Engelbert Stockhammer: "5000-Euro-Scheck für jeden Europäer"

Engelbert Stockhammer: "5000-Euro-Scheck für jeden Europäer"

Engelbert Stockhammer, Ökonom an der britischen Kingston University, hat unkonventionelle Vorschläge zur Lösung der Eurokrise: Die Europäische Zentralbank sollte Geld an die Bürger verteilen, Österreich und Deutschland müssten die Löhne massiv anheben.

Interview: Eva Linsinger

profil: Sie haben vermutlich in Ihrer Brieftasche britische Pfund-und Euroscheine. Womit fühlen Sie sich sicherer?
Engelbert Stockhammer: Im Moment mit beiden. Der Euro war in seiner Existenz bedroht - weil seine Gründerväter so getan haben, als könnte man eine Währung von Staaten trennen. Deshalb musste die Europäische Zentralbank EZB partout unabhängig sein. Das wurde in der Krise zum Riesenproblem. Erst als die EZB ihre Regeln außer Kraft setzte und unbegrenzte Anleihenkäufe ankündigte, war der Euro stabilisiert. Vorbei ist die Euro-Krise aber nicht, weil es quer durch Europa kein Wachstum gibt.

profil: Die EZB hat die Zinsen zuletzt auf nahe null gesenkt. Hat sie überhaupt noch Spielraum?
Stockhammer: Jede Zentralbank hat mehr Spielräume, als sie sich in den letzten 15, 20 Jahren genommen haben. Auch die EZB hätte ein breites Spektrum, es ist ein Irrglaube, dass der Zinssatz ihr einziges Ins-trument ist. Die EZB könnte auch einen Scheck mit 15.000 Euro an jeden europäi-schen Haushalt oder mit 5000 Euro an jeden europäischen Bürger schicken. Das ist keine Fantasiesumme, sondern die Größenordnung, mit der bisher die Märkte mit Geld geflutet wurden. Stattdessen könnten die Bürger mit Geld geflutet werden.

profil: Meinen Sie das ernst?
Stockhammer: Natürlich. Der Punkt ist: Die Funktion von "quantitative easing“, also Geld in den Markt zu pumpen, ist eigentlich, dass der Kreditmarkt belebt und die Wirtschaft angekurbelt wird. Die Praxis schaut aber derzeit so aus: Die Banken bekommen billiges Geld von der EZB und tun damit nichts, es kommt nie im Wirtschaftskreislauf an. Wenn die EZB schon die Notenpresse anwirft, wäre es sinnvoller, dass sie das neugedruckte Geld an die Menschen verteilt. Im Angloamerikanischen heißt das "quantitative easing for the people“. Die meisten werden das Geld ausgeben und damit die Wirtschaft beleben.

profil: Das klingt nach Voodoo-Ökonomie.
Stockhammer: Im Normalfall würde ich so etwas auch nicht vorschlagen. Aber wir sind nicht im Normalfall. Das Volkseinkommen liegt im Euroraum weit unter dem Niveau vor der Krise, die Arbeitslosigkeit ist enorm, die Wirtschaft wächst nicht - daher sind außergewöhnliche Maßnahmen gefragt, und ich sehe nicht ein, warum man diese nicht auch andenken sollte. Die EZB hat ohnehin Beträge einer Größenordnung in die Hand genommen, dass sich ein Scheck über 10.000 Euro für jeden Europäer ausgeht. Das ist sinnvoller, als das Geld in die Banken zu pumpen.

profil: Warum kommt die EU so schwer aus Krise, warum wächst die Wirtschaft nicht?
Stockhammer: Es gab vor der Krise zwei Wachstumsmodelle in Europa: Das eine funktionierte, weil der private Konsum boomte und die Menschen in Häuser investierten, etwa in Spanien oder Irland. Dadurch stiegen die Schulden der Privathaushalte enorm. In diesen Staaten werden die Menschen auf Jahre den Gürtel enger schnallen müssen. Denn der Staat soll keine Schulden machen, die Menschen sind überschuldet - wenn niemand etwas ausgibt, dann wächst die Wirtschaft eben nicht. Wenn der Fiskalpakt weiter unflexibel Sparpolitik in der Krise vorschreibt, dann kann er zu einem Selbstmordpaket für Europa werden.

profil: Die meisten Ökonomen sagen aber: Der Austeritätskurs hat gewirkt, viele Krisenstaaten konnten den Rettungsschirm verlassen.
Stockhammer: Moment! Stabilisiert hat sich die Lage nur aus Sicht der Investmentbanken, weil etwa die Staatsschulden Griechenlands wieder auf den Märkten handelbar sind. Aber die Arbeitslosigkeit liegt in Spanien oder Griechenland bei 25 Prozent, und ganz Europa ist in Deflationsgefahr. Daran sind auch Staaten wie Österreich und Deutschland schuld: Auch hier stagnieren die Löhne seit Jahren, damit auch Konsum und Nachfrage. Diese Länder verlegten sich auf Exportüberschüsse. Das ist für den Euroraum genauso gefährlich wie die hohen Schulden.

