Glyphosat: Wie gefährlich ist das Unkrautvernichtungsmittel?

Glyphosat: Wie gefährlich ist das Unkrautvernichtungsmittel?

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat sorgt europaweit für Aufruhr - und soll jetzt verboten werden. Ein Landwirt, ein Umweltschützer, ein Politiker und ein PR-Stratege erklären, was das bedeutet.

Es vergiftet die Umwelt, verursacht Krebs und öffnet Einfallstore für aggressive Großkonzerne, sagen die Kritiker. Ein Unkrautvernichtungsmittel mit dem sperrigen Namen Glyphosat, das der US-Konzern Monsanto im Jahr 1974 patentieren ließ, hat es europaweit in die Schlagzeilen geschafft. Das "Pflanzenschutzmittel" (wie es die Befürworter nennen), ist das weltweit mit Abstand am meisten eingesetzte Herbizid.

Seine Stärke: Es ist kostengünstig und so effektiv wie kein anderes Mittel. Rund 340 Tonnen werden jährlich in Österreich verkauft. An die Landwirtschaft, an private Gartenbesitzer und an Kommunen, die es dazu verwenden, Straßenränder, Parkanlagen und Sportplätze unkrautfrei zu halten. Größter Einzelnutzer mit rund neun Tonnen sind mutmaßlich die ÖBB, die damit ihre Geleise von unerwünschtem Bewuchs befreien.

Der Wirkstoff wird über die grünen Teile der Pflanzen aufgenommen. Wo Glyphosat ausgebracht wird, wächst hinterher kein Gras mehr, auch kein Kraut oder Strauch. Lediglich gentechnisch veränderte Pflanzen sind resistent. Deren Einsatz ist in Österreich jedoch verboten – deshalb werden Österreichs Felder lediglich lange vor dem Austreiben der Kulturpflanzen mit Glyphosat bespritzt, damit kein Unkraut deren Wachstum behindert.

Ob der Stoff krebserregend ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO hält das Unkrautvernichtungsmittel für "wahrscheinlich krebserregend". Industrievertreter allerdings verweisen gerne darauf, dass die IARC sogar Schinken und Kaffee als krebserregend einschätzt. Demgegenüber stehen andere Bewertungen, etwa von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), die Glyphosat als "wahrscheinlich nicht krebserregend" einstuft. Dieses Gutachten wurde allerdings zum Teil wortgleich von Berichten von Monsanto abgeschrieben. Zudem tauchten im Oktober, etwa in der französischen Zeitung "Le Monde", Vorwürfe auf, wonach der Konzern Wissenschafter dafür bezahle, angeblich unabhängige Studien zu verfassen. Helmut Burtscher-Schaden, Biochemiker von der Umweltschutzorganisation Global 2000, kritisiert in seinem Buch "Die Akte Glyphosat", dass "anonyme Regierungsexperten auf Basis unveröffentlichter Daten" Urteile fällen würden.

Nun jedenfalls sind die EU-Mitgliedsstaaten am Zug. Sie sollen über das endgültige Aus für Glyphosat bis zum Dezember 2022 entscheiden.

Der Politiker

"Glyphosat ist nicht nur möglicherweise krebserregend", sagt Michel Reimon, Grünpolitiker aus Österreich im EU-Parlament. "Es führt uns auch die Marktmacht von Biotechnologie-Konzernen wie Monsanto vor Augen, die mit einem Unkrautvernichtungsmittel einen Gutteil des Weltmarkts kontrollieren." Dies habe dazu geführt, dass grüne Parteien in Europa das Thema zum Schwerpunkt erkoren hätten. Dahinter steckt die Geschichte eines Mittels, das noch vor zwei Jahren kaum jemand kannte – während Glyphosat heute in aller Munde ist.

Im Sommer 2016 stand die Verlängerung der Zulassung auf EU-Ebene an. Ein Formalakt, wie es schien, unbeachtet von der Öffentlichkeit. Doch Umweltschützer und Biobauern protestierten. Also beschlossen die EU-Mitgliedsstaaten, die Zulassung vorerst nur um 18 Monate zu verlängern.

"In dieser Zeit ist viel geschehen", erzählt Reimon. "Die Glyphosat-Frage ist ein Beispiel dafür, dass der Druck der Zivilgesellschaft durchaus etwas bewirken kann." Umweltschützer kampagnisierten dagegen; eine Bürgerinitiative sammelte mehr als eine Million Unterschriften. Auf der anderen Seite machten Landwirtschafts- und Biotechnologie-Vertreter mobil.

Die Frage, wie es mit der Zulassung weitergehen soll, obliegt nun den Mitgliedsstaaten. Voraussichtlich am 9. November werden sie mit qualifizierter Mehrheit pro oder contra entscheiden. Bis dahin wird auf den nationalen Ebenen eifrig lobbyiert; jedes Votum aus 28 Hauptstädten könnte spielentscheidend sein.

