Konjunktur: Was es bedeutet, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst

Konjunktur: Was es bedeutet, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst

Die Wirtschaft muss wachsen, heißt es allerorten. Was aber, wenn sie das nicht mehr tut? In der Welt der Ökonomie ist Stillstand existenziell gefährlich. Christina Hiptmayr über einen angekündigten Todesfall.

Regelmäßig zu Jahresbeginn versorgen Wirtschaftsforscher die Öffentlichkeit mit ihren Einschätzungen über das zu erwartende Wirtschaftswachstum. Für 2014 prognostizierte die Oesterreichische Nationalbank einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,6 Prozent. Die Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS sagten 1,7 respektive 1,8 Prozent voraus. Und die Ökonomen der Bank Austria legten noch drauf und prophezeiten sogar zwei Prozent.

Halleluja! Nach den Zeiten der Stagnation keimte also Hoffnung auf. Der Konjunkturaufschwung schien spürbar nahe.
Heute, ein Jahr später, ist klar: die Vorhersagen entsprangen überbordendem Optimismus. Oder krasser Fehleinschätzung. Denn Wachstum gab es nur in Spurenelementen. Die heimische Wirtschaft legte im vergangenen Jahr um 0,3 Prozent zu.
Und die aktuellen Prognosen? Düster bis wolkig.

„Europa braucht mehr Wachstum“, sagt die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. „Wir engagieren uns für mehr Wirtschaftswachstum“, sagt Bundeskanzler Werner Faymann. „Europa braucht heute mehr als je zuvor Wachstum“, sagt der neue griechische Regierungschef Alexis Tsipras. Das Mantra tönt über den gesamten Kontinent.

Wachstum ist der Treibstoff, der moderne Volkswirtschaften am Schnurren hält. Deshalb muss die Wirtschaft immer weiter wachsen. Tut sie es nicht, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sie doch dazu zu motivieren. Da werden Sanierungsschecks ausgegeben und Abwrackprämien bezahlt, Leitzinsen nahe der Nulllinie gehalten und Anleihenkäufe in Billionenhöhe beschlossen. Das Werkl muss schließlich laufen. Doch viele Zeichen deuten darauf hin, dass Österreich, Europa, die westlichen Industrieländer künftig mit sehr geringen Wachstumsraten leben müssen.

Sehen wir also gerade das Ende des Wirtschaftswachstums? Die Meinungen gehen auseinander: „Nein“, meint Ulrich Schuh, Leiter des Forschungsinstituts EcoAustria, „Europa kämpft mit einer Stagnationsphase, aber das ist weder ein dauerhaftes, noch ein globales Phänomen.“ „Ja“, sagt indes Wolfgang Fellner von der WU Wien, „das ist ein historischer Prozess.“ Absolut legt die Wirtschaft zwar noch zu, doch in praktisch allen hoch entwickelten Volkswirtschaften sinken die Wachstumsraten seit Jahrzehnten kontinuierlich ab (siehe Grafik „Stufenplan“). „Wir nähern uns in Stufen dem Nullwachstum“, so Fellner.

Ökonomen und Politiker starren auf das Bruttoinlandsprodukt, zu dem Statistiker alles aufaddieren, was in einer Volkswirtschaft geschaffen und geleistet wird – solange es einen Preis hat. Sie hängen am Wirtschaftswachstum wie der Intensivpatient am Beatmungsgerät. Unbestritten: Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass Wachstum den Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten erhöht hat. Heute liegt das österreichische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei rund 38.000 Euro. Vor 30 Jahren betrug es weniger als ein Drittel dieses Wertes. In Ländern wie China und Indien erarbeiten sich gerade Hunderte Millionen Menschen ihre ersten Kühlschränke und Autos.


Wachstum ist nicht Selbstzweck


Wer nicht wächst, stirbt – so lautet die Mahnung in Management-Ratgebern, die Wachstum quasi zum Selbstzweck erheben. In Unternehmen nimmt das Wachstum klassischer betriebswirtschaftlicher Kennzahlen eine zentrale Rolle ein. Vor allem als Indiz für die Wettbewerbsfähigkeit: Jede Umsatzsteigerung wird bejubelt, jeder Rückgang möglichst klein geredet. Aus Angst vor fallenden Börsenkursen oder teureren Krediten. „Wachstum ist nicht Selbstzweck, es soll höhere Einkommen bringen, die Möglichkeit Lebensentwürfe und Konsumwünsche zu realisieren“, sagt Wifo-Chef Karl Aiginger.

