Bitcoin: Digitale Währung versetzt die Finanzwelt in Aufruhr

Bitcoin: Digitale Währung versetzt die Finanzwelt in Aufruhr

Das Finanzsystem kriselt, die digitale Währung Bitcoin boomt. Ist diese besser als ihr Ruf? Oder bläht sich da die nächste Spekulationsblase auf?

Von Heinz Wallner

Der typische Bitcoin-User ist männlich (95,2 Prozent), 32,1 Jahre alt, ein libertärer Anarcho-Kapitalist (44,3 Prozent), nicht religiös (61,8 Prozent), lebt in einer festen Beziehung (55,6 Prozent) und hat meist einen Full-Time-Job (44,7 Prozent). So sieht, zumindest laut der Auswertung der ersten 1000 Antworten einer groß angelegten US-Umfrage vom Vorjahr, ein grober Mitglieder-Steckbrief der rasant wachsenden Nutzer-Community dieser erst vier Jahre jungen virtuellen Währung aus. Zuerst hätte es sie aus Neugier zu den Bitcoins gezogen, dann wegen der Aussicht auf einen schnellen Schnitt, und natürlich aufgrund ihrer politischen Einstellung - Pro-Occupy, Anti-Banksters. Mindestens ein Drittel der Bitcoiner führt ein stinknormales Leben, raucht nicht, trinkt nicht, spielt nicht, kifft nicht.

„Ein groß angelegtes Experiment”
Diese inzwischen weltweit etwa fünf Millionen Menschen umfassende Gruppe entwickelt sich mehr und mehr zum Gottseibeiuns der aus den Fugen geratenen herkömmlichen Finanzarchitektur. Denn Bitcoins basieren auf einem ausgeklügelten, anonymisierten Online-Zahlungssystem von Computer zu Computer, das völlig ohne zentrale Institutionen auskommt - es gibt keine Notenbanken für die Geldschöpfung, keine Kommerzbanken für Finanzdienstleistungen, keine Aufsichtsbehörden für die Überwachung der Spielregeln. "Bitcoin ist ein groß angelegtes Experiment, das das Potential zur Revolution der traditionellen Geldökonomie hat“, meint Andreas Lehrbaum, der Obmann des 2011 gegründeten Vereins Bitcoin-Austria. "Es gibt dem Nutzer die Kontrolle über sein Geld zurück, indem die Mittlerfunktion der Banken eliminiert wird. We cut out the middleman.“

Zockerwährung
Seit die Kryptowährung 2013 eine Kursrallye sondergleichen - der Wert einer digitalen Münze ist von etwa 20 Dollar im vorigen Jänner auf einen Höchststand von etwa über 1200 Dollar Ende November explodiert und hat sich inzwischen bei rund 950 Dollar oder knapp 600 Euro eingependelt - hingelegt hat, wird diese Kampfansage von den Zentralstellen des Finanzsystems zunehmend ernst genommen. Im Stakkato ließen in den vergangenen zwei Monaten die amerikanische, die europäische, die britische, die französische oder die deutsche Bankenaufsicht geharnischte Warnungen vor den Gefahren von Bitcoin vom Stapel: Es sei eine hoch spekulative Zockerwährung, erheblichen Kursschwankungen und der Gefahr der Blasenbildung ausgesetzt, hervorragend geeignet für Geldwäsche, Steuerhinterziehung und kriminelle Machenschaften, beispielsweise Drogenhandel in großem Stil, oder gar ein gigantisch angelegtes Pyramidenspiel. Dass es - wie Bargeld auch - gestohlen werden oder verloren gehen kann, war noch der geringfügigste Hinweis.

Schließlich gab die deutsche Bankenaufsicht "Bafin“ zu bedenken: "Eine zentrale staatliche Aufsicht oder Regulierung ist für das dezentrale (Bitcoin)-Netzwerk nicht möglich. Jeder Nutzer muss daher selbst die Verantwortung übernehmen.“ Auch Beat Weber, der sich in der internationalen Abteilung der Oesterreichsichen Nationalbank wissenschaftlich mit dem neuen Phänomen befasst, sieht in diesem "neuen Geld ohne Staat und Banken“ eher eine "Gefahr für den Konsumentenschutz“ als für das bestehende Geldsystem: "Der Bitcoin-Markt ist noch sehr dünn und daher extrem volatil. Wenn ein Spekulant eine größere Summe auf den Tisch legt, hat das sofort riesige Auswirkungen auf den Kurs.“

