen der Tischnachbarn, wenn das Trinkgeld nicht großzügig genug ausgefallen ist.

Am deutlichsten zeigt es sich an der Supermarktkasse. Wer es wagt, beim Bezahlen nach dem passenden Kleingeld zu kramen, kann sich des Ärgers der gesamten Warteschlange sicher sein. Und wehe, es dauert ein bisschen länger – weil die Zwei- und Fünf-Cent-Stücke gar so schlecht voneinander unterscheidbar sind –, dann wird ein deutliches Schnauben, gefolgt von dem ungehaltenen Ruf „Zweite Kasse, bitte“ zu vernehmen sein. Da kann man richtig fühlen, wie sich Gewaltbereitschaft im Kassenrückstau sammelt.

Solche Situationen könnten bald der Vergangenheit angehören. Zwar wurde seit der Einführung von Kreditkarten in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder das „Ende des Bargelds“ proklamiert. Doch dabei handelt es sich um ein ähnliches Phänomen wie bei dem des „papierlosen Büros“: oft prophezeit, nie eingetreten.

Nun scheint die Zeit jedoch tatsächlich reif für eine prophylaktische Todesanzeige. Denn es sind nicht nur genervte Supermarktkunden: Bargeld hat viele Feinde. Behörden, Banken und auch die meisten Unternehmen kämen ganz gut ohne aus. Zudem drängen Internetfirmen – die naturgemäß mit Cash nicht viel am Hut haben – immer stärker in das angestammte Geschäftsfeld der Geldinstitute.

Sind die Tage für Münzen und Scheine gezählt? Steht gar eine finanzielle Revolution bevor?

Apple-Chef Tim Cook hielt sich nicht mit falscher Bescheidenheit auf: „Apple Pay wird die Art, wie wir bezahlen, für immer verändern“, meinte er vorvergangene Woche anlässlich der Präsentation des neuen Bezahldienstes. Die meisten Experten sehen das ähnlich. „Apple hat schon in der Vergangenheit Maßstäbe in Sachen Benutzerfreundlichkeit gesetzt. Mit dieser Anwendung könnten mobile Bezahlsysteme einen enormen Schub bekommen“, glaubt Walter Mösenbacher, Geschäftsführer von Raiffeisen e-force, dem Kompetenzzentrum der Raiffeisen Bankengruppe für digitale Innovationen, und bekennender Fan des Unternehmens aus Cupertino.

Künftig sollen Kunden mit ihrem iPhone oder der neuen Apple Watch quasi im Vorbeigehen bezahlen können. Dazu ist in den Geräten ein NFC(Near-Field-Communication)-Chip eingebaut, der mit dem Lesegerät des Händlers kommuniziert. Die Kreditkarteninformationen sind im System hinterlegt. Nutzer müssen sich weder einen PIN-Code merken, noch eine Unterschrift leisten. Um eine Zahlung zu autorisieren, reicht ein Druck auf den Fingerabdrucksensor.

Die in Graz entwickelte NFC-Technologie ist nicht neu. Auch Anbieter wie Google oder Samsung setzen sie in ihren Smartphones ein, und heimische Banken liefern seit eineinhalb Jahren NFC-fähige Bankomatkarten aus. Doch der große Durchbruch blieb bisher aus. In Österreich wurden zuletzt gerade einmal 2,7 Prozent aller Kartentransaktionen kontaktlos durchgeführt. Zum einen, weil die Kunden von Sicherheitsbedenken geplagt werden, zum anderen, weil es zu wenig Lesegeräte gibt. Dank Apple dürfte sich das ändern. Der Konzern hat Kooperationen mit den führenden Kreditkartenanbietern geschlossen, die massives Interesse daran haben, endlich auch in den Markt für Klein- und Kleinstbeträge einzusteigen. Sie werden für ausreichend Akzeptanzstellen im Handel sorgen.

Zur Kasse gehen, Handy hinhalten, Daumen auflegen: Daran könnten sich die Konsumenten schnell gewöhnen.

Ohnehin ist die Digitalisierung alles Finanziellen schon weit fortgeschritten. Es begann Mitte der 1990er-Jahre mit den Online-Banking-Plattformen traditioneller Kreditinstitute und den Angeboten der Direktbanken. Mittlerweile führt jeder zweite Österreicher Überweisungen am Computer durch.

Dann führte der starke Anstieg beim Internet-Shopping zu neuen Bezahlmodellen. Viele der auf den Markt drängenden Anbieter versuchen, sich zwischen Kunden und Bank zu schieben. So wird etwa in Deutschland ein Viertel aller Online-Einkäufe über die Ebay-Tochter Pay-Pal abgewickelt. Weltweit nutzen bereits 148 Millionen Menschen diesen Online-Bezahldienst.