Wenn es um die Vermessung von Wachstum und Wohlstand geht, ist das BIP die entscheidende Maßzahl. Wenn auch eine höchst unpräzise. Kindererziehung und Krankenpflege daheim? Steigern das BIP keineswegs. Hingegen gibt es kaum etwas Besseres als Naturkatastrophen und Kriege. Ist die Infrastruktur erst einmal zerstört, baut es sich ganz ungeniert. Das lässt die Kassen klingeln. Dass zuvor jedoch Vermögen zerstört wurde, ist für die Statistik ohne Belang.

Die Wirtschaft muss ständig zulegen. Kaum ein Unternehmen, das arbeiten kann, ohne Schulden zu machen. In einer kapitalistischen Gesellschaft erwartet der Kreditgeber Zinsen. Wo 100 Euro in den Produktionsprozess eingespeist wurden, müssen für eine Rendite von fünf Prozent hinterher 105 Euro rauskommen – schon ist eine Wachstumsspirale in Gang gesetzt. Ohne Wachstum keine Arbeitsplätze. Nur wenn Unternehmen ihre Umsätze steigern oder neue Unternehmen mit neuen Produkten auf den Markt kommen, gibt es Arbeit für die Arbeitsuchenden. Bleibt das Wachstum aus, explodieren die Staatsschulden.
Doch nichts wächst ewig. Alles hat eine Grenze und ein Ende. Nur das BIP darf nicht ruhen. Doch genau das wird es tun. Darüber sind sich die Ökonomen einig. Lediglich über die Dauer wird gestritten. Während die einen an eine vorübergehende – aber freilich langjährige – Phase glauben, rufen die anderen das Ende des Wachstums aus. Vieles spricht für Letzteres.


Die Bevölkerung in Europa schrumpft und überaltert. Für das Abenteuer wirtschaftlicher Expansion ist sie nicht mehr zu haben. Fast überall geht der Anteil der 15- bis 64-Jährigen zurück. Selbst in den Schwellenländern gehen die demografisch günstigen Zeiten allmählich zu Ende. Vor allem in China, wo die Ein-Kind-Politik ihre Auswirkungen zeigt.

Das Ende des „Homo Oeconomicus“?

Es fehlt an bahnbrechenden Innovationen. In der Vergangenheit sorgten die Erfindung des Verbrennungsmotors, die Elektrifizierung sowie die Einführung von Computer und Internet für Wachstumsschübe. Nach solchen Dingen wird heute angestrengter denn je gesucht. Nie zuvor investierten die Unternehmen der Industrieländer so viel Geld in Forschung und Entwicklung. Doch während in Entwicklungsländern schon kleine Verbesserungen viel bewirken können, braucht es im saturierten Westen außergewöhnliche Technologiesprünge. Auf die kann man hoffen, wirklich planbar sind sie aber nicht.

Zudem scheint das Modell des „Homo Oeconomicus“ ausgedient zu haben. Der Soziologe Vilfredo Pareto beschrieb ihn Ende des 19. Jahrhunderts, als ein vom Gefühl des Mangels getriebenes Wesen. Als Unternehmer maximiert er seinen Profit, als Konsument seinen Nutzen. Der immerwährende Wunsch nach mehr erzeugt immerwährendes Wachstum. Darauf beruht ein Großteil der wirtschaftswissenschaftlichen Theorien. Doch in den hoch entwickelten Volkswirtschaften ist der Bedarf langsam gedeckt. Natürlich wird noch immer eingekauft. Wer aber schon zwei Autos vor dem Einfamilienhaus eingeparkt hat, benötigt selten noch ein drittes. Und auch wenn die Werbung anderes suggeriert: niemand braucht jedes Jahr ein neues Smartphone. (Es sei denn, es handelt sich um das jüngste iPhone-Modell.)