profil: Warum? Deutschland und Österreich profitieren doch davon, dass sie viel exportieren.
Stockhammer: Gerade mit der gemeinsamen Währung kann man nicht das Umfeld negieren: Wenn Österreich und Deutschland viel exportieren, also Leistungsbilanzüberschüsse haben, bedeutet das, dass gleichzeitig viele andere europäische Staaten Leistungsbilanzdefizite haben müssen. Bei einem kleinen Land wie Österreich wäre das noch harmlos, bei Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas, ist es gefährlich, weil es den gesamten Euroraum instabil macht.

profil: Was sollten Österreich und Deutschland also tun?
Stockhammer: Diese Leistungsbilanzüberschussländer müssten eine viel aktivere Rolle bei der Stimulierung der Nachfrage spielen und darauf achten, auch im Inland den Konsum massiv anzukurbeln. Erstens, weil sie dafür den finanziellen Spielraum haben. Zweitens, weil sie expansiv anpassen können, die Krisenstaaten können nur kürzen. Österreich und Deutschland sollten also die jahrzehntelange Zurückhaltung aufgeben und die Löhne massiv erhöhen.

profil: Was heißt massiv?
Stockhammer: Im Prinzip sollte ein normales Lohnwachstum im Durchschnitt des Euroraums bei mindestens vier Prozent liegen, weil Trendwachstum und Inflationsziel bei je zwei Prozent liegen. Deutschland und Österreich sollten weit über die vier Prozent hinaus gehen und es damit den südeuropäischen Ländern leichter machen, Ungleichgewichte abzubauen. Das heißt, die Lohnerhöhungen in Deutschland und Österreich sollten sechs bis sieben Prozent ausmachen, damit es sich auszahlt.

profil: In Österreich starten gerade die Kollektivvertragsverhandlungen, die Gewerkschaften werden über Ihren Vorschlag jubeln. Aber schon jetzt klagen viele Arbeitgeber, dass Österreich ein zu teurer Standort ist. Werden bei starken Lohnerhöhungen nicht Unternehmen abwandern?
Stockhammer: In den vergangenen Jahrzehnten gab es in Deutschland und Österreich deutliche Reallohnverluste, die Spirale nach unten gehört durchbrochen. Natürlich kann es damit Probleme geben, man muss sich überlegen, wie die Industriepolitik das abstützen kann. Gleichzeitig würden höhere Gehälter die heimische Nachfrage steigern. Nicht zuletzt ist der Großteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor tätig. Und die Frisöre werden nicht nach China abwandern.

profil: Kann man denselben Effekt, also Konsum und Nachfrage zu steigern, auch über eine Steuerreform erzielen? Darauf setzt die österreichische Regierung.
Stockhammer: Das Problem der Instabilität in der Eurozone wurzelt in den niedrigen Lohnsteigerungen. Daher ist es naheliegend, an der Lohnpolitik anzusetzen. Nicht umsonst hat das auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vorgeschlagen.

profil: Das Hauptargument dagegen ist: dann würden sich die Krisenstaaten nicht mehr anstrengen und alle Reformbemühungen stoppen.
Stockhammer: Ich habe die Befürchtung, dass diesem Argument ein moralistisches Verständnis zugrunde liegt - nach dem Motto: Griechenland, Spanien und Co. müssen leiden, weil sie über ihre Verhältnisse gelebt haben. Griechenland, Portugal, Spanien sind alles relativ junge Demokratien, die erst in den 1980er- und 1990er-Jahren einen Sozialstaat aufgebaut haben. Da jetzt einen Kahlschlag zu machen, führt nicht zu Wachstum und ist politisch eine gefährliche Strategie.

profil: Andere Ökonomen behaupten das Gegenteil. Für Wirtschaftswissenschafter muss das große Live-Experiment Eurokrise eine spannende Zeit sein. Aber warum hält jeder etwas anderes für richtig?
Stockhammer: Leider hat die Finanz- und Wirtschaftskrise auch schonungslos die Schwächen der Wirtschaftswissenschaft offengelegt. Die Ökonomie hat sich in den vergangenen 30, 40 Jahren extrem eingeengt und mit Verve mathematische Modelle berechnet, die immer von repräsentativen Durchschnittsindividuen ausgehen. Damit entfernte sie sich immer weiter von der Realität. In der Krise wurde dann Wirtschaftspolitik improvisiert. Die ganzen Bankenrettungspakete etwa sind nicht Teil irgendeiner Wirtschaftstheorie. Damit hat die Ökonomie ein Riesenproblem, überhaupt relevant zu sein. Sie hat sich derart in ihrer Modelllogik eingeigelt, dass sie zu Recht unpopulär wurde.

profil: Ein bitteres Urteil über Ihre Zunft.
Stockhammer: Leider ein realistisches. Daher lassen sich viele Regierungen und auch die EZB lieber von anderen Experten beraten als von Ökonomen.

profil: Wenn Sie für einen Tag EZB-Chef wären - was würden Sie tun?
Stockhammer: Ich würde das mit den Schecks ausprobieren. Das wäre einmal ein sinnvolles Experiment.

Zur Person
Engelbert Stockhammer, geboren 1969 in Vöcklabruck, Oberösterreich, studierte in Wien und Amherst, Massachusetts, Volkswirtschaft und lehrte unter anderem an den Universitäten Wien, Istanbul, Ankara sowie Paris. Er forscht vor allem in den Bereichen Arbeitslosigkeit und Finanzwirtschaft. Seit Herbst 2010 lehrt er an der Kingston University in London Makroökonomie und referierte vergangene Woche auf der Klubklausur der SPÖ.