Jörg Flecker über prekäre Jobs: „In Österreich wird zu viel gearbeitet”

Jörg Flecker über prekäre Jobs: „In Österreich wird zu viel gearbeitet”

Der Soziologe Jörg Flecker über die Explosion prekärer Jobs, Mythen über den heimischen Arbeitsmarkt und ein Sozialsystem aus der Zeit vor Erfindung des Computers.

Interview: Eva Linsinger

profil: Sie forschen über Trends in der Arbeitswelt und wurden kürzlich an die Universität berufen. Haben Sie noch einen fixen Vertrag bekommen?
Jörg Flecker: Ich bin kein pragmatisierter Beamter und kann nach zwei negativen Evaluierungen gekündigt werden.

profil: Passiert das häufig?
Flecker: Bisher noch nie. Das Drohpotenzial ist also eher gering. Insofern bin ich absolut kein Beispiel dafür, dass unsichere prekäre Arbeit massiv zunimmt. Sie ist aber inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, und in Bereichen, wo man sie nie vermuten würde.

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Zum Beispiel?
Flecker: Sogar wenn Sie heute mit einem Ministerium zu tun haben, kann es sein, dass Sie beim dritten Treffen draufkommen: Ihre Gesprächspartner vertreten das Ministerium, sind aber gar nicht dort angestellt, sondern bei einem ausgelagerten Verein. Damit wird der Aufnahmestopp umgangen.

profil: Ein Teil von unsicherer Beschäftigung entsteht, weil Minister schummeln?
Flecker: Und Manager, das funktioniert in der Privatwirtschaft genauso. Da macht die Leitung Vorgaben, wie viel Personal gespart werden muss, und daher wird mit Subfirmen und Leiharbeitern gearbeitet, die nicht unter Personal auftauchen -und weniger verdienen und bei Sub-Sub-Firmen oft nicht sozialversichert sind.

profil:
Prekäre Arbeit gab's immer. Hat sie zugenommen oder sich verändert?
Flecker: Sie hat massiv zugenommen. Richtig angeheizt hat die Diskussion aber, dass mittlerweile gut ausgebildete Leute betroffen sind, die sich artikulieren können: Universitätsabsolventen, die Schwierigkeiten mit dem Berufseinstieg haben, die berühmte Generation Praktikum.

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Die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich ist doch gering.
Flecker: Von Spaniens 60 Prozent sind wir weit weg. Aber in Österreich sind immerhin fast zehn Prozent der Jungen arbeitslos. Vor 20 Jahren hätten wir uns darüber furchtbar aufgeregt, heute sagen wir -im europäischen Vergleich ist das eh okay. Und in einigen Bereichen bleibt man lange im Praktikum-Stadium hängen -- im Kultur-oder im Sozialbereich. Eigentlich paradox: Sozialarbeiter sollten helfen, leiden aber unter der Auslagerung. Sie werden nicht mehr von Ämtern, sondern von Vereinen beschäftigt, die ihre Budgets von Jahr zu Jahr verhandeln. Ähnlich ist es im Kreativbereich: Der ist hip und begehrt - daher gibt es oft nur freie Verträge und prekäre Bedingungen.

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Das kann auch Freiheit bieten. Nicht jeder will einen Job mit fixen Bürozeiten.
Flecker: Klar, aber als Sozialwissenschaftler muss ich da fragen: Ist das der Effekt der sauren Trauben? Wertet man ab, was man nicht kriegt? Das hat viel mit dem Alter und Lebensphasen zu tun. Beim Berufseinstieg sind Kranken-und Pensionsversicherung für viele nicht so wichtig.

profil: Wieso soll das bedrohlich sein?
Flecker: Wir diskutieren seit Jahren hysterisch das Pensionssystem und warum alle länger arbeiten sollen. Mindestens ebenso wichtig für die Finanzierbarkeit der Pensionen ist aber, dass Leute in Beschäftigung sind und dafür Sozialversicherung bezahlt wird. Insofern ist die prekäre Beschäftigung eine mindestens so große Bedrohung des Pensionssystems wie es die Frühpensionen sind. In manchen Branchen erreicht die prekäre Beschäftigung besorgniserregende Ausmaße: im Handel, im Gastgewerbe, in Reinigungsdiensten, im Security-Bereich. Dort verdienen die Leute wenig, arbeiten oft schwarz und haben Verträge als Scheinselbstständige.

