So ein Mist: Wie Staaten sich gegenseitig ihren Müll zuschieben

So ein Mist: Wie Staaten sich gegenseitig ihren Müll zuschieben

Abfall geht quer durch ganz Europa auf Reisen. Zum Beispiel von Rom ins niederösterreichische Dürnrohr. Wie Staaten einander wegen mangelnder Kapazitäten den Müll zuschieben.

Wer die Anlage besichtigen will, muss eine elektronische Sicherheitsunterweisung absolvieren. Auf dem Computerbildschirm tauchen einige Verständnisfragen auf. Etwa, ob man vor dem Zutritt noch ein Bier nehmen möchte. Man ist schwer versucht, mit "Ja" zu replizieren. Doch möglicherweise hätte dies ähnliche Konsequenzen wie die positive Beantwortung der Frage nach der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung bei der Einreise in die USA. Also lässt man es lieber, wird dafür mit Helm und Warnweste ausgestattet, und die Türen öffnen sich. Die Sicherheitsvorkehrungen haben durchaus ihre Berechtigung. Es herrscht Hochbetrieb. Und zwischen all den Waggons, reversierenden LKW und Containerstaplern kann man schnell übersehen werden. Die Arbeiter lassen sich durch werkfremde Besucher nicht stören. Sie sind es gewohnt, dass man ihnen über die Schulter schaut. Wenngleich es in den letzten Wochen vornehmlich italienische Journalisten waren, die den Weg in die Müllverbrennungsanlage Dürnrohr gesucht haben.

Seit vergangenem Dezember treffen im Tullnerfeld regelmäßig Züge aus Italien ein. Deren Container sind bis zum Anschlag mit römischem Hausmüll gefüllt. In der Abfallverwertungsanlage des niederösterreichischen Energieversorgers EVN wird er verbrannt.

Ein Geschäft, das nicht unumstritten ist. Weder hierzulande noch in Italien. Tatsächlich erscheint es einigermaßen absurd, Müll Hunderte Kilometer weit zu transportieren. Doch der Deal zwischen den Römern und den Niederösterreichern ist kein Einzelfall. Tagtäglich werden Abfälle quer über den Kontinent kutschiert. Dafür sorgen mangelnde Verarbeitungsmöglichkeiten in vielen Ländern, ökonomischer Druck und spezielle Anforderungen bestimmter Industrien.

Wenn Müll in der Tonne landet, gibt es für ihn verschiedene Möglichkeiten. Bestenfalls wird er recycelt und wieder zum Gebrauchsgegenstand. Oder er wird durch Verbrennung in Strom oder Wärme verwandelt. Er kann auf einer Deponie oder in der Natur landen. Welches Schicksal dem Müll bevorsteht, hängt davon ab, wo in Europa er weggeworfen wird. In Österreich wird man ihn hoffentlich als wertvollen Rohstoff betrachten. In Griechenland oder Rumänien endet sein Weg mit ziemlicher Sicherheit auf der Müllkippe.

Die etwa 35 rostbraunen Containerwagen werden der Reihe nach entladen. Lediglich der Schriftzug der italienischen Containerfirma Chiavetta verrät ihre Herkunft. 500.000 Tonnen Restmüll pro Jahr können in der Müllverbrennungsanlage in Dürnrohr verbrannt werden. 70.000 Tonnen werden gemäß Vertrag aus Italien angeliefert. "Die Qualität entspricht der des niederösterreichischen Hausmülls", erklärt Werksleiter Bernhard Bogner.

Grundsätzlich sieht die Abfallrahmenrichtlinie der EU das sogenannte Näheprinzip vor. Abfall soll in der am nächsten gelegenen Entsorgungsanlage beseitigt werden. Jedoch: Zwischen der italienischen Hauptstadt und Dürnrohr liegen rund 1200 Kilometer. "Rom kann froh sein, dass ihnen jemand den Müll abnimmt. Derzeit kommen große Mengen aus Großbritannien. Die bestehenden Anlagen sind europaweit ausgelastet", sagt Hans Roth, Präsident des VÖEB (Verband österreichischer Entsorgungsbetriebe) und Eigentümer des Entsorgungsunternehmens Saubermacher. Für die EVN ist der Deal ein gutes Geschäft: 140 Euro pro Tonne zahlt die Stadt Rom für die Entsorgung.

