Geldanlage: Wie man von Bankkundenbetreuern beim Investment beraten wird

Geldanlage: Wie man von Bankkundenbetreuern beim Investment beraten wird

Zinsen im Keller, Per­formances bescheiden, Gebühren hoch. Christina Hiptmayr über den Versuch, sich von Bankkunden­betreuern bei der Geldanlage beraten zu lassen.

Ich gebe zu, ich bin konservativ. Stockkonservativ sogar. Zumindest in Sachen Geldanlage. Mein Interesse an Aktien, Anleihen, Fonds oder Zertifikaten war bislang rein beruflicher Natur. Privat bin ich über Sparbücher und Bausparer nie hinausgekommen. Musste ich auch nicht.

Plüschtiere, Filzstifte und Luftballons
Wie viele andere meiner Generation habe ich einen prägenden Lernprozess durchlaufen. Jahr für Jahr pilgerten wir am Weltspartag mit unseren Sparschweinen, Hippos, Sumsis oder Sparefrohs zur Bank. Damals war das noch ein Ereignis: die Spannung, wie viel sich tatsächlich angesammelt hat. Der Wettbewerb unter Freunden, wer am meisten gespart hat. Ein Erfolgserlebnis war uns gewiss. Nachdem der Inhalt der Sparbüchsen gezählt war, erhöhte sich die ermittelte Zahl auf wundersame Weise noch einmal deutlich. Acht Prozent Verzinsung gab es für mein auf drei Jahre gebundenes Sparbuch in Kindheitstagen. Obendrauf noch Plüschtiere, Filzstifte und Luftballons. So etwas konditioniert: Noch immer falle ich der naiven Vorstellung anheim, dass Geld – einmal zur Bank getragen – sich gefälligst zu vermehren habe.

Mein Geld vernichtet sich von allein
Probleme, mein Geld loszuwerden, habe ich prinzipiell nicht. Kaum verdient, ist es auch schon wieder ausgegeben. Wenn doch einmal etwas übrig blieb, landete es auf einem Konto bei einer Direktbank. Über die Jahre ist so ein nettes Sümmchen zusammengekommen. Bis die Inflation meine Zinsen überholte. Nun habe ich ein Problem: Mein Geld vernichtet sich von allein. Aber ich habe keine Lust mehr, ihm dabei zuzusehen. Doch was tun? Um eine Wohnung zu kaufen, ist die Summe, die mir zur Verfügung steht, viel zu gering. Um sie auf dem Konto vergammeln zu lassen: eindeutig zu hoch.

Für den Normalsparer ist das „Produkt“-Angebot der Banken unüberschaubar. Ich beschließe, mich von Menschen beraten zulassen, die den Durchblick haben. Die dafür bezahlt werden, mein Problem für mich zu lösen: ein Anlageinstrument für einen mittelgroßen Betrag zu finden, das sicher ist, die Inflation abdeckt und darüber hinaus noch einen Zusatzertrag lukriert. Einen kleinen zumindest. Ich bin schließlich nicht gierig. Irgendwo da draußen muss es das geben. Früher ging das ja auch. Der Besuch in fünf – völlig willkürlich gewählten – Banken soll mir einen Überblick verschaffen.

Geringes Risiko, möglichst viel Ertrag”
Meine Vorgabe „geringes Risiko, möglichst viel Ertrag“ kostet die Dame am Schalter der Oberbank nur ein müdes Lächeln. Sie druckt die Konditionen für ein Kapitalsparbuch aus: 0,4 Prozent Zinsen, gebunden auf ein Jahr. Bei zweijähriger Laufzeit wären es 0,6 Prozent. Ich schlucke. Im Vorjahr betrug die Inflation zwei Prozent, zuletzt lag sie bei 1,5 Prozent. Was sie mir anbietet, nenne ich ein Verlustgeschäft. Da wirft mein Konto bei der Direktbank ja noch mehr ab. Das bringt immerhin ein Prozent und ist täglich verfügbar. „Alle anderen Anlagemöglichkeiten fallen bei ihrem Risikoprofil leider aus“, erklärt sie mir. Ich bin erstaunt. Woran macht sie das fest? Weder haben wir über einen Veranlagungszeitraum gesprochen, noch über den zu veranlagenden Betrag, geschweige denn hat sie versucht, meine tatsächliche Risikoneigung auszuloten. Als ich mitteile, dass ich gewillt bin, 20.000 bis 30.000 Euro anzulegen, erhöht sie die Zinsen um 0,1 Prozentpunkte. Offensichtlich wird hier kein besonderer Wert darauf gelegt, mich als Kundin zu gewinnen. Erst auf mein Insistieren bekomme ich ein ausführlicheres Gespräch mit einem Berater angeboten. Dieser wäre aber erst im Laufe der nächsten Woche wieder da. Das ist mir zu spät. So kommen wir nicht ins Geschäft. Ich will, dass mein Geld schnellstmöglich für mich zu arbeiten beginnt.

