Die Stahlerzeugung ist besonders energie-intensiv und damit besonders klimaschädlich. Weltweit werden jetzt milliardenschwere Pakete zur Dekarbonisierung der Industrie geschnürt.
Wirtschaft

Der globale Wettlauf um grüne Industriemilliarden

Der US-Inflation-Reduction-Act soll die Dekarbonisierung der Industrie beschleunigen. Heimische Unternehmen befürchten, dass die USA dadurch der attraktivere Produktionsstandort werden. Wie berechtigt sind diese Sorgen?

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Mehr als 20 Stationen mit der S-Bahn, anschließend 70 Stationen mit dem Bus und die letzten zehn Kilometer mit dem Uber: Die Fahrt ins Industriegebiet von Indiana Harbor ist beschwerlich. „You’re really going nowhere“, sagt der Fahrer kurz vor dem Ziel. Aber dort, im Nirgendwo von East Chicago, rund 40 Kilometer außerhalb der Hauptstadt des US-Bundesstaats Illinois, herrscht Vollbetrieb. Rund um die Uhr, sieben Tage pro Woche wird Stahl produziert. Die meisten Produktionshallen sind in blauer Farbe gestrichen – der Firmenfarbe von Cleveland-Cliffs, dem größten Flachstahlhersteller der Welt. Dazwischen befinden sich aber auch einige backsteinfarbige Bürogebäude – eines fungiert sogar als Betriebskrankenhaus. Zwischen den Gebäuden riecht es nach Teer, was alle Hinweise darauf erhärtet, dass hier energieintensiv produziert wird. Rund 5,5 Millionen Nettotonnen Stahl sind es, die jährlich im größten integrierten Stahlwerk Nordamerikas vom Band laufen. Die Hauptabnehmer sind die amerikanische Automobilindustrie, Hersteller von Haushaltsgeräten, das Baugewerbe und Rohrhersteller. Die energieintensive Stahlproduktion hat aber ein Problem, das dem Weltklima immer stärker zusetzt: ihre enormen CO2-Emissionen.

So ist die in Linz beheimatete Voestalpine allein für mehr als zehn Prozent aller CO2- und Treibhausgasemissionen in Österreich verantwortlich. Insgesamt – mit zahlreichen anderen Megawerken, wie jenem in East Chicago aber vor allem Fabriken in China – produziert die Industrie global rund ein Drittel aller klimaschädlichen Abgase. Ungefähr doppelt so viele, wie jährlich weltweit im Verkehr anfallen. In den USA soll sich das nun ändern, schließlich hat Präsident Joe Biden im Vorjahr ein millionenschweres Subventionspaket verabschiedet: den Inflation Reduction Act (IRA). Und von diesem soll künftig auch Cleveland-Cliffs profitieren.

Rund 360 Kilometer vom Stahlwerk in East Chicago entfernt, auf halber Strecke zwischen Cleveland und Detroit, wird derzeit ein Wasserstoff-Hub hochgefahren. „Im Rahmen des Demonstrationsprojekts haben wir die Nachfrage nach Wasserstoff in unserer Region ermittelt und im Jänner 2020 einen Workshop auf dem Campus veranstaltet“, sagt Frank Calzonetti, der Vizepräsident für Forschung an der Universität Toledo. „Wir haben dabei festgestellt, dass viele Unternehmen in unserer Region Wasserstoff erforschen wollen, um ihren CO2-Fußabdruck zu verringern. Und wir sind eine stark industrialisierte Region mit zwei Ölraffinerien, mehreren Stahlwerken, Gaskraftwerken und Glasunternehmen“, so der Energieexperte. Projekte wie jene in Toledo sollen die Wasserstoffproduktion aufgrund der Steuervergünstigungen von drei US-Dollar pro Kilogramm aus dem 433 Milliarden Dollar schweren IRA künftig kostengünstiger machen.