Dieses Risiko wird von den Fans des Cyber-Gelds überhaupt nicht bestritten. "Solche Kursschwankungen sind wohl die Konsequenz einer jungen Währung“, sagt Lehrbaum. Viel entscheidender sei indes, wie sein Kollege Patrick Murck, der Chefsyndikus des Branchenverbandes Bitcoin-Foundation, in einem Hearing vor dem US-Kongress Ende 2013 warb, "die Game-Changer-Rolle der Währung in der zukünftigen, digital vernetzten Wirtschaft, die mit den ‚alten‘ Zahlungswegen wie Überweisung, Lastschrift oder Kreditkarte in der real-time-Welt des E-Commerce nicht mehr auskommen“ werde.

12,3 Millionen Bitcoins
Noch ist es nicht soweit: Derzeit befinden sich weltweit etwa 12,3 Millionen Bitcoins im Umlauf, deren Marktkapitalisierung ungefähr bei zwölf Milliarden Dollar oder etwa 7,5 Milliarden Euro liegt. Im Moment werden täglich 22.953,21 Bitcoins über zirka 64.000 Einzeltransaktionen, die im Durchschnitt acht Minuten dauern, digital ausgetauscht.

Der Markt wächst
Das ist nicht viel im Vergleich zu den 26 Millionen Überweisungen und 35 Millionen Lastschriften, die allein in Deutschland an einem Tag stattfinden. Aber der Markt wächst ständig: Ende 2010 wurden erstmals zwei Pizzen mit Bitcoins eingekauft. Preis: 10.000 BTC, so deren Kürzel.

Heute werden die Münzen nicht nur auf gut einem Dutzend Online-Börsen wie Mr. Gox oder BTC-China gehandelt. Inzwischen sind sie auch in der realen Welt von knapp 2800 Unternehmen quer über den Globus verteilt als Zahlungsmittel akzeptiert - meist sind das kleine Buch-, Musik- oder Klamottenläden, Internetdienste wie Wordpress oder Reddit, aber auch große Unternehmen wie etwa der Spielehersteller Zynga, die US-Einzelhandelskette Overstock oder (in Sub-Abteilungen) der riesige Online-Supermarkt alibaba, das chinesische Gegenstück zu eBay.

Wer will, findet sie alle auf der Website coinmap.org, die für Wien zehn Anbieter ausweist, bei denen man mit Bitcoin bezahlen kann. Glaubt man Lehrbaum, könnten es bald mehr sein. "Mir sind einige sehr konkrete Pläne von Banken zu Ohren gekommen“, sagt der Bitcoin-Wanderprediger. "So gibt es hier etwa keine BTC-Börse. Noch nicht.“

Globales Überweisung-Netzwerk
Ein Geschäftsmodell könnte auch der erste Bitcoin-Hedgefonds sein, den der US-Investor Barry Silbert im Herbst 2013 gegründet und der inzwischen 70.000 Münzen im Gegenwert von momentan etwa 66 Millionen Dollar angesammelt hat. "Bitcoin wird sich wie Gold als Wertanlage verbreiten“, ist er überzeugt. "Wenn die Nachfrage anzieht, steigt der Preis und der Bitcoin-Reichtum konzentriert sich in den Händen einiger weniger. Dann hätten auch große Händler wie Amazon einen Grund, Bitcoins zu akzeptieren. Somit wird die Währung noch leichter handelbar und schließlich ein globales Überweisung-Netzwerk entstehen.“ An dieses Potenzial glauben beispielsweise auch die beiden Winklevoss-Brüder, bekannt geworden als großzügig abgefertigte Facebook-Mitbegründer, die ebenfalls zur schon recht langen Reihe von Bitcoin-Investoren zählen.

Kurzum: Rund um Bitcoin hat sich ein blühender Sekundärmarkt entwickelt, auf dem von simplen Kontoverwaltungs-Apps wie "MyWallet“ (1,1 Millionen Downloads) über obskure Anlage-Vehikel wie "Bitcoin Savings and Trust“ (das im Herbst die erste Pleite der Branche hinlegte) hin zu rund 80 Nachahmer-Währungen beinahe alle Ausformungen des Finanzwesens zu finden sind.