Der Club of Rome wies bereits 1972 darauf hin, dass ein unendliches und exponentielles Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht funktionieren kann. Und wurde dafür mit Hohn überschüttet. Doch der vorhergesagte Trend hat sich bewahrheitet: Die Schere zwischen Arm und Reich weitet sich, Landwirtschaftsflächen erodieren und gehen verloren, die Meere sind überfischt und die fossilen Rohstoffe werden immer knapper. Die Frage ist nicht, ob es Grenzen des Wachstums gibt, sondern wann sie erreicht werden. „Man kann das Konsummodell des Westens nicht auf die ganze Welt ausdehnen. Das kann sich jeder im Halbschlaf ausrechnen, dass sich das nicht ausgehen kann“, sagt Fellner.

Wenn die Wirtschaft nicht wächst, wird es richtig ungemütlich. Der Druck am Arbeitsmarkt wird sich massiv erhöhen, die Arbeitslosigkeit steigen. Weil das Steueraufkommen zurückgeht, werden Sozialleistungen gekürzt. Gesellschaftlichen Aufstieg, innerhalb eines Lebens oder von Generation zu Generation, kann man sich dann abschminken. Der Verteilungskampf wird nicht ohne gröbere soziale Verwerfungen vonstatten gehen. „Nur bei Wachstumsraten ab zwei Prozent ist derzeit Vollbeschäftigung und Pensionssicherheit gegeben“, meint Wifo-Chef Karl Aiginger. Sein Institut prognostiziert bis 2019 ein BIP-Wachstum von jährlich gerade einmal 1,25 Prozent.

Verfall des Lebensstandards

Die Ökonomen des McKinsey Global Instituts sagen in einer aktuellen Studie einen rapiden Verfall des globalen Lebensstandards voraus. Sie gehen für die nächsten Jahrzehnte von einem weltweiten Wirtschaftswachstum von rund zwei Prozent aus. Nach ihren Berechnungen könnte sich das BIP pro Kopf um 19 Prozent abschwächen. Allein um den demografischen Wandel abzufedern, müsste die Produktivität, gemessen am langjährigen Schnitt, um 80 Prozent zulegen. Jeder Einzelne müsste Jahr für Jahr seinen Output um über drei Prozent steigern.

Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, sieht die Herausforderungen naturgemäß sportlich: „Wir erleben gerade eine Transformation. Die Frage ist, wie können wir uns bestmöglich anpassen. Das ist eine faszinierende Phase.“ Sein Vorschlag: Österreich müsse eine Nischenstrategie fahren und auf qualitatives Wachstum setzen.


„Wenn wir weiterhin die Augen zumachen und nur auf Wachstum hoffen, wird es einen ‚Change of Desaster‘ geben“, sagt indes Ulrich Brand, Politologe an der Uni Wien. Auch Wachstumsbefürworter wie Ulrich Schuh weisen mit Nachdruck darauf hin, dass auf die veränderten Rahmenbedingungen reagiert werden muss. Andernfalls werde sich die Lage verschlimmern. „Eine gemeinsame Budgetpolitik innerhalb der EU wäre jetzt hilfreich. Die Bankenunion ist zwar ein richtiger Schritt, kommt aber um etliche Jahre zu spät“, so der EcoAustria-Vorstand.

Brand wiederum suchte als Mitglied einer Enquete-Kommission des deutschen Bundestages zwei Jahre lang nach Alternativen zum Wachstumszwang. Er plädiert für einen neuen Wohlstandsbegriff, man müsse Produktivismus und Konsumismus hinter sich lassen.

Bis dato sind Konzepte, wie Postwachstumsökonomien funktionieren können, jedoch nur rudimentär vorhanden. Die Vorschläge reichen von Regionalwährungen, die an die lokale Kaufkraft gebunden und damit von globalen Transaktionen abgekoppelt sind, über ein garantiertes Grundeinkommen für alle bis hin zur Arbeitszeitverkürzung. Noch scheinen die Entwürfe eines funktionsfähigen, wachstumsfreien Wirtschaftssystems ziemlich realitätsfern. Vielleicht werden sie das auch bleiben. Doch vor 300 Jahren konnte sich unter dem Begriff Kapitalismus auch niemand etwas vorstellen.