Johann Massenbauer: "Wie kann ein kleiner Wurschtel eine Bank zu irgendetwas bewegen?"

Johann Massenbauer: "Wie kann ein kleiner Wurschtel eine Bank zu irgendetwas bewegen?"

Johann Massenbauer, Finanzierungsberater und „Erfinder“ der Fremd- währungskredite, über seine Muse Richard Lugner, ausbleibenden Reichtum und das Klumpert der Banken.

Interview: Christina Hiptmayr

profil: Sie gelten als Erfinder der Fremdwährungskredite ...
Johann Massenbauer: Das ist leider falsch. Der erste Fremdwährungskredit wurde 1905 in Vorarlberg vergeben.

profil: In der Vergangenheit haben Sie sich aber nicht dagegen gewehrt, als solcher tituliert zu werden.
Massenbauer: 1991 hat die damalige Präsidentin der Oesterreichischen Nationalbank, Maria Schaumayer, es ermöglicht, dass auch Privatkunden Kredite in fremden Währungen aufnehmen dürfen. Der Bund, die Kommunen und Unternehmen konnten sich schon immer in Fremdwährung verschulden. Ich las 1992 einen Artikel über Baumeister Richard Lugner, der gerade die erste Baustufe seiner Lugner City fertiggestellt und dafür 250 Millionen Schilling benötigt hatte. Weil er den Kredit nicht in Schilling, sondern in Schweizer Franken aufgenommen hatte, ersparte er sich jedes Jahr ein paar Millionen an Zinszahlungen. Diese Information ist haften geblieben. Ich habe mich daraufhin selbst um einen Fremdwährungskredit bemüht. Es dauerte acht Monate, bis ich eine Bank gefunden habe, die dazu bereit war. Ich nahm einen Yen-Kredit in Höhe von 5,5 Millionen Schilling auf. Das kostete mich um drei Prozentpunkte weniger, als ich für einen Kredit in heimischer Währung bezahlen hätte müssen.

profil: Wie ist dieses Geschäft ausgegangen?
Massenbauer: Kurz darauf hat sich der Yen-Kurs verändert und ich hatte 500.000 Schilling mehr Schulden.

profil: Das hat Sie nicht geheilt?
Massenbauer: Durch mehrmaligen Währungswechsel in den darauffolgenden Jahren konnte ich mein Engagement nach zehn Jahren mit 800.000 Schilling Gewinn beenden.

profil: Eine ziemliche Hochschaubahnfahrt.
Massenbauer: Das war mir egal. Im Frühjahr 1994 lancierte ich im Wirtschaftsmagazin „Gewinn“ den ersten Artikel über Fremdwährungskredite. Ich habe immer darauf hingewiesen, dass dieses Instrument nur etwas für die Gescheiten ist. Für solche, die das wirtschaftlich vertragen können, wenn es einmal ein Problem gibt. Ich habe den Leuten ganz deutlich gesagt: Wenn ihr eine Million aufnehmt und der Yen um drei Prozent steigt, habt ihr um 30.000 Schilling mehr Schulden. Für die breite Masse habe ich dieses Instrument nie gewollt. Ganz bestimmt nicht.

profil: Sie erlauben, dass ich das Archiv bemühe: Eben genannter „Gewinn“ huldigte Ihnen, Sie hätten das Geschäft mit Fremdwährungskrediten für den Massenmarkt entdeckt, indem Sie die Bank Austria, die Erste Österreichische Sparkasse und einige Volksbanken dazu brachten, Fremdwährungskredite für die private Klientel zu vergeben.
Massenbauer: Für die Volksbanken stimmt das eher nicht, für die beiden anderen schon. Aber das ist natürlich übertrieben. Wie kann denn ein kleiner privater Wurschtel eine Bank zu irgendetwas bringen? So ist das nicht gewesen.

profil: Wie dann?
Massenbauer: Natürlich habe ich mit den Leuten geredet. Das waren meine „verehrten“ – ich sage das bewusst unter Anführungszeichen – Gremialkollegen. Die Vermögensberater einerseits, aber die Banken genauso. Die haben gesehen, dass man da ein Geschäft machen kann. Leider Gottes haben die das so aufgefasst, dass sie unbedingt jedem einen Fremdwährungskredit geben mussten. Ich erinnere mich an einen Zweigstellenleiter einer Großbank, der jedem Kommerzkunden, der sich den Schillingkredit nicht mehr leisten konnte, in einen Fremdwährungskredit transferierte. Der wurde, wie seine Kunden, vom Schicksal weggespült. Aber andere haben es nachgemacht. Das ist völlig ausgeufert und hat wahnsinnige Ausmaße erreicht.