Dieser Erfolg hat die Banken aufgeschreckt. Erste-Bank-Vorstand Peter Bosek ist überzeugt, dass Konzerne wie Google oder Facebook in der Finanzbranche ordentlich mitmischen wollen: „In spätestens zwei Jahren werden sie mit entsprechenden Angeboten am Start sein.“ Die Banken stünden vor der Herausforderung, ihre digitalen Anwendungen möglichst einfach zu gestalten. „Dabei stehen uns aber oft die regulatorischen Anforderungen im Weg“, meint Bosek. Den Spagat zwischen Benutzerfreundlichkeit und Sicherheitsauflagen soll der „Hub“, das Innovationszentrum der Erste Group, schaffen. Dort werden digitale Prototypen entwickelt, die den Kunden das Finanzleben erleichtern sollen.
Banken, die auf die neue Konkurrenz nicht vorbereitet sind, werden es schwer haben. Entwicklungen aus dem Internet haben schon einige Branchen kalt erwischt. Die Musikindustrie kann ein Lied davon singen, wie sie von Umwälzungen im Netz überholt wurde und nun den Entwicklungen hinterherhechelt.

Noch steht hinter (fast) jeder Transaktion ein Konto bei einer Bank. Doch etwa Google und Paypal verfügen bereits seit Jahren über Banklizenzen in Europa. „Das hat durchaus Drohpotenzial: Wir wissen, dass über zwei Drittel der Jungen bereit wären, ihre Bankgeschäfte über Google oder ähnliche Anbieter laufen zu lassen“, sagt Bosek.

Dass es bereits jetzt ganz ohne Bank geht, zeigt das Beispiel M-Pesa. Der Dienst ermöglicht Kunden per Mobiltelefon Geld zu überweisen, auch wenn sie kein eigenes Bankkonto besitzen. Die Transaktionen werden mittels SMS abgewickelt. Das System ist in Ostafrika weit verbreitet. In Kenia wird rund ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung über M-Pesa abgewickelt.

Der Zahlungsverkehr hat sich gewandelt. Konsumenten haben mehr Möglichkeiten als jemals zuvor, um im Handel oder im Internet zu bezahlen. Cash verliert damit seine Notwendigkeit. Gerald Gruber, Österreich-Chef von Mastercard, meint – wohl nicht uneigennützig –, dass Scheine und Münzen langfristig keine Existenzberechtigung hätten.

Tatsächlich sprechen einige Gründe dafür, das Bargeld zu Grabe zu tragen. Cash ist teuer: Banknoten wollen gedruckt, Münzen geprägt werden. Die Zentralbanken müssen das Geld aufwendig zu den Geschäftsbanken transportieren. Dort holt es der Kunde ab und trägt es in die Geschäfte. Der Handel hält große Mengen Bargeld in den Läden, das versichert, geschützt und von Sicherheitsfirmen wieder in die Banken zurückgebracht werden muss. Ein ineffizienter Kreislauf, der auf allen Ebenen mit Kosten verbunden ist.

Der Staat könnte sich neue Steuerquellen erschließen, weil dadurch Schwarzarbeit eingedämmt würde. Die Putzfrau am Finanzamt vorbei zu bezahlen, wäre dann wohl kaum mehr möglich.

Der Zahlungsverkehr würde für die Sicherheitsbehörden leichter zu verfolgen sein – Stichwort Kriminalität und Terrorismusbekämpfung.
Viele Gründe sprechen aber auch gegen ein Ende des Bargeldes. Würde es abgeschafft, kein Alltagsgeschäft wäre mehr anonym. Jede Flasche Wein, jede Schachtel Zigaretten, jeder Kino- und Restaurantbesuch wäre elektronisch gespeichert. Bezahldaten sind die Spannendsten überhaupt. Kein Datensatz sagt so viel über das Leben des Einzelnen aus wie jener der Finanztransaktionen. Banken und Unternehmen könnten noch genauere Profile unseres Konsumverhaltens erstellen. Und dass auch Staaten nicht davor zurückschrecken die riesigen Datenmengen auszuwerten, ist spätestens seit der NSA-Affäre bekannt.

Hinzu kommt: Sicherheitstechnologien erweisen sich als unzuverlässig. Bereits jetzt treten beim elektronischen Zahlungsverkehr und mit Kreditkarten immer wieder massive Probleme auf. Wenn Konten geplündert oder ungerechtfertigt gesperrt werden, kann die schöne, neue, bargeldlose Welt schnell zum Albtraum werden.

Kriminalität und Terrorismus werden mithilfe digitalen Geldes wohl auch nicht abgeschafft werden. Die 9/11-Attentäter zahlten mit Kreditkarte, und die virtuelle Währung Bitcoin hat sich gerade bei Drogenhändlern als beliebt erwiesen.

Und aller Bequemlichkeit zum Trotz: Für die Europäer ist Cash noch immer King. Der Bargeldumlauf im Euroraum beläuft sich gemäß Daten der Europäischen Zentralbank aktuell auf über 980 Milliarden Euro. Das ist um über fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Allerdings: Nur etwa 15 Prozent werden für das Bezahlen im Einzelhandel verwendet. Der große Rest landet im Safe oder unter der Matratze. Als Sicherheit für schlechte Zeiten.

Mitarbeit: Judith Schrenk