„Stabil“ und „nachhaltig“
In Sichtweite befindet sich eine Bank-Austria-Filiale. Dort habe ich mehr Glück, eine Beraterin hat sofort für mich Zeit. Ausführlich erkundigt sie sich nach meiner Lebens- und Vermögenssituation, notiert sich Familienstand und Zukunftspläne. Dass sie meinen Ausweis kopieren und ein von mir zu unterschreibendes Risikoprofil erstellen will, um mich in die Kundendatei einzupflegen, geht mir dann doch zu weit. So weit sind wir, zumindest meines Erachtens, noch längst nicht. Erst will ich wissen, was sie mir anzubieten hat. Aus ihren Unterlagen fischt sie ein paar Blätter heraus: „Dieser Immobilienfonds würde gut zu Ihnen passen.“ Er investiert nur in österreichische Objekte, erfahre ich. Worte wie „stabil“ und „nachhaltig“ fallen. Auf einer Website zeigt sie mir Fotos von Wohnbauten und Bürohäusern. „Vielleicht kennen Sie ja eines. Die meisten befinden sich in Wien“, erklärt sie. Deshalb erziele er auch nicht so gute Erträge, wie Fonds, die auch Immobilien in anderen Ländern halten, sei dafür aber „sehr sicher“. Immerhin habe er seit Start jährlich 3,7 Prozent eingespielt. Das klingt schon mal nicht schlecht. Allerdings: Davon muss ich noch den einmaligen dreiprozentigen Ausgabeaufschlag abziehen. Die Depotgebühr schlägt jährlich mit 0,235 Prozent zu Buche. Und da ich keine Kundin der Bank bin, würde ich auch noch ein Verrechnungskonto benötigen. Dessen Kosten in Erfahrung zu bringen, gelingt mir nicht. Ebenso wenig informiert mich mein Gegenüber über die generellen Tücken von Immobilienfonds. Zum Beispiel, dass der „jederzeit mögliche Ausstieg“ manchmal nur auf dem Papier existiert. Etwa wenn viele Anleger gleichzeitig rauswollen. Um die abfinden zu können, benötigt der Fonds ausreichend Barmittel. Reichen sie nicht aus, müssen Immobilien verkauft werden. Das geht aber nicht von einem Tag auf den anderen.

„Mir ist noch eingefallen, Sie könnten den Betrag ja auch splitten“, meint meine Beraterin zum Abschied. Da bin ich aber schon fast bei der Tür hinaus.

„Risikoklasse 3“
Später lese ich, der angebotene Fonds ist der „Risikoklasse 3“ zugeordnet. Mittlere Kursschwankungen von mehr als zehn Prozent seien möglich. Das halte ich für durchaus verkraftbar. Dem Datenblatt entnehme ich außerdem, dass „in Ausnahmefällen auch ein Totalverlust möglich ist“. Da ich als Berufsparanoikerin immer vom schlimmsten anzunehmenden Fall ausgehe, kommt dieses Investment nun definitiv nicht in Frage.

Schlag auf Schlag
Bei der Volksbank werde ich schon erwartet. Ich bin gespannt, was man mir anzubieten hat. Tags zuvor hatte eine Kundenbetreuerin versprochen, geeignete Anlagemöglichkeiten für mich vorzubereiten. Was sie jetzt vorschlägt, macht mich staunen. Sie bietet einen Check meiner Versicherungspolizzen an: „Möglicherweise können wir Ihnen ein besseres Angebot machen.“ Dann will sie mich zu einem Bausparvertrag überreden. Ich erinnere sie daran, dass ich bedeutend mehr Geld zu veranlagen habe. Weil sie mit anderen Produkten „nicht so firm“ ist, zieht sie einen Wertpapierexperten hinzu. Da geht es plötzlich Schlag auf Schlag.

Man wird ja bescheiden
Prospekte für Wandelschuldverschreibungen, Immobilienfonds, Zertifikate und Versicherungen werden ausgebreitet. Der Mann scheint zu wissen, wovon er redet. Sämtliche Fragen kann er – frei von Verkaufstrainingssprech – verständlich beantworten. Er stellt mir eine Vielzahl von Produkten vor, schüttet mich mit Informationen zu. Nach einer Stunde schwirrt mir der Kopf. „Im konservativen Bereich ist das eigentlich alles, was wir Ihnen anbieten können“, meint er dann. Ob mir irgendetwas besonders gut gefallen habe? Ich muss gestehen, nach dem vierten Produkt konnte ich mich schon nicht mehr an das erste erinnern. Im Nachhinein reflektiere ich besonders auf ein Zertifikat mit Kapitalgarantie.

Es verspricht bei einer Laufzeit von sieben Jahren eine Fixverzinsung von 1,5 Prozent per anno. Abzüglich des Ausgabeaufschlags von drei Prozent und der jährlichen Depotgebühr von 0,25 Prozent würde die Rendite aber – gemessen an aktuellen Werten – unter der Inflation liegen. ­Ködern könnte mich jedoch die Chance auf eine fünfprozentige Verzinsung, die in Jahren ausbezahlt wird, in denen keine der 20 zugrunde liegenden Aktien 80 Prozent des Startwertes unterschreitet.