Subventionen und Steuervergünstigungen

„Im Wesentlichen beinhaltet das amerikanische Paket direkte Subventionen und vor allem Steuervergünstigungen“, sagt Werner Hölzl, Experte für Industrie- und internationale Ökonomie am Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO). „Damit wirkt sich das nicht nur auf die Kapitalkosten, sondern ebenso auf die Betriebskosten aus“, so der Industrieökonom. Langfristige Projekte seien auf diese Weise einfacher realisierbar, weil dadurch enorme Anfangsinvestitionen reduziert werden. Dasselbe Ziel, nämlich die CO2-Emissionen in der Industrie zu senken, verfolgt auch der als „europäische Antwort“ auf den IRA angekündigte EU Green Deal Industrial Plan. Weil die EU jedoch keine Steuerhoheit über die Mitgliedsländer hat, setzt der europäische Plan vor allem auf Kredite sowie Förderungen aus dem EU-Wiederaufbaufonds. Und obwohl die beiden Pakete schwer zu vergleichen sind, „wirken die Steuervergünstigungen der Amerikaner sofort, während die europäischen Zuschüsse und Kreditfinanzierungen weitgehend projektbasiert genehmigt werden“, analysiert der WIFO-Experte. Die eingesetzten Finanzmittel setzen beim IRA „hauptsächlich auf den Einsatz von grünen Technologien und nicht auf

Innovation“, wie die in Brüssel ansässige Wirtschaftsdenkfabrik Bruegel in einer Analyse schreibt. Das Hochskalieren bekannter grüner Technologien wie Photovoltaik oder Windkraft wird dadurch beschleunigt. Die Angst, dass heimische Betriebe aufgrund der günstigen Energie und der Subventionen des IRA künftig andere Standorte bevorzugen, sei im heimischen Unternehmertum bereits angekommen: „Einige sagen, dass sie zwar bleiben wollen, aber große Investitionen und Neuerungen anderswo attraktiver umzusetzen sind“, sagte Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) Ende Juni im Interview mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“. Und auch heimische Industrielle äußerten zuletzt Bedenken in diese Richtung.

„Die größte Befürchtung ist natürlich, dass die USA der attraktivere Industriestandort wird. Das heißt aber nicht, dass die komplette Industrie verschwinden wird“, sagt Hölzl. Man müsse Standortpolitik größer denken, meint der WIFO-Experte. Denn damit es zu keinen Nachteilen im internationalen Wettbewerb kommt, soll der „Carbon Border Adjustment Mechanism“ – kurz CBAM – Treibhausgase von Importen im Vergleich zu im EU-Raum hergestellten Produkten gleichwertig bepreisen. Für Exporte soll dieser CO2-Grenzkostenausgleich allerdings nicht wirken, was in der EU hergestellte Produkte am Weltmarkt benachteiligen könnte. Der Druck auf exportorientierte Unternehmen, ihre Herstellungsprozesse noch schneller zu dekarbonisieren, steigt.

Wasserstoff für die ganze Region

Wie eine solche Dekarbonisierung funktionieren könnte, versucht man am Wasserstoffhub in Toledo zu demonstrieren. Wasserstoff entsteht dort mittels Niedertemperatur-Elektrolyse bei Temperaturen zwischen 50 und 80 Grad Celsius. Die Energiequellen: Atomkraft und Photovoltaik. Vor allem Sonnenkraft soll künftig stärker versiert werden.

Anfangs sollen 8900 bis 12.300 Tonnen Wasserstoff pro Tag in Toledo produziert werden. Cleveland-Cliffs wird dabei aber nicht der einzige Profiteur sein. Auch ein Firmensitz des von Thomas Edison gegründeten Mischkonzerns General Electric, lokale Ölraffinerien, die Glasindustrie, der Solarzellenhersteller First Solar, ein Werk des Chipherstellers Intel sowie zahlreiche weitere Unternehmen sollen mit Wasserstoff beliefert werden. „Wir gehen davon aus, dass unser Projekt in der Region jährlich etwa 385.000 Tonnen CO2 einsparen wird“, sagt Calzonetti. Als Vergleich: Das sind rund 80.000 Tonnen CO2 weniger als die 460.000 Tonnen, die laut einer Schätzung des Umweltbundesamtes bei Tempo 100 österreichweit eingespart werden würden. Für den Stahlhersteller Cleveland-Cliffs bedeutet der Wasserstoff-Hub einen weiteren Schritt in Richtung Emissionsreduktion. „Wir haben die Verwendung von heiß brikettiertem Eisen (als Ersatz für klimaschädliches Koks, Erz oder Schrott in der Hochofen- beziehungsweise Elektroofenroute; Anm.) in Hochöfen erfolgreich eingeführt“, sagt Lourenco Goncalves, Geschäftsführer des weltweit größten Flachstahlherstellers.