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Das ist doch ein Versagen der Gewerkschaften.
Flecker: Es gibt zu viele Möglichkeiten, die Kollektivverträge zu umgehen. Sobald Leute mit freien Dienstverträgen arbeiten, unterliegen sie nicht dem Arbeitsrecht. Darum haben wir sehr viele Scheinselbstständige.

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Wird bewusst weggeschaut?
Flecker: Bei der 24-Stunden-Pflege sicher. Da wird akzeptiert, dass Frauen als Selbstständige arbeiten, und das auf einem Einkommensniveau, das man keiner Inländerin zumuten würde.

profil: Liegt die Zunahme der prekären Arbeitsverhältnisse auch daran, dass der Arbeitsmarkt nicht flexibel genug ist? Das ist das große Thema bei den Kollektivvertragsverhandlungen.
Flecker: Der österreichische Arbeitsmarkt ist im Vergleich sehr flexibel, denn entgegen allen Vorurteilen gibt es keinen starken Kündigungsschutz. Nur wenige europäische Länder sind noch flexibler - die haben dafür eine teils viel bessere Absicherung. In Dänemark etwa können Menschen leicht gekündigt werden, bekommen aber über 80 Prozent des Einkommens als Arbeitslosengeld. In Österreich sind es 55 Prozent. Und man kann leicht kündigen. Wenn Arbeitgeber klagen, dass man niemanden anstellen kann, weil man ihn nie mehr los wird, ist das ein Mythos.

profil: Ist Österreich ein Hire-and-Fire-Staat?
Flecker: Fast. In den derzeitigen Kollektivvertragsverhandlungen geht es nicht um Flexibilität, sondern um's Geld, also ob Zuschläge für Überstunden bezahlt werden. Wir haben in Österreich 300 Millionen Überstunden pro Jahr, das ist extrem viel - fünf Prozent des Beschäftigungsvolumens. Diese Überstunden sind teil fix eingeplant, von den Unternehmen und auch von den Menschen als Gehaltsbestandteil.

profil: Warum sehen Sie darin Probleme?
Flecker: In Österreich wird zu viel gearbeitet. Durchschnittlich 42 Stunden pro Woche sind zu viel. Nur in Großbritannien wird noch länger gearbeitet. Da darf sich niemand wundern, wenn viele die Arbeit nicht bis zum Pensionsalter durchhalten. Arbeit macht in Österreich kränker als in manchen anderen Ländern. Hierzulande leben Menschen über 65 noch 8,3 Jahre gesund -in Schweden 15,2 Jahre. Ich halte es für sinnvoll, die Arbeitszeit zu verkürzen, etwa auf 30 Stunden pro Woche.

profil: Glauben Sie wirklich, dass viele Menschen das wollen?
Flecker: Viele sagen sicher spontan, dass sie mit ihrer Arbeit zufrieden sind. Aber wir kennen aus unseren Untersuchungen die verdrängten Wünsche. Ich erinnere mich gut an ein Gespräch mit einem Selbständigen: Er hat erzählt, dass durch seine viele Arbeit die Beziehung gescheitert ist, und einen Bandscheibenvorfall hatte er auch. Dann hat er gesagt: So gut müsste es mir einmal gehen wie einem Sozialhilfeempfänger. Es gibt also Neid auf Leute, die nicht so in der Mühle drinnenstecken.