Aber man wird ja bescheiden. Deshalb fasse ich auch eine indexgebundene Lebensversicherung ins Auge. Soll heißen, der Ertrag ist genauso hoch, wie die während der Laufzeit gemessene Inflation. Reich werde ich damit zwar nicht, aber mein kleines Vermögen wird auch nicht weniger. Das suggeriert mir zumindest der Folder. Doch ich vermute stark, dass ich bei Laufzeitende nur die Nettoprämie, also meinen investierten Betrag abzüglich vier Prozent Versicherungssteuer und vermindert um die Verwaltungskosten, ausbezahlt bekommen würde. Alles andere ergäbe für die Versicherungsgesellschaft auch keinen Sinn. Die will schließlich auch leben. Und ich nehme an gut.
Auf zur Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien. Dort zeichnet man mir das magische Dreieck der Vermögensanlage auf. Ertrag, Sicherheit, Verfügbarkeit stehen an den Ecken. „Was davon ist Ihnen wichtig“, will meine Beraterin wissen. Ich starre auf die Skizze. „Eigentlich eh alles“, murmle ich. Dass es das nicht spielt, macht sie mir schnell klar. Dennoch kann sie mir eine Menge Produkte vorstellen, die zu meinen Bedürfnissen passen würden. Eines davon verspricht fünf Prozent Zinsen jährlich. Ich bin baff. So viel hat mir noch niemand geboten. Es handelt sich um eine nachrangige Raiffeisen-Anleihe. Das bedeutet: Sollte die Bank Pleite gehen, werden alle anderen Gläubiger vor den Haltern dieser Anleihe bedient. „Wie sicher ist dieses Investment auf einer Skala von eins bis fünf“, begehre ich zu erfahren. „Eins, also sehr sicher“, wird mir beschieden. Ich werfe ein, schon einmal gehört zu haben, je höher der Ertrag, desto größer sei das Risiko. „Das hängt von Ihrer eigenen Meinung ab. Ob Sie der Ansicht sind, dass Raiffeisen in den nächsten zehn Jahren in Konkurs geht“, antwortet mir die Bankangestellte.

Licht in das Dunkel des Anlagedschungels
Von dem Termin bei der Erste Bank erwarte ich mir nicht mehr viel. Im Vorfeld wurde mir die Visitenkarte meines Betreuers in spe ausgehändigt. Darauf das Foto eines solariumgebräunten jungen Mannes, optisch eher Typ windiger Gebrauchtwarenhändler denn seriöser Bankberater. Kurz: niemand, dem man sein hart erarbeitetes Geld gern anvertrauen möchte. Mein Anlagevolumen sei zu hoch für ihn, erklärt er mir, als ich zum vereinbarten Zeitpunkt in der Filiale eintreffe. Ein Kollege werde sich meiner annehmen. Ich atme auf und fühle mich plötzlich ungemein wichtig. Nun werde ich von einer Koryphäe betreut werden, die endlich Licht in das Dunkel des Anlagedschungels bringen wird.

Doch der Herr auf der anderen Seite des Schreibtisches scheint ähnlich ratlos. „Sie kennen sicher unser neues Veranlagungskonzept ‚You invest‘. Das wird derzeit im Fernsehen beworben.“ Als ich verneine, bringt ihn das deutlich aus dem Gleichgewicht. Er öffnet die „You invest“-Website. Gemeinsam klicken wir uns durch das Programm. Er redet viel von der Transparenz des Produkts. Worin es investiert, wie hoch der Ertrag oder das Risiko ist, erfahre ich nicht.

Viel mehr Energie und Enthusiasmus verwendet er darauf, mich zu überzeugen, mein Girokonto zu seinem Institut zu transferieren. „Es ist immer besser, alles unter einem Dach zu haben.“ Diese Ansicht teile ich nicht. Aus den vorangegangenen Gesprächen habe ich schließlich mitgenommen, dass Diversifikation für die Risikominimierung enorm wichtig ist.

Er weist dennoch auf sechs bunte, unterschiedlich große Würfel auf seinem Schreibtisch. Sie sollen das Verzinsungssystem der Bank verdeutlichen. Je mehr unterschiedliche Produktarten ich bei der Erste Bank liegen hätte, desto höher wären meine Zinsen.

„Wie hat Ihnen das denn gefallen“, will er zum Abschluss wissen. Ich entschlage mich einer Antwort.

Zuhause beschäftige ich mich noch einmal mit der Website. Viel schlauer macht mich das nicht. Es handelt sich um einen Dachfonds, so viel finde ich noch heraus. Ich klicke auf den Button „Weiterführende Informationen“. Dort empfiehlt man mir einen Gesprächstermin zu vereinbaren.