Während die US-Industrie also in Wasserstoff investiert, ziehen Batteriehersteller unweit von Automobilfabriken neue Werke hoch. Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), bezeichnete den IRA im Mai dieses Jahres gar als „die wichtigste Einzelmaßnahme im Klimaschutz seit dem Pariser Abkommen von 2015.“ Und auch in Europa zählt der EU Green Deal, mit dem Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2050, als wichtigstes Projekt der aktuellen europäischen Legislaturperiode. Doch während diese beiden Vorhaben in Europa und den USA bekannt sind, gelten Chinas Industriepläne als unklar. Und das, obwohl das größte Land Asiens allein ein Viertel aller weltweiten CO2- und Treibhausgasemissionen verursacht.

Im ehemals bevölkerungsreichten Land der Welt soll nun aber ausgerechnet der geplante europäische Grenzkostenausgleich (CBAM) für ein Umdenken sorgen. Wegen des CBAMs könnten Exporte von fossil hergestelltem Stahl in die EU chinesischen Produzenten bald teuer zu stehen kommen. Zwar hat CO2 in China einen Preis – allerdings nur im Energiesektor. Emissionsintensive Industrien sind nicht Teil des Zertifikatsmarktes. Noch nicht. Denn um nicht vom europäischen CBAM getroffen zu werden, soll sich das bis Ende 2025 ändern, wenn es nach den Wünschen der Industrieunternehmen geht.

China Spitzenreiter bei Erneuerbaren

Die Emissionen in der chinesischen Industrie sollen künftig auch mithilfe von erneuerbaren Energien gedrückt werden. Bei der produzierten Menge an Strom aus Wind- und Solarenergie ist das Land weltweit führend und wird diese Kapazität voraussichtlich bis 2025 verdoppeln – fünf Jahre früher als geplant. Wie in den USA gibt es auch in China Subventionen für Käufer von Elektroautos, und auch vor weiteren Milliardensummen scheut die chinesische Regierung nicht zurück. Sie investiert in jede Phase der sauberen Energieerzeugung, von Solarzellen über Batterien bis hin zu Windturbinen. 546 Milliarden Dollar wurden allein im Vorjahr dafür ausgegeben – so viel wie weltweit in keinem anderen Land.

Subventionen allein werden im Kampf für eine saubere Industrie allerdings nicht ausreichen, sagt WIFO-Experte Hölzl. „Beides – also Zuschüsse und ein CO2-Preis – hat den Effekt, dass Anreize geschaffen werden. Ein höherer CO2-Preis hat langfristig die Auswirkung, dass man sich in allen Segmenten energieeinsparende Maßnahmen überlegen muss. Beim Ausbau der Erneuerbaren hat es zum Beispiel noch nie so einen großen Run auf Solarpanels gegeben wie in Folge des Krieges in der Ukraine. Das sind eindeutige Preisanreize gewesen“, analysiert der Industrieökonom. Um die rund 30 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen zu reduzieren, wird neben regulatorischen Anreizen oder Wasserstoffwerken wie in Toledo laut Hölzl aber auch die Nachfrage eine entscheidende Rolle spielen: „Wenn beim Bauen weniger Stahl und weniger Beton verwendet wird, hat man natürlich auch eine Reduktion der Emissionen. Denn energieintensiv wird die Produktion immer bleiben, und Wasserstoff ist im Moment noch sehr teuer. Egal, wie er erzeugt wird.“

Transparenzhinweis: Dieser Artikel ist im Rahmen der fjum TransAtlantic Summerschool in Chicago entstanden.

Julian Kern

Julian Kern

ist seit März 2024 im Digitalteam. War zuvor im Wirtschaftsressort der "Wiener Zeitung".