Kein Schnee in Sicht: Das absurde Wettrüsten der Skiregionen

Kein Schnee in Sicht: Das absurde Wettrüsten der Skiregionen

Während der Klimawandel die Erde erwärmt und die Gletscher schmelzen, wird in den Skiorten immer weiter gebaut. Ein absurdes Wettrüsten mittels Schneekanonen, künstlicher Wolken und Eisfabriken.

Die Blechbläser spielen Weihnachtsweisen, offene Feuerstellen und Dutzende Laternen tauchen die Umgebung in ein sanftes Licht. In den alten Bauernhäusern biegen sich die Tische unter selbst gestrickten Socken, geschnitzten Holzfiguren, Gläsern mit Honig und geklöppelten Spitzendeckchen. In der Ruaßkuchel backen die Trachtenfrauen „Fleischhuderlinge“ und „Krauthasenöhrl“. Die Düfte ziehen sich über das gesamte Areal und vermischen sich mit jenen von Weihrauch und Glühwein. Die Stimmung ist das, was man gemeinhin als besinnlich bezeichnen würde.

Selbst der Esel im „lebenden Kripperl“ kennt die Bedeutung des Wortes „störrisch“ nur vom Hörensagen. Am zweiten Adventswochenende ist die „Gosauer Bergweihnacht“ gut besucht. Dennoch ist es eine recht familiäre Veranstaltung. Die Gäste kommen aus der näheren Umgebung, wie man unschwer an den Autokennzeichen und der Dialektfärbung erkennt. Oder daran, dass der Zeremonienmeister der Tombola die meisten der Gewinner persönlich kennt: „Jetzt glaub i daun wirkli, dassd koa Glick in da Liebe host, waunst oiwei sovü gwinnst“, kommentiert er die Preisvergabe an eine junge Frau.

Einziges Manko: kein Schnee
Es ist ein nahezu idealtypischer Adventsmarkt. Einziges Manko: kein Schnee. Wodurch allzu deutlich wird, dass die Kufen am Pferdeschlitten nur Dekoration und nicht funktionales Element sind. Die breiten Gummireifen des Gefährts graben sich tief in den verschlammten Boden. „Warat guat, waun a Schnee kamat“, sagen die Einheimischen.

Wie gut, zeigt sich ein paar hundert Meter weiter, an der Talstation der Vierer-Sesselbahn „Hornspitz-Express“, dem Einstieg in das Skigebiet Dachstein West. Dort, wo sich zur Hochsaison Hunderte Skifahrer tummeln, lässt sich keine Menschenseele blicken. Die Drehkreuze zur Ticketkontrolle stehen ebenso verloren in der braungrünen Wiese wie die Schneekanonen.
Mit den Liftbetrieben ruhen auch alle anderen touristischen Einrichtungen. Die Gasthöfe und Pensionen, ganz zu schweigen vom Skiverleih und den Souvenirstandeln. Die Gosauer haben also alle Zeit der Welt, den Adventsmarkt zu besuchen.

Alljährlich bereitet die Region den Saisonstart für das Wochenende um den 28. November vor. „Das schaffen wir aber fast nie“, sagt Alfred Bruckschlögl, Geschäftsführer der OÖ Seilbahnholding und Vorstand der Dachstein Tourismus AG.

Damit befindet sich das größte Skigebiet Oberösterreichs in Gesellschaft mit den prominenten Mitbewerbern: Obertauern, Saalbach-Hinterglemm, die Planai in Schladming, das Kärntner Nassfeld und Lech am Arlberg – um nur einige zu nennen – mussten ihre Skiopenings in den vergangenen Wochen verschieben oder sie vor grünen Abfahrten durchziehen.

Apere Pisten
Während der Klimawandel die Erde erwärmt und die Gletscher schmelzen, wird in den Skiorten aufgerüstet – immer größer, höher, weiter. Dennoch gibt es jedes Jahr den gleichen Nervenkitzel: Spielt das Wetter mit oder nicht? Die deutsche „Bild“-Zeitung streute kürzlich zusätzlich Salz in die Wunden der Touristiker: „Hoffentlich haben Sie noch keinen Skiurlaub gebucht“, schlagzeilte das Blatt und zeigte Bilder von aperen Pisten.

