Barbara Kolm: Straches eiserne Lady

Barbara Kolm: Straches eiserne Lady

Auf einem Ticket der FPÖ könnte Barbara Kolm nächste Nationalbankpräsidentin werden. Dabei passen die Ansichten der Hayek-Jüngerin eigentlich nicht zur freiheitlichen Politik.

Barbara Kolm hat derzeit mehr Stress, als gesund sein kann. Am Montag der Vorwoche muss sie das Telefongespräch mit profil nach ein paar Sekunden beenden, weil sie gerade in einer Besprechung sei. Am Dienstag reicht die Zeit nicht einmal mehr, um das Telefon in die Hand zu nehmen. Am Mittwoch wird es später Nachmittag, bis Kolm endlich ein wenig zum Verschnaufen kommt und reden kann. Aber nach 20 Minuten ist schon wieder Schluss, weil sie ganz schnell zum Bahnhof müsse, um nach Salzburg zu fahren. Von dort wolle sie am nächsten Tag nach London fliegen - ist also wieder ein ganz schlechter Tag für mobile Kommunikation, und ein persönliches Treffen gehe sich sowieso nicht mehr aus. Aber falls noch Fragen offen blieben, könne man ihr natürlich gern eine E-Mail schicken, meint Kolm.

Prestige, ein Dienstwagen und eine Jahresgage von rund 80.000 Euro

Irgendwann sollte die Frau ihr Telefon wieder in Betrieb nehmen. Sonst muss FPÖ-Chef Heinz Christian Strache sein Jobangebot womöglich auf der Mailbox hinterlassen. Vor zwei Jahren hatte die FPÖ Barbara Kolm ins Rennen um das Amt des Rechnungshofpräsidenten geschickt. Daraus wurde zwar bekanntlich nichts, aber die Bewerbung diente offenbar als Trägerrakete für weitere Aktivitäten. Seither war die gebürtige Tirolerin schon für diverse Aufgaben im Gespräch. Die Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen erhöhte den Bedarf an herzeigbarem Personal mit blauem Hintergrund jetzt noch einmal beträchtlich. Denn beim Umfärben agiert diese Regierung ebenso beherzt wie ihre Vorgänger (siehe Kasten). In den Aufsichtsrat der ÖBB und in den Unirat der WU ist Kolm auf FPÖ-Tickets bereits eingezogen. Demnächst könnte ein weiterer Posten für sie frei werden: Claus Raidl, seit zehn Jahren Präsident des Generalrats der Nationalbank, wird Ende August in den Ruhestand treten. Barbara Kolm solle ihm nachfolgen, heißt es. Die in FPÖ-Agenden meistens gut informierte "Kronen Zeitung" hat Kolms Bestellung als "so gut wie fix" bezeichnet. Aber entschieden ist noch nichts. Schwarz und Blau verhandeln derzeit ein Gesamtpaket für die Nationalbank. Auch der Vertrag von Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny läuft ja demnächst aus. "Wenn die ÖVP den Gouverneur stellt, darf die FPÖ den Chef des Generalrats aussuchen", erläutert ein Insider. Dann sehe es für Kolm ziemlich gut aus. "Wie alle wissen, hat die FPÖ personell nicht rasend viel Auswahl." An der Kandidatin selbst würde die Bestellung vermutlich nicht scheitern. "Das ist derzeit absolut kein Thema, aber grundsätzlich ist es eine Ehre, für so eine Position genannt zu werden", erklärt sie. OENB-Präsidentin dürfte sie sich dann nennen. Das Mandat bringt viel Prestige, einen Dienstwagen und eine Jahresgage von rund 80.000 Euro.

Wie beim Postenschacher österreichischer Prägung üblich, geht es in den taktischen Spielchen eher nachrangig um die Frage, ob das eingesetzte Personal die nötigen Qualifikationen mitbringt. Aber es ist nicht verboten, diese Frage zu stellen: Was genau prädestiniert Barbara Kolm für einen Topjob in der Notenbank? Oder allgemeiner: Warum gilt sie neuerdings als Expertin für die Geldpolitik des Staates?