Was Österreich betrifft, scheint die Angelegenheit bereits entschieden. Im Oktober beschlossen SPÖ und FPÖ auf Antrag der Grünen im Nationalrat, den ÖVP-Umweltminister Andrä Rupprechter zu einem österreichischen Nein zu Glyphosat zu verpflichten gegen die Stimmen der ÖVP. Diese Festlegung gilt auch für die künftige Regierung. Zumindest solange sie eine neue Koalition nicht aufhebt.

Doch nicht nur auf nationaler Ebene gibt es Aktivität, auch im EU-Parlament. Dieses hat formell zwar keine Mitsprache bei Glyphosat, darf aber Willenserklärungen abgeben und diese werden gehört. Vor zwei Wochen votierte das EU-Parlament gegen Glyphosat. Nur noch fünf Jahre lang solle die Zulassung laufen, so die Forderung, danach ist Schluss. Eben über diesen Vorschlag stimmen nun im November die Staaten ab. Unter ihnen findet sich dem Vernehmen nach momentan keine Mehrheit für Glyphosat.

Der Landwirt

Lorenz Mayr versteht die Welt nicht mehr: "Ich weiß nicht, woher der Hass auf die Bauern kommt. Wir werden als Umweltvergifter dargestellt, doch in Wahrheit produzieren wir streng kontrollierte und gesunde Lebensmittel." Wenn er mit seinem Traktor mit 30 Stundenkilometer über die Landstraßen tuckert, passiere es ihm immer wieder, dass er laut hupend überholt wird und ihm dabei auch noch der Mittelfinger gezeigt wird. "Und wenn ich mit dem Spritzfass unterwegs bin, da ernte ich Blicke, das können Sie sich gar nicht vorstellen."

Mayr ist Landwirt und bewirtschaftet 110 Hektar rund um das niederösterreichische Großmugl, in einer – wie der Name vermuten lässt – recht hügeligen Gegend. Und er ist Nutzer des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat. Mit dessen Verbot, so seine Sorge, gehe ein wichtiges Werkzeug zum Schutz des Bodens verloren. Mayr arbeitet mit Direktsaat. Darunter versteht man eine Ackerbaumethode, bei der die Saat direkt nach der Ernte in den unbearbeiteten Boden erfolgt. Die Rückstände der Vorkultur verbleiben als Mulch auf dem Acker. Das Material bremst die Regentropfen bei Starkniederschlag und dient somit als eine Art passiver Hochwasserschutz. Zudem arbeitet er nach dem Prinzip der Fruchtfolge: Mais, Erdäpfel, auf Raps folgt Weizen, danach die sogenannte Begrünung. Dabei bringt er eine Saatgutmischung aus sieben unterschiedlichen Pflanzen, bestehend unter anderen aus Ölrettich, Ackerbohne und Senf, aus, die über den Winter abfrosten. Diese Pflanzen sorgen für eine Verringerung der Nährstoffverluste, lockern den Boden, schützen vor Erosion und dienen den Bienen als Nahrungsquelle. In diese Begrünung sät Mayr im Frühjahr Zuckerrüben. Weil dabei jedoch auch Unkräuter nachwachsen, bringt er zu diesem Zeitpunkt Glyphosat aus. Sonst würde das Unkraut die kleinen Zuckerrübenpflanzen überwuchern.

"Das Saatgut kommt mit dem Glyphosat aber nicht in Kontakt. Es befindet sich zwei Zentimeter tief im Boden", erklärt der Landwirt. Denn aufgenommen wird das Unkrautvernichtungsmittel ausschließlich über die grünen Blätter das unerwünschte Grünzeug stirbt ab. Nur alle fünf bis sechs Jahre – entsprechend der Fruchtfolge – bringt er Glyphosat aus. "Pflanzenschutzmittel werden wie Medikamente eingesetzt. Also nur dann, wenn es notwendig ist", sagt Mayr. Eine mechanische Unkrautbekämpfung, bei der ein Traktor das Hackgerät über das Feld zieht, sei bei seinem Standort nicht möglich, weil dabei der mühsam aufgebaute Erosionsschutz zerstört werden würde. "Ich sehe es bei meinen Nachbarn. Bei Starkregen schwemmt es den fruchtbaren Oberboden von den Feldern und verwüstet Häuser und Keller." Seine Kulturen könnten ungleich mehr Wasser aufnehmen. Erodieren bei einem Unwetter fünf Millimeter wertvoller Boden, sind das 75 Tonnen pro Hektar, was wiederum einen Nährstoffverlust von umgerechnet rund 800 Euro pro Hektar bedeutet, hat die Landwirtschaftskammer errechnet.

"Der Boden ist nicht nur meine Lebensgrundlage, sondern die aller Österreicher. Und ich setze alles daran, ihn und die darin lebenden Insekten zu erhalten", sagt Mayr. Schließlich benötige er die Bienen zur Bestäubung und die Regenwürmer zur Lockerung des Erdreichs. Und dafür brauche es eben auch Glyphosat.