Rom hat wie Neapel ein gewaltiges Müllproblem. 2013 musste Europas größte Deponie Malagrotta - genannt der "achte Hügel" Roms - sperren. Kapazitäten, welche diesen Wegfall hätten auffangen können, wurden bis dato nicht aufgebaut. Dazu kommen mafiöse Strukturen in der italienischen Abfallwirtschaft. Das illegale Müllgeschäft gehört mittlerweile zu den Haupteinnahmequellen der Mafia. Sie übernimmt mit eigens gegründeten Gesellschaften den Müll von Kommunen und deponiert ihn unbehandelt auf meist nicht dafür geeigneten Grundstücken. Ist die Deponie voll, geht die Gesellschaft pleite. Die Kosten für die adäquate Sanierung der oft gefährlichen Altlasten hat dann der Steuerzahler zu tragen. "Mir ist es auch lieber, der Abfall wird hier ordnungsgemäß nach dem neuesten Stand der Technik entsorgt, als auf irgendwelchen dubiosen Deponien zu verschwinden", sagt Christiane Brunner, Umweltsprecherin der Grünen. Das müsse aber Ausnahme bleiben und dürfe nicht zur Dauerlösung werden. Generell gelte es zu allererst, europaweit verstärkt Maßnahmen zur Müllvermeidung zu setzen.

Tatsächlich ist das Müllaufkommen von Land zu Land höchst unterschiedlich. So verursacht etwa jeder Österreicher pro Jahr 560 Kilogramm. Insgesamt ist bei "Siedlungsabfällen aus Haushalten und ähnlichen Einrichtungen" seit 2009 ein Anstieg von rund sieben Prozent zu verzeichnen. Europäische Spitzenreiter beim Müllproduzieren sind die Dänen. Sie kommen auf 789 Kilogramm. Am untersten Ende der Skala stehen die Rumänen mit 247 Kilogramm pro Jahr. 40.000 Kubikmeter fassen die beiden Müllbunker in Dürnrohr. "Darin hätten 70 Einfamilienhäuser Platz", sagt Werksleiter Bogner. Hier wird das angelieferte Material mithilfe riesiger Greifer durchmischt und auf die Verbrennungsroste gehievt. Von einer durch Glas abgetrennten Kontrollwarte aus werden die Greifer per Joystick bedient. Einmal habe man im letzten Moment eine lebende Katze aus dem Müllberg gezogen, erzählt Bogner.

2015 sind in Österreich laut Bundesabfallwirtschaftsplan insgesamt rund 57 Millionen Tonnen Abfälle angefallen. Davon entfallen lediglich sieben Prozent auf Siedlungsabfälle. Mehr als die Hälfte machen Aushubmaterialien aus. Doch Österreich ist ebenso wie Deutschland grundsätzlich autark: Müll, der im Land produziert wird, kann im Großen und Ganzen auch im Inland entsorgt werden. Dafür sorgen österreichweit rund 2500 unterschiedliche Behandlungsanlagen. Dennoch werden Abfälle sowohl importiert, als auch exportiert. Österreich hat im Jahr 2015 insgesamt rund 3,4 Millionen Tonnen ausländischen Abfalls ins Land gebracht und 2,9 Millionen Tonnen ausgeführt.

Mit Ausnahme von Abfällen der sogenannten Grünen Liste (das sind im Allgemeinen als ungefährlich geltende Abfälle, wie etwa Altpapier, Metalle oder Textilien) ist die Ein-und Ausfuhr von Abfällen in der EU grundsätzlich genehmigungspflichtig. Sowohl der Ex-als auch der Importeur muss beim jeweiligen zuständigen Ministerium genaue Angaben über Spezifikation, Qualität und Mengen machen. Dem Antrag ist eine chemische Analyse des Abfalls beizulegen. Wurde die Zustimmung von den Ministerien beider Staaten erteilt, wird vor der Abfallbehandlung stichprobenartig die tatsächliche Qualität des Materials geprüft. Stimmt sie nicht mit den Angaben im Notifizierungsantrag überein, wird die erteilte Zustimmung widerrufen.