Einem größeren Publikum wurde Kolm vor allem durch Auftritte in TV-Diskussionen bekannt. Eine Zeit lang war sie gut gebucht, wenn jemand gesucht wurde, der das hiesige Sozialsystem nicht für einen in Stein gemeißelten Idealzustand hält und höhere Steuern für Reiche nicht für die Lösung aller Probleme auf der Welt. In Österreich sind das keine bequemen Positionen; man setzt sich auch mit berechtigter Kritik schnell dem Ruf aus, ein herzloser Zyniker zu sein. Barbara Kolm ließ sich davon nie beirren. Sie legt es nicht darauf an, von allen gemocht werden. Das spricht für sie.

"Sie ist ja keine Ökonomin"

Allerdings gilt sie auch unter Gleichgesinnten nicht gerade als profunde Kennerin der Materie. "Sie ist ja keine Ökonomin", meint ein Bekannter. "Und manchmal habe ich den Verdacht, die Verteidigung des Marktliberalismus ist für sie mehr ein persönliches Geschäftsmodell als eine Überzeugung." Dazu kommt, dass sich Kolms Ansichten eigentlich mit jenen der FPÖ schlagen. Die Freiheitlichen verstehen sich ja nach wie vor als Vertreter des kleinen Mannes. Da passt es schlecht, wenn Kolm gegen die Schließung internationaler Steueroasen auftritt wie in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". Offshore-Zentren würden immerhin für einen Steuerwettbewerb sorgen, hatte Kolm erklärt. profil gegenüber präzisiert sie ihre Haltung: "Es ist eine Unterstellung, dass Liberale kein Herz für Menschen haben, die sich nicht selber helfen können. Das stimmt nicht. Es geht darum, Leistungsträger nicht zu bestrafen." Die allgemeine Steuerlast gehöre gesenkt, nicht nur jene der Topverdiener. Von der Prosperität der auf diese Art befreiten Wirtschaft würden auch Leute mit mittlerem und geringem Einkommen profitieren.

Die heute 53-Jährige hat Betriebswirtschaft studiert und ihre Dissertation zum Thema "Strukturell bedingte Ungleichgewichte auf dem touristischen Arbeitsmarkt" verfasst - also zu einem volkswirtschaftlichen Thema. Außerdem ist Kolm gelernte Fotografin. Erfahrungen mit der Marktwirtschaft machte sie - noch unter dem Namen Lamprechter - im Innsbrucker Fotogeschäft ihres ersten Ehemanns . Von 1994 bis 2000 und von 2003 bis 2006 saß Kolm für die FPÖ im Innsbrucker Gemeinderat. Gerhard Fritz, Mandatar der Innsbrucker Grünen, erinnert sich noch an die Kollegin. "Aufgefallen ist sie damals vor allem durch den Besitz eines Porsche, mit dem sie sich öfter nicht an die Geschwindigkeitsbeschränkung gehalten hat." Als Politikerin sei sie eher farblos geblieben. Fritz könnte kein Thema nennen, für das sich Kolm besonders ins Zeug legte. "Aber im Vergleich zu den anderen FPÖ-Politikern damals kam sie mir eher zivilisiert vor", sagt er. Auch im ÖBB-Aufsichtsrat trat die Neue bis dato zurückhaltend auf. Nach zwei Sitzungen sei sie wohl noch damit beschäftigt, "Eisenbahn zu lernen", wie ein Teilnehmer meint. Seit dem Jahr 2000 leitet Kolm das Wiener Hayek-Institut -eine Art Thinktank, der sich dem Andenken an den österreichischen Ökonomen Friedrich August von Hayek verschrieben hat. Der 1992 verstorbene Nobelpreisträger war einer der wichtigsten Vertreter der österreichischen Schule der Nationalökonomie und gilt vielen als geistiger Vater des Neoliberalismus. Zu seinen Fans zählte etwa die einstige englische Premierministerin Margaret Thatcher, bekannt als "eiserne Lady". Allerdings war Hayek auch ein entschiedener Gegner von Zentralbanken. Wäre es da nicht seltsam, wenn ausgerechnet eine Hayek-Jüngerin den Aufsichtsrat der Oesterreichischen Nationalbank leiten würde? "Er hat auch für einen Wettbewerb der Währungen plädiert, was durchaus positiv ist. Und die Rolle der Notenbanken hat sich verändert, die Welt ist heute eine andere als damals", erklärt Barbara Kolm.