profil: 2008 hat man die Fremdwährungskredite abgewürgt.
Massenbauer: Berechtigterweise. Aus meiner Sicht der Dinge hätte das aber schon ein paar Jahre früher passieren müssen.

profil: Die Nationalbank hat seit 2003 immer wieder vor den Risiken gewarnt. Damals waren Sie über diese Intervention nicht besonders erfreut.
Massenbauer: Die Nationalbank ist nervös geworden und hat ein Pamphlet mit zehn Kritikpunkten herausgegeben. Ich habe daraufhin WU-Professor Hanns Abele um ein Fachgutachten gebeten. Der sah viele Dinge ganz anders als die Nationalbank.

profil: Unbestritten ist, das Fremdwährungskredite hochspekulativ sind. Die Schuldner tragen ein dreifaches Risiko. Zum Zins- und zum Währungsrisiko kommt auch noch jenes über die Entwicklung der Tilgungsträger. Die wurden bekanntermaßen durch die Finanzkrise stark in Mitleidenschaft gezogen.
Massenbauer: Keine Frage. Die Sache kann sich nur rechnen, wenn die Rendite des Tilgungsträgers höher ist als der Zinssatz des Kredites. Dass das nicht immer so sein muss, wissen wir mittlerweile auch. Ich habe bei meinen Kunden nur mit konservativen Kapitalversicherungen als Tilgungsträgern gearbeitet. Nie mit fondsgebundenen. Deshalb bin ich damit im Gegensatz zu anderen auch nie reich geworden. Außerdem habe ich einen Großteil der Vorschriften, welche die Finanzmarktaufsicht später entwickelt hat, bei meinen Kunden immer schon angewandt. Ich habe mit niemandem Probleme. Meine Kunden wussten um das Risiko.

profil: Im Sommer 2010, als der Franken bei 1,32 stand, haben Sie Frankenschuldnern davon abgeraten, ihren Kredit in Euro zu konvertieren ...
Massenbauer: Stimmt.

profil: Sie hatten außerdem prognostiziert, dass der Franken in ein paar Jahren wieder Richtung 1,50 marschieren würde. Das Gegenteil ist eingetreten. Mittlerweile haben wir Kursparität.
Massenbauer: Das haben damals alle geglaubt. Tatsächlich sagte ich, es sei noch zu früh für einen Ausstieg, aber man müsse ihn vorbereiten.

profil: Der richtige Zeitpunkt ist dann nicht mehr gekommen.
Massenbauer: Den kennt man im Vorhinein nie. Damals gab es ja auch noch eine Zinsdifferenz. Eine Reihe von Kunden habe ich in den Jahren 2007 bis 2010 von einem Fremdwährungskredit in ein Bauspardarlehen transferiert. Dankbar war mir keiner, weil sie dafür ja mehr Zinsen zahlen mussten.

profil: Die Kunden, die Ihrem damaligen Rat gefolgt und im Franken geblieben sind, werden sich schön bedanken.
Massenbauer: Ich habe noch 850 Fremdwährungskunden. Von denen hat sich keiner gemeldet. Die haben gewusst, was sie tun. Einige meiner Kunden sitzen das ohnehin anders aus. Aber darauf möchte ich nicht näher eingehen, weil das nur für einen unter zehn geeignet ist und ich mich immer gewehrt habe, Veranlagungen zu machen.

profil: Weil?
Massenbauer: Weil ich von dem ganzen Klumpert, das die Banken anbieten, nichts halte.

profil: Wie legen Sie selbst an?
Massenbauer: Ich befasse mich nur mit Einzelanleihen.

profil: Sie sind also ein Zocker.
Massenbauer: Wenn man will, kann man das sagen.

profil: Was raten Sie Frankenschuldnern in der aktuellen Situation?
Massenbauer: Ich glaube, der Franken ist derzeit stark überbewertet. Mittelfristig wird sich das wieder beruhigen, wobei ich mir dabei aber nicht getraue, einen Zeitraum anzugeben. Sollten wir in absehbarer Zeit das Glück haben, dass er auf 1,10 geht, dann ist es vermutlich gescheiter, sich zu verabschieden.

profil: Rückblickend betrachtet: Waren Fremdwährungskredite ein gutes Instrument?
Massenbauer: Zu ihrer Zeit waren sie das. Es frustriert mich, wenn die Leute sagen: Jetzt haben wir 40 Prozent mehr Schulden. Das stimmt schon. Hätte es aber die Krise nicht gegeben, würde der Eurokredit derzeit sechs Prozent oder mehr kosten. Und in den vergangenen drei Jahrzehnten gab es nur ein einziges Jahr, in dem die Kreditzinsen im Franken höher waren als im Schilling oder Euro. Deshalb hat man es ja gemacht. Aber für die Masse war das nie gedacht. Es war ein Fehler, dass ich das damals überhaupt publiziert habe.