Ob dies im Sinne des Bitcoin-Erfinders "Satoshi Nakamoto“ ist, weiß man nicht. Man weiß nicht einmal, wer oder welche Personengruppe hinter diesem Pseudonym steckt, die 2009 das sogenannte "Master-Protokoll“ geschrieben hat. Dieses definiert das Universum der Bitcoins, deren maximale Menge nach dem Vorbild des in seinem natürlichen Vorkommen begrenzten Gold mit 21 Millionen Stück festgelegt ist.

Etwas mehr als die Hälfte dieser Einheiten, die inzwischen in bis zu acht Dezimalstellen - ein Hundert-Millionstel Bitcoin also oder ein "Satoshi“ - unterteilt werden, kursiert kryptographisch verschlüsselt in einem globalen Peer-to-Peer-Netzwerk hin und her. Jedem User wird eine irrwitzig komplexe Adresse zugewiesen, beispielsweise "8kjWEsb903urilxnVjkasX7ut23640u4hTktg“. Nakatomo ist es sogar gelungen, das "Problem der byzantischen Generäle“ zu lösen - also sicherzustellen, dass ein bestimmter virtueller Betrag nicht gleichzeitig an mehrere Empfänger überwiesen werden kann.

Die Transaktion selbst ist öffentlich nachvollziehbar, die wahre Identität der Bitcoiner jedoch nicht. "Solange Sie bloß Bitcoins überweisen oder empfangen, bleiben Sie anonym“, erklärt Lehrbaum. "Sobald man jedoch auf einer der Börsen, die ja Aufsichtspflichten unterliegen, die digitalen Münzen in reales Geld umtauschen will, muss man sich selbstverständlich ausweisen und registrieren. Auch wer mit Bitcoins einkaufen will, wird wahrscheinlich Name und Adresse preisgeben müssen. Völlige Anonymität herrscht also nicht.“

Jede Überweisung erfolgt in Form einer komplizierten mathematischen Rechenaufgabe, im Fachjargon "Mining“ genannt, vergleichbar dem mühsamen Schürfen von Gold am Klondike. Mit jedem neuen Transfer werden diese Kalkulationen schwieriger. Heute sind sie nur noch von leistungsstarken Computern zu bewältigen. Einer dieser riesigen Server-Parks liegt beispielsweise in Island, weil dort der für die Kühlung notwendige Strom günstig ist und die Temperaturen sowieso meist unter dem Gefrierpunkt liegen. "Inzwischen herrscht eine regelrechte Schlacht der Rechnerkapazitäten“, sagt Weber.

Der schnellste "Miner“, der die aufwendigen Überweisungs-Algrorithmen als Erster errechnet, wird zweierlei belohnt: Zum einen mit einer Gebühr, die zwischen einem und fünf Prozent der Überweisungssumme schwankt. Und zum anderen mit Bitcoins selbst. Gemäß dem Master-Protokoll werden alle zehn Minuten 25 Bitcoins aus dem Gesamtvorrat an die Miner zugewiesen. Bei momentaner Rechengeschwindigkeit dürfte die maximale Bitcoin-Geldmenge somit in etwa sieben Jahren ausgeschöpft sein.

Spätestens dann spekulieren langfristig orientierte Bitcoin-Anleger - laut Weber würden etwa zwei Drittel der Kontoinhaber die digitalen Münzen in der Hoffnung auf bessere Kurse horten - auf das große Geschäft. Denn da im Gegensatz zum "Fiatgeld“ der Notenbanken in der Realwelt die Bitcoin-Menge "in Stein gemeißelt ist“ (Lehrbaum) und nicht erweitert werden kann, sollte bei gleichbleibender oder erhöhter Nachfrage ihr Wert steigen.

Kritiker sehen in dieser Wette die klassischen Merkmale eines Pyramidenspiels. Gewinne könnten nur von jenen erzielt werden, die neue Käufer zu höheren Preisen finden. Weil aber Bitcoins keinen realen materiellen Wert hätten - sie sind ja Bits & Bytes -, würde ihr Kurs zwangsläufig irgendwann auf null fallen und die Masse der Nachzügler mit wertlosem Kryptogeld übrig bleiben.

