Unheilmittel: Der Online-Handel mit gefälschten Medikamenten boomt

Gefälschte Arzneimittel, die in China beschlagnahmt wurden.

Gefälschte Arzneimittel, die in China beschlagnahmt wurden.

Die organisierte Kriminalität drängt zunehmend in den Online-Handel mit Arzneimitteln - begünstigt wird das durch die Leichtgläubigkeit und den Geiz vieler Konsumenten.

"Viagra ist das Medikament für männliche Impotenz in Dosierungen von 25 mg, 50 mg und 100 mg für Männer zwischen 18 und 75 Jahren, die Probleme haben oder Aufrechterhalten einer Erektion haben zu helfen." In die Packungsbeilage eines legal erhältlichen Arzneimittels würde es diese Indikation so wohl nie schaffen. Das soll sie auch gar nicht. Das Heilsversprechen entstammt einer von Hunderten auch in Österreich zugänglichen Websites, die Konsumenten das schnelle Glück verheißen - unbürokratisch, diskret, preiswert und vor allem: rezeptfrei. Ein Klick zum Kick. Oder auch nicht.

Der Online-Handel mit gefälschten - im günstigsten Fall wirkungslosen - Präparaten zählt zu den schattigsten Ausprägungen des World Wide Web. Und sorgte in den vergangenen Monaten immer wieder für gesteigerte mediale Aufmerksamkeit.

Im September des Vorjahres zum Beispiel zerschlug das dem Innenministerium unterstellte Büro "Organisierte Kriminalität" eine von Wien aus weltweit operierende Organisation, die auf unzähligen Internet-Plattformen wie apotheke-austria.com vermeintliche "Original"-Potenz- und Aufputschmittel vertrieben hatte. Acht Festnahmen allein in Österreich, dazu eine Million beschlagnahmte Tabletten im Gegenwert von zehn Millionen Euro.

Die Täter hatten die Tabletten in Osteuropa herstellen und via Spedition nach Österreich liefern lassen, diese hier verpackt und anschließend auf dem Postweg in alle Welt versendet - wobei als Absender teils echte Apotheken aufschienen. (Die Sache flog auf, nachdem eine Apotheke mehrere Rücksendungen erhalten und die Polizei eingeschaltet hatte.)


Die potenzielle Gesundheitsgefahr, die von solchen Produkten ausgeht, ist sehr hoch und im Einzelfall nie vorherzusehen.

Das Problem wurde seither nicht kleiner. Im Gegenteil. Allein im Juni dieses Jahres wurden bei international koordinierten Operationen der Sicherheitsbehörden in Europa und Nordamerika sogenannte Counterfeit drugs im Wert von 81 Millionen Dollar konfisziert, dabei gab es 156 Verhaftungen, rund 2400 Websites wurden stillgelegt. Und Anfang September hat das deutsche Bundeskriminalamt mehr als 3,5 Millionen Tabletten aus Indien sichergestellt - es handelte sich um gefälschte Potenz- und Schlafmittel. In manchen Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika machen Fake-Medikamente nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO bereits rund ein Drittel des gesamten Marktes aus.

Analgetika, Potenzbeschleuniger, Anabolika, Schlankheitspillen, ja sogar Arzneimittel gegen Krebs - es gibt nichts, was es im Internet heute nicht gibt. Und der Einkauf von Lasix, Viagra und Cipralex ist genauso mühelos wie ein Shoppingbummel bei Amazon. Diverse Anbieter haben vom rezeptfreien Fiebersenker bis zum streng rezeptpflichtigen, sündteuren Medikament die gesamte pharmazeutische Angebotspalette im Talon.

Das Problem: Fälschungen sind schwer zu erkennen, die Online-Portale der angeblichen Apotheken von seriösen kaum zu unterscheiden. Nicht wenige Giftküchen tragen wie selbstverständlich den Begriff "Apotheke" in der Internet-