Trotz der Armeen von Schneekanonen, die allerorten entlang der Pisten aufgepflanzt sind, ist man nach wie vor von der Natur abhängig. Ist es zu warm, kann man das Beschneien vergessen. Der heurige November war der bisher wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1767. Mit dem von der Werbung verkauften Wintertraum – tiefverschneite Hänge, Schneeberge wie Wattebäusche – hat die Realität aktuell wenig gemein.

Die Verantwortlichen des „Skicircus Saalbach Hinterglemm Leogang“ sind derzeit schwer zu erreichen. Die Tage vor dem Saisonstart sind immer turbulent, aber besonders dann, wenn es nicht so läuft, wie es soll.

13.000 Kubikmeter Schnee eingelagert
Vergangenen Mittwoch traf sich der Stab zur Krisensitzung. Schon der Winterauftakt am ersten Dezemberwochenende war eine Zitterpartie. Das Snowmobile-Event konnte nur durch Material aus dem Depot sichergestellt werden. 13.000 Kubikmeter Schnee wurden im vergangenen März – unter einer dicken Schicht aus Hackschnitzel mit Kunststoff-Vlies luftdicht verpackt – eingelagert. Das reichte aus, um die Rennstrecke zu präparieren. Dabei ist das Skigebiet gut ausgerüstet. Rund 700 Schneeerzeuger sind aufgestellt, etwa 90 Prozent aller Pisten beschneibar.

Schnee ist keiner in Sicht
Doch der Wetterbericht macht Sorgen. Schnee ist keiner in Sicht. Im Gegenteil: Föhn wird angesagt, was auch die Schneeproduktion, die erst bei fünf Grad unter Null so richtig anläuft, schwierig macht. „Wir sind gerade bei der Sichtung, aber die Aussichten sind mager“, sagt Josef Schwabl, technischer Direktor der Hinterglemmer Bergbahnen. Mit einigen Liften werde man zwar zum Wochenende starten können, von einem Vollbetrieb könne aber keine Rede sein. Das ist bitter für den Ort, der – gemessen an Nächtigungszahlen – der zweitgrößte Wintersportort Österreichs ist.

20.000 Schneekanonen
Die österreichischen Skiregionen versuchen mit allen Mitteln, im Konkurrenzkampf zu bestehen. Skifahren ist zwar ein Milliarden-, aber kein Wachstumsmarkt. Der Verdrängungswettbewerb und das Wettrüsten mit Kunstschnee sind längst voll entbrannt. Und so wurde in den vergangenen Jahren massiv Hochtechnologie in die Berge geschraubt. Im Jahr 2007 gab es in allen europäischen Skigebieten gerade einmal rund 3000 Schneekanonen. Heute stehen allein auf Österreichs Pisten 20.000 Stück. Doch damit ist es nicht getan. Dahinter steckt ein komplexes System aus Speicherteichen für das Wasser, Pumpstationen, Rohrleitungen und Stromkabeln. Insgesamt haben Österreichs Seilbahnen seit 2008 mehr als 800 Millionen Euro nur in Beschneiungsanlagen investiert.

Inzwischen können über 60 Prozent der österreichweit 23.000 Hektar Pistenfläche künstlich beschneit werden. Einige Skigebiete in Tirol kommen sogar auf 100 Prozent.

Drei bis vier Euro pro Kubikmeter Schnee
Über die ökologischen Folgen tobt ein Glaubenskrieg zwischen Touristikern und Umweltschützern. Doch lohnt der ganze Aufwand überhaupt? Eine Schneekanone schlägt sich immerhin mit 35.000 Euro zu Buche. Pro Hektar beschneiter Piste sind 3000 Kubikmeter Wasser erforderlich. In Tirol werden etwa 5400 Hektar Piste mit Kunstschnee bedeckt, was einen Wasserbedarf von rund 16 Millionen Kubikmeter bedeutet. Die Erzeugung eines Kubikmeters Schnee verschlingt ein bis drei Kilowattstunden Energie. Im Falle Tirols beläuft sich der Stromverbrauch auf insgesamt 90 Gigawattstunden. Pro Kubikmeter Schnee sind drei bis vier Euro zu veranschlagen. Alleine die Tiroler Bergbahnen haben dadurch Kosten von 120 bis 160 Millionen Euro pro Saison.