profil: Viele Leute arbeiten auch gern.
Flecker: Sicher, und die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit löst sich auf. Viele Leute in der Kreativwirtschaft sagen, dass die Arbeit ihr Leben ist und sie auch am Abend im Lokal mit Leuten aus der Branche über die Arbeit reden. Dennoch: Wenn fast alle anderen EU-Staaten kürzere Arbeitszeiten haben, sollten wir diskutieren, ob nicht etwas falsch läuft.

profil: Wie soll das leistbar sein? Schon jetzt klagen alle über die Lohnkosten.
Flecker: Das ist wieder so ein Mythos, dass die Gehälter so hoch sind: In Wahrheit sind die Reallöhne in den letzten zwei Jahrzehnten kaum gestiegen, vor allem bei niedrigen Einkommen. Das ist auch für die Wirtschaft nicht gut: Der Konsum und damit die inländische Nachfrage schwächeln, weil viele Menschen zu wenig verdienen.

profil: Das ändert nichts daran, dass die Lohnnebenkosten viel zu hoch und damit beschäftigungsfeindlich sind.
Flecker: Das ist in der Tat ein Problem. Es entsteht dadurch, dass man die gesamte soziale Absicherung -Kranken-, Arbeitslosen-und Pensionsversicherung -ausschließlich an die Löhne bindet. Das hat vor 100 Jahren funktioniert, als es weniger Maschinen und keine Computer gab, ist aber seit den 1980er-Jahren als Problem bekannt. Nicht umsonst wollte der damalige Sozialminister Alfred Dallinger eine Wertschöpfungsabgabe.

profil: Die berühmte Maschinensteuer.
Flecker: Wenn wir die Sozialsysteme aufrecht erhalten wollen, müssen wir die Wertschöpfung als Grundlage für die Sozialabgaben nehmen und auch die Vermögen heranziehen. Es passt nicht mehr, sie nur an die Löhne zu koppeln. Denn dann tragen die personalintensiven Bereiche sehr viel mehr zum Sozialstaat bei - und hochautomatisierte Bereiche oder Banken wenig. Dabei sind die personalintensiven Branchen oft nicht die gewinnträchtigsten.

profil: Die Wirtschaft lehnt die Wertschöpfungsabgabe ab.
Flecker: Das ist kurzsichtig. Die Arbeitswelt verändert sich gravierend, alle sollen flexibler sein -nur das Sozialsystem soll so funktionieren wie zu Bismarcks Zeiten?

profil: Sie haben untersucht, ob die Veränderung der Arbeitswelt den Rechtspopulismus attraktiver gemacht hat. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Flecker: Der Einfluss ist relativ groß -sowohl bei Modernisierungsverlierern als auch bei den Gewinnern. Umbrüche und Unsicherheiten machen anfällig für alle, die es dem Establishment vermeintlich so richtig hineinsagen.

profil: Dann müsste es aber in jedem EU-Staat eine starke FPÖ geben, denn Umbrüche in der Arbeitswelt gab es überall.
Flecker: Starke rechtspopulistische Parteien gibt und gab es in vielen EU-Staaten: in Belgien und den Niederlanden, Ungarn sowieso, auch in Frankreich, in den skandinavischen Staaten oder in Griechenland. Sie alle wurden auch deshalb stark, weil die Arbeitsbedingungen prekärer werden. Wenn, wie in Österreich, noch dazu kommt, dass es traditionell keine starke Linke gibt -dann hilft der Trend zur Prekarisierung der FPÖ.

Jörg Flecker, 54
Nach dem Studium der Handelswissenschaften und der Soziologie in Wien sowie Lancashire gründete und leitete Flecker zwei Jahrzehnte die Forschungsstelle Forba, wo er den Wandel in den Beschäftigungssystemen durchleuchtete. Nun wurde er an die Universität Wien als Professor berufen. Seine Antrittsvorlesung trägt den Titel: "Wie Arbeit degradiert wird."