Rang und Namen: Der Beruf "Aufsichtsrat"

Rang und Namen: Der Beruf "Aufsichtsrat"

Christina Hiptmayr über das "Netzwerk Österreich“, in dem einander immer wieder dieselben Leute begegnen. Warum bloß?

Es ist ein ziemlich undankbarer Job. Um das zu bemerken, muss man nur ein bisschen googeln. Die Begriffe "Aufsichtsrat“ und "versagen“ zum Beispiel. Das gibt Lesestoff en masse: über die milliardenschwere Skylink-Affäre am Wiener Flughafen etwa. Über die Pleite des Baukonzerns Alpine. Über das Chaos um die Ablöse von OMV-Chef Gerhard Roiss. Über das Desaster bei der Hypo Alpe-Adria. Über die Millionenverluste am Burgtheater. Über die Skandale in der Telekom Austria. Und das sind nur die Causen der jüngeren Vergangenheit. Die Aufzählung kann ad infinitum ergänzt werden. Die Fälle zeichnen allesamt ein Sittenbild des Versagens der Kontrollorgane.

Undankbare Darstellung in Öffentlichkeit

Die Gegenprobe? "Erfolgreich“ und "Aufsichtsrat“ sind Vokabeln, die nur recht selten eine symbiotische Beziehung eingehen. Da mag ein Leitfaden zu finden sein, wie eine gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Management zu erzielen sei. Konkrete Beispiele aus der Praxis wird man aber vergeblich suchen. Eine deutliche Steigerung des Gewinns? Eine gelungene Expansion? Eine erfolgreiche Restrukturierung? Dafür heimsen die Vorstände die Lorbeeren ein und können sich als "Manager des Jahres“ im Rampenlicht sonnen. Nicht ganz auszuschließen, dass ein Aufsichtsrat den entscheidenden Anstoß für die fruchtbare Entwicklung gab. Sein Name wird einer breiteren Öffentlichkeit meist erst dann bekannt, wenn es in einem Unternehmen so richtig mies läuft.

Wie gesagt: undankbarer Job.

Stellt sich die Frage: Warum tut man sich das an? Ist es Geld? Macht? Prestige? Und warum sieht man in den Aufsichtsräten heimischer Unternehmen immer wieder dieselben Gesichter?

Einige, so scheint es, sind einer regelrechten Mandatssucht verfallen. Wolfgang Ruttenstorfer zum Beispiel. Als er sich 2011, damals 60 Lenze zählend, als Generaldirektor des Energiekonzerns OMV verabschiedete, wollte er sich vor allem seiner Familie und dem Sport widmen. Und sich eventuell "da und dort als Aufsichtsratsvorsitzender strategisch einbringen“. Aktuell ist er Mitglied in sechs Kontrollgremien. In zwei davon hat er den Vorsitz inne. Auslasten dürfte ihn das jedoch nicht. Ruttenstorfer wird demnächst auch in den Aufsichtsrat der Telekom Austria einziehen.

Dabei sind die Aufgaben eines Aufsichtsrats nicht gerade anspruchslos. Er bestellt und überwacht den Vorstand und beschließt dessen Bezüge. Er prüft den Jahresabschluss und den Vorschlag zur Gewinnverteilung. Wichtige Geschäfte wie Investitionen, Kreditaufnahme, Betriebsschließungen oder Beteiligungskäufe darf der Vorstand nur mit Zustimmung des Aufsichtsrates tätigen. Spezielle Qualifikationsanforderungen schreibt das Gesetz jedoch nicht vor. Lediglich Aufsichtsräte von Finanzinstituten müssen sich seit einigen Jahren dem sogenannten "Fit&Proper“-Test der Finanzmarktaufsicht stellen. Aber grundsätzlich kann jeder ein solches Mandat übernehmen.

Immer wieder dieselben Namen

Dennoch stößt man in den staatsnahen und den börsennotierten Unternehmen immer wieder auf dieselben Namen. Josef Fritz von Board Search, einer auf die Vermittlung von Aufsichtsräten spezialisierten Personalberatung, kritisiert, dass die Ämter nach wie vor nicht nach Qualifikation, sondern aufgrund von Beziehungen vergeben würden. Auch eine Studie der Wirtschaftsuni Wien ergab diesbezüglich Eindeutiges - nur 22 Prozent der Aufsichtsräte werden als Außenstehende berufen, alle anderen gelangen wegen persönlicher Bekanntschaft in die Unternehmen.