111.000 Arbeitsplätze
„Natürlich rechnen sich die Beschneiungsanlagen. Ohne sie würde der Skibetrieb stillstehen“, sagt Franz Hörl, Obmann des Fachverbandes Seilbahnen der Wirtschaftskammer. Die ökonomischen Pro-Argumente kann er im Schlaf herunterrattern: 1,2 Milliarden Umsatz habe die österreichische Seilbahnwirtschaft im vergangenen Winter erzielt. Insgesamt würden durch die Branche über 111.000 Arbeitsplätze gesichert. Und die Wertschöpfung der Wintersportler belaufe sich auf über sieben Milliarden Euro. „Der gesamte Westen ist volkswirtschaftlich vom Schnee abhängig“, meint auch Sepp Schellhorn, Gastronom und Wirtschaftssprecher der NEOS. Die Beschneiung sei daher „essenziell und alternativlos“.

So wird das auch im bisher als „Naturschneeparadies“ geltenden Skigebiet Gaißau-Hintersee gesehen. In der vergangenen Saison stand es wegen des ausbleibenden Schnees knapp vor der Pleite. Mithilfe eines chinesischen Investors soll jetzt massiv in Beschneiungsanlagen investiert werden. Von öffentlicher Seite hätte man wohl nicht mit Unterstützung rechnen können: „Wir sind skeptisch bei Anlagen in geringen Seehöhen“, erklärt Wolfgang Kleemann, Geschäftsführer der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank, der zentralen Drehscheibe für staatliche Förderungen im Fremdenverkehr. Immerhin sind sich Metereologen und Klimaforscher ziemlich einig: Bei Lagen unter 1500 Höhenmetern habe es langfristig wenig Sinn, in Schneesicherheit zu investieren. Die Pisten in Gaißau-Hintersee liegen zwischen 750 und knapp 1600 Metern Seehöhe.

Im auf 1900 Metern gelegenen Obergurgl hat man eine deutlich bessere Startposition. Die Region Obergurgl-Hochgurgl ist traditionell eines der ersten Skigebiete (abseits der Gletscher), das in die Wintersaison startet. Bereits seit Mitte November läuft der Betrieb, und Leopold Holzknecht vom Ötztal Tourismus ist bester Stimmung: „Wir sind bisher sehr zufrieden. Der Schneemangel in anderen Regionen hat bei uns zu einem Zuwachs geführt.“ Ohne Beschneiung ginge es freilich auch hier nicht. Heuer wird erstmals eine neue Technik erprobt. Eine künstliche Wolke soll mit nur einem Kubikmeter Wasser bis zu 15 Kubikmeter Schnee produzieren. In den nächsten Monaten soll unter realen Bedingungen geforscht werden. Ein Nachteil ist aber schon jetzt bekannt: Auch die künstliche Wolke kann nur bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt liefern.

Da sind sie am Pitztaler Gletscher schon weiter. Dort wurde 2009 eine temperaturunabhängige Schneefabrik aufgebaut. Das Gerät stammt aus Israel, einer Region, die in Sachen Wintersport üblicherweise keine führende Rolle spielt. Das Unternehmen IDE Technologies verdient sein Geld mit Meerwasser-entsalzungsanlagen und Kühlsystemen für Goldminen. Die Möglichkeit zur Schneeproduktion wurde durch Zufall entdeckt. Das Aggregat kann 950 Kubikmeter Schnee pro Tag liefern. Das ist so viel, wie sieben Schneekanonen im 24-stündigen Dauerbetrieb herstellen. 1,5 Millionen Euro ließen sich die Pitztaler den überdimensionierten Eisschrank kosten. „Uns ist es gelungen, den Eskimos Schnee zu verkaufen“, sagte IDE-Technologiechef Abraham Ophir über den Deal.