Rund 659.300 Tonnen an notifizierten Abfällen wurden 2015 nach Österreich gebracht. Fast die Hälfte wurde aus Deutschland herangekarrt, gefolgt von Italien, Slowenien und der Schweiz. Dem gegenüber stehen 822.100 Tonnen notifizierter Abfälle , die ausgeführt wurden. Die wichtigsten Zielländer waren Deutschland, die Slowakei und Tschechien. Auch wenn Österreich grundsätzlich als autark gilt, kann es durchaus sinnvoll sein, Müll zu exportieren. Oft findet sich nämlich die nächstgelegene Verwertungsanlage jenseits der Grenze. Tirol verfügt etwa über keine eigene Verbrennungsanlage. Deshalb geht viel nach Deutschland. Die Vorarlberger kooperieren mit den Schweizern, und in grenznahen Gebieten in der Steiermark ist der Weg zur slowenischen Anlage de facto der kürzeste. Für manche Reststoffe fehlen effektive Verwertungstechnologien. Österreich hat beispielsweise keine Batterienaufbereitungsanlage . In kleineren Ländern kommen nicht ausreichend Mengen zusammen, um eine solche wirtschaftlich zu betreiben. Ähnliches gilt für Elektronikschrott. Europaweit gibt es nur drei Anlagen (Deutschland, Belgien und Schweden), die über die Technologie verfügen, nicht nur Standardmetalle wie Kupfer, sondern auch seltenere Metalle zurückzugewinnen.

Das Entsorgungsunternehmen Saubermacher wiederum produziert aus Restmüll Ersatzbrennstoffe, die beispielsweise in Zementwerken Kohle oder Gas ersetzen. "In Österreich gibt es dafür nicht genug Abnehmer. In unseren Nachbarländern gibt es Zementfabriken, die Bedarf dafür haben und dem Standard westlicher Werke entsprechen", sagt Saubermacher-Vorstand Ralf Mittermayr. Bei Umweltaktivisten hat die Müllverbrennung keinen guten Ruf. Nicht etwa wegen der Abgase. Anders als in den 1980er-Jahren, als die Anlagen mit der Dioxinverseuchung ihrer Umgebung Schlagzeilen machten, gelten sie heute als relativ sauber. Vielmehr werden sie als Gefahr für Müllvermeidung und Kreislaufwirtschaft gesehen. Es wird befürchtet, dass Abfall, der eigentlich wiederverwertet werden könnte, im Ofen landet. Marion Huber-Humer, Leiterin des Instituts für Abfallwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien, will das nicht ausschließen, meint aber: "Wir brauchen die Verbrennung derzeit noch, sie ist eine wichtige 'Schadstoffsenke' in der Abfallwirtschaft"."Möglicherweise haben wir in 20 oder 30 Jahren nur mehr Produkte am Markt, die schadstofffrei sind und sich hochwertig recyceln lassen. Aber bis dahin können wir nicht darauf verzichten", so die Forscherin.

Tatsächlich benötigen Müllverbrennungsanlagen einen Auslastungsgrad von 80 bis 90 Prozent, um wirtschaftlich betrieben werden zu können. "Vor einigen Jahren gab es noch Überkapazitäten in der Müllverbrennung. Das ist heute nicht mehr so", sagt VOEB-Präsident Roth.

Das liegt vor allem daran, weil nun einige Länder - wie von der EU vorgegeben - langsam eine Beschränkung der Deponierung von Siedlungsabfällen angehen. In Großbritannien beispielsweise wurde das Deponieren von Abfall mit hohen Steuern belegt. Gleichzeitig mangelt es an Aufbereitungs-und Verwertungsanlagen. Für die Briten ist es daher günstiger, ihren Müll in die Niederlande und nach Deutschland zu schippern. Was wiederum dazu führt, dass deutscher Müll verstärkt nach Österreich drängt. Grellorange lodern die Flammen im Kesselhaus. Mit über 1000 Grad Celsius wird der Müll verbrannt. Die dabei gewonnene Energie wird im benachbarten Kraftwerk zur Herstellung von Fernwärme und Strom für rund 170.000 Haushalte benutzt.

Bei der Verbrennung wird bereits ein Großteil der darin enthaltenen Schadstoffe zerstört. Pro Tonne Abfall bleiben rund 250 Kilogramm Schlacke übrig. Das ist der hässliche Rest der Hausmüllverbrennung. Ein Fließband schiebt die lavaartige Masse unter einem Magneten durch. Unförmige Metallstücke, Schlüssel, Nägel, verbeulte Töpfe und Felgen werden in die Höhe gezogen und ausgeschieden. 25 Kilo Eisenschrott sind in jeder Tonne Abfall enthalten, der so wiederverwertet werden kann. Ebenso wie der Gips, der aus der Abwasserreinigung gewonnen wird. Für die Bauindustrie ein wertvoller Rohstoff. Die gefährlichen Substanzen werden in der Rauchgasanlage extrahiert. Der Filterkuchen (ein Kilogramm je Abfalltonne), in dem die nicht zerstörbaren Schadstoffe konzentriert sind, wird mit Beton verfestigt und in Deponien abgelagert, zum Beispiel im Inneren des steirischen Erzbergs. Dort liegt er dann, der harte Kern des Mülls.