Der PR-Mann

"Nein, wir haben hier kein Lobbying-Mandat", stellt Daniel Kapp, ein Wiener PR-Stratege mit Büro in der Innenstadt, gleich zu Beginn des Gesprächs fest. "Es ist vielmehr unsere Aufgabe, die Industrie dabei zu unterstützen, sich am gesellschaftspolitischen Diskurs zu beteiligen und die aus ihrer Sicht legitimen Interessen zu artikulieren." Lobbyismus hingegen – also etwa gezielte Versuche, Gesetzgebungsprozesse unmittelbar zu beeinflussen – umfasse sein Auftrag nicht.

Kapp ist seit 2013 Sprecher der sogenannten "Industriegruppe Pflanzenschutz": einem Verband, dem beispielsweise die österreichischen Tochterfirmen der Konzerne Bayer, BASF und Monsanto angehören. In dieser Funktion publiziert Kapps Büro etwa Presseaussendungen zum Thema Glyphosat, verfasst "Faktenchecks" und organisiert Podiumsdiskussionen. "Die Industrie hat es bislang verabsäumt, sich einem derartigen Dialog zu stellen", sagt Kapp. "Deshalb haben die NGOs in der Debatte die Oberhand."

Diese würden sich teilweise "populistischer Argumentationsmuster bedienen, die sich methodisch zum Teil sogar kaum von jenen rechtspopulistischer Parteien unterscheiden". NGOs müssten sich heute selbstkritisch fragen, ob sie nicht mitunter allein um ihrer "Kampagnenfähigkeit" willen regelmäßig "mit schwer überprüfbaren Drohund Angst-Szenarien und Nicht-Abschätzbarkeiten arbeiten", so Kapp. "Ich betrachte sie da schon ein bisschen als die Erfinder der Fake News." Dabei sei Glyphosat in Wahrheit "hochwirksam und umweltfreundlich", liest man in einem der Faktenchecks der Industriegruppe Pflanzenschutz – und die gesundheitlichen Aspekte "wiederholt positiv bewertet". Es handle sich um "einen der am umfassendsten geprüften Wirkstoffe".

Daniel Kapp jedenfalls bewegt sich nicht ausschließlich in Kreisen von Biotechnologie-Unternehmen – auch politisch verfügt er über langjährige und intensive Kontakte. Konkret zur ÖVP. Bis 2011 fungierte Kapp als Pressesprecher von Ex-ÖVP-Chef Josef Pröll; zuletzt trommelte er im Wahlkampf für Sebastian Kurz. Politiker aus dem Umfeld Kurz', beispielsweise die neue ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger, sind zugleich federführend für Österreichs Positionierung in der Glyphosat-Frage verantwortlich Köstinger etwa im Umweltausschuss des EU-Parlaments. Helfen derlei politische Kontakte, wenn man sich als PR-Berater für Glyphosat ins Zeug wirft?

Nein, antwortet Kapp. "Ich schließe aus, dass ich auf direkte und indirekte Weise versucht habe, auf die Gesetzgebung unmittelbar Einfluss zu nehmen." Hat er mit Köstinger jemals über das Thema gesprochen? "Das kann schon sein", sagt Kapp. "Aber wenn, dann war es nicht so relevant, dass ich mich heute daran erinnern könnte."

Überdies, so Kapp, habe das Europaparlament bei der Zulassung von Glyphosat formell gar keine Mitsprache.

Der Umweltschützer

Bei den Umweltschutzorganisationen begrüßt man naturgemäß das geplante Glyphosat-Verbot: "Die menschliche Gesundheit muss im Vordergrund stehen. Das ist ein Schritt hin zu ökologischer Landwirtschaft", sagt Sebastian Theissing-Matei. Der Landwirtschaftssprecher von Greenpeace in Zentral-und Osteuropa plädiert aber auch für Verständnis für die Bauernschaft. Der Umstieg weg von Herbiziden sei eine Systemumstellung, für die es neue Maschinen und entsprechendes Know-how brauche. "Das ist ein ökonomisches Risiko, welches man nicht auf die Landwirte abwälzen darf." Es brauche Förderungen für den Umstieg. Dass der Verzicht auf Glyphosat in der Landwirtschaft nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen ist, weiß auch der Greenpeace-Experte. Es hänge von Standort und Pflanze ab. Die Voraussetzungen beim Weinbau seien etwa ganz andere als bei Feldfrüchten. Doch mit einer intelligenten Fruchtfolge könne man unerwünschte Unkräuter hintanhalten.

Das Argument der Bodenverdichtung und des drohenden Verlustes von Humus lässt Theissing-Matei indes nicht gelten: "Das ist ein nicht ernstzunehmendes Horrorszenario. Wenn dem so wäre, hätten Biobetriebe seit Jahrzehnten keinen Humus mehr." Mittlerweile gäbe es Maschinen, mit denen sich eine viel sachtere Bodenbearbeitung durchführen lasse als noch vor zehn Jahren. "Man wird immer Beispiele finden, wo es Probleme mit Erosion gibt", so Theissing-Matei. Aber eines müsse einem klar sein: "Gewisse Dinge werden auf bestimmten Standorten deutlich schwerer möglich sein, etwa Mais-Monokulturen in Hanglagen."

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