Kein Mensch weiß, wer Recht behalten wird. Aber dass bis dahin mehr Geld zu verlieren oder gewinnen ist als mit kaum einem anderen für private Anleger so einfach zugänglichen Finanzinstrument, hat bereits die bisherige Kursentwicklung der Bitcoins gezeigt. Monatelang war er auf wenigen Cents herumgegrundelt, bis ihn im April 2011 ein Bericht des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes“ erstmals über einen Dollar schickte. Im Juni darauf wurden dem Wikileaks-Enthüller Julian Assange die Spendenkonten bei MasterCard, Visa und PayPal eingefroren. Also rief er in seiner Not auf, stattdessen Bitcoins zu überweisen. Der Kurs stieg innerhalb weniger Tage auf knapp zehn Dollar. Im Jänner 2013 kletterte er dann plötzlich auf 47 Dollar, was die Banque de France ganz offiziell auf Fluchtgelder aus Zypern zurückführt.

Das machte die US-Behörde "Financial Crimes Enforcement Network“ auf die Schattenwährung aufmerksam. Bitcoins seien ein Fall für das Geldwäschegesetz und kämen bei illegalen Drogendeals im Darknet, dem anonymen Teil des Internets, zum Einsatz. Allein, der Community war das wurscht, die Szene betrachtete den Verdacht als Ritterschlag, der Kurs stieg auf 200 Dollar.

Dass die US-Ermittler gar nicht so falsch lagen, zeigte sich im Oktober 2013, als das FBI die "Silk Road“, eine illegale Onlinebörse, auffliegen ließ. Der 29-jährige Ross William Ulbrich alias "Dread Pirate Roberts“ hatte in San Francisco eine Schattenbörse aufgezogen, auf der von Drogen über Waffen bis hin zu Auftragsmorden alles offeriert wurde, was Gott verboten hat. Verrechnungswährung: Bitcoins. Seit das FBI die Silk Road und deren Vermögen kassiert hat, ist es kurioserweise der größte Bitcoin-Eigentümer auf dem Markt.

Doch die Währung überstand auch diesen Schlag und kletterte von bereits 645 Dollar auf 1200 Ende November. Hauptgrund für diese Rallye war wohl die immense Nachfrage aus China, wo viele versuchten, die strengen Devisensperren zu umgehen und die Landeswährung Renminbi in Dollar zu tauschen. So hatte es die Bitcoin-Börse in Schanghai geschafft, den bisherigen Hauptumschlagplatz Mt. Gox aus Japan zu überflügeln. Anfang Dezember trat die chinesische Zentralbank auf die Bremse, untersagte den Geschäftsbanken jeglichen Handel mit der Cyber-Währung und warnte wie die anderen Notenbanken auch vor den Bitcoin-Risken. Das drückte den Kurs schlagartig auf etwa 800 Dollar je Münze, aber nach den Feiertagen ist er wieder auf den aktuellen Wert von knapp 950 Dollar angezogen. Experten vermuten nun, dass 2014 durch den vermehrten Einstieg von Investment-Fonds einen weitere Rallye bringen wird.

Angesichts dieser Hochschaubahnfahrt der Bitcoins suchen die Behörden weltweit nach einer rechtlichen Einordnung dieses Finanzphänomens. "Denn im Grunde genommen haben wir es nicht mit Geld zu tun“, sagt Weber, weil Bitcoins nicht die herkömmliche Anforderung an Geld - eine Recheneinheit zur Ermittlung von Preisen, ein staatlich autorisiertes Zahlungsmittel und ein Medium zur Wertaufbewahrung - erfüllen würden. "Es funktioniert nur als Spekulationsobjekt.“ Deswegen wurde es beispielsweise von Finnland erst vor wenigen Tagen als Ware eingestuft, womit Bitcoins etwa einer Umsatzsteuer unterliegen würden, Großbritannien stellt ähnliche Überlegungen an, Norwegen wiederum will Bitcoins nicht als Geld, sondern als Vermögen klassifizieren und zumindest den Kapitalertrag besteuern.

Mag sein, dass der Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto solch eine Entwicklung vorausgesehen hat. Denn er zog es vor, sich bereits Ende 2010 aus dem Projekt zu verabschieden. Seither ist niemandem gelungen, seine Identität zu lüften. Es geht das Gerücht, dass er in den ersten Lebensmonaten seines Babys selbst eine Million Bitcoins geschürft habe. Damit wäre er momentan Dollar-Milliardär.