Die honorigen Herren und (viel seltener) Damen in den Aufsichtsräten können in aller Regel bereits auf eine langjährige Karriere im obersten Management zurückblicken. Die Erfahrung kann man ihnen also grundsätzlich nicht absprechen. Viele befinden sich im besten Rentenalter. Wie etwa Helmut Draxler, 65. Der ehemalige RHI-Chef könnte längst gemütlich die Beine hochlagern. Stattdessen vertreibt er sich die Zeit in sechs Aufsichtsräten, beispielsweise in der OMV und bei Siemens Österreich. Im Gremium Letzterer trifft er regelmäßig auf Norbert Zimmermann, 68. Der frühere Berndorf-Chef bringt es sogar auf elf Aufsichtsratsmandate. Unter anderen bei der Allianz Versicherung, den Gebrüdern Weiss und beim Ölfeldausrüster Schoeller Bleckmann. Dort hat auch Brigitte Ederer angedockt. Nachdem die frühere SP-Staatssekretärin im Herbst 2013 recht abrupt den Vorstand von Siemens Deutschland verlassen musste, startete sie eine dritte Karriere als Aufsichtsrätin. Insgesamt sieben Mandate hält sie aktuell. Bei den ÖBB und der Wien Holding führt sie den Vorsitz.

Es mangelt an Fantasie. Es werden die berufen, die man kennt; die ähnliche Lebensläufe vorweisen; die in denselben Zirkeln verkehren; denen man schon in der Vergangenheit beruflich oder privat verbunden war. So kommt es, dass jeder bei jedem mitmischt. Dem zu beaufsichtigenden Unternehmen ist das in den seltensten Fällen zuträglich. Ein Aufsichtsrat, der sich seinem Besteller - formell die Haupt- oder Generalversammlung - verpflichtet fühlt, wird keine unangenehmen Fragen stellen, sondern Wünsche und Weisungen umstandslos weiterleiten.

Dazu kommt: Wer an mehreren Tischen gleichzeitig sitzt, verliert leicht den Überblick. Verletzt ein Aufsichtsratsmitglied seine Sorgfaltspflicht, droht eine Haftung für dadurch verursachte Schäden. Dann ist schlechte Presse nicht mehr weit.

Salär und Prestige

Warum also tut man sich das an? Die Herrschaften haben - sollte man meinen - während ihrer aktiven Berufslaufbahn genug verdient. Und bei dem ständigen Gejammer über die dürftige Bezahlung von Aufsichtsräten ist die Motivation wohl eher nicht im Monetären zu suchen. Obwohl: Ein gar so schlechtes Auslangen hat man auch hierzulande nicht. Ein Einkommen von 146.000 Euro wie Erste-Group-Aufsichtsratschef Friedrich Rödler erreicht zwar kaum jemand. Aber mit gut der Hälfte können auch die anderen AR-Vorsitzenden der ATX-Unternehmen rechnen. Dazu kommen oft noch Annehmlichkeiten wie Dienstwagen und eigenes Sekretariat. Selbst einfache Mitglieder verdienen im Schnitt rund 30.000 Euro pro Jahr. Das erreicht der Großteil der arbeitenden Bevölkerung nicht einmal mit einem Vollzeitjob.

Doch in erster Linie bedeutet das Mandat für ihre Träger - allen Negativmeldungen zum Trotz - Prestige. Der Ruf in einen Aufsichtsrat streichelt das Ego. Noch immer gilt ein Aufsichtsratsmandat als Krönung einer Manager-Karriere. In kaum einer anderen Position kommen Externe den Entscheidungen in Unternehmen so nahe. Und es mildert den Pensionsschock. Man hat weiterhin Zugang zu den elitären Netzwerken, kann sich der eigenen Bedeutung sicher sein.

Bei Wolfgang Ruttenstorfer dürfte das Ego aber kürzlich ein wenig ins Wanken geraten sein. Er musste erfahren, dass Bekanntschaften - im konkreten Fall, jene mit Günter Geyer - nicht nur positive Auswirkungen haben. Geyer soll als Beirat im Nominierungskomitee der ÖBIB (Österreichische Bundes- und Industriebeteiligungen GmbH) dafür gesorgt haben, dass Ruttenstorfer sein Traummandat "OMV-Aufsichtsratschef“ nicht erhält. So geht zumindest das Ondit. Dabei hätte man sich vom ehemaligen Chef der Vienna Insurance Group durchaus ein bisschen Empathie erwarten können. Sitzt er doch selbst auch in sechs Aufsichtsräten.