Das Hayek Institut war 1993 auf Initiatve der Industriellenvereinigung gegründet worden und erlebte seine wahrscheinlich beste Zeit gleich nach Kolms Amtsantritt in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends. Allerdings lag das weniger an der Chefin als an der damaligen Regierung: Schwarz-Blau sponserte fleißig; eine Zeit lang gab es jährliche Zuwendungen in der Höhe mehrerer Hunderttausend Euro. Sie habe die Finanzierung dann geändert und auf eine rein marktwirtschaftliche Basis gestellt, sagt Kolm. Man könnte es auch anders formulieren: Die öffentlichen Gelder blieben irgendwann aus; nicht einmal die Industriellenvereinigung blieb als Financier an Bord.

Im Prinzip besteht das Hayek Institut heute aus Barbara Kolm. Mitarbeiter gibt es keine, und die wissenschaftliche Tätigkeit beschränkt sich häufig darauf, Blogbeiträge aus dem angelsächsichen Raum ins Deutsche zu übersetzen. Aktiver ist das von Kolm gegründete und geleitete Austrian Economics Center (AEC), das aktuell etwa zehn Mitarbeiter beschäftigt. Spitzenprodukt des Hauses ist die sogenannte "Free Market Road Show", eine Diskussionsund Konferenzreihe, die seit zehn Jahren durch Europa tourt. Stolz verweist Kolm darauf, dass die Universität Pennsylvania das AEC im weltweiten Ranking politisch unabhängiger Thinktanks zuletzt auf Platz 21 auswies. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse die Menschheit dem AEC verdankt, lässt sich allerdings nicht recht ergründen. Die Blogbeiträge sind von durchaus unterschiedlicher Brillanz. Vor Kurzem wurde den Lesern etwa erklärt, dass Fußballfans falsch liegen, wenn sie sich über die hohen Zimmerpreise in Kiew am Wochenende des Champions-League-Finales empörten. In einem freien Markt sei das Anziehen der Preise bei hoher Nachfrage nämlich ganz normal.

Sonderwirtschaftszonen für Honduras

Barbara Kolms abenteuerlichstes Projekt findet indes nicht in Österreich statt, sondern fast 10.000 Kilometer Luftlinie entfernt im mittelamerikanischen Land Honduras. Dort sollen von der örtlichen Politik unabhängige Sonderwirtschaftszonen entstehen, in denen sich Unternehmer frei entfalten und - so die Hoffnung - möglichst viele Arbeitsplätze schaffen können. Das Projekt läuft unter dem Namen ZEDE (auf Deutsch: Zonen für Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung), und ist höchst umstritten. Barbara Kolm fungiert als Vorsitzende des Board of Trustees und kann fast acht Jahre nach Planungsbeginn noch immer keine sichtbaren Fortschritte herzeigen. Sie plädiert für Geduld: "Wenn in Honduras so effizient gearbeitet würde wie bei uns, wären solche Zonen nicht so dringend nötig", sagt sie. Einige sehr große Projekte befänden sich in Planung, darunter ein Tiefseehafen und eine Ölpipeline. Sollte ZEDE eines Tages funktionieren wie vorgesehen, "kann man damit die Wirtschaftsgeschichte neu schreiben".

Bis es soweit ist, liegt es an der FPÖ, Kolms beträchtlichen Ehrgeiz zu befriedigen. Der Job in der Nationalbank wäre da sicher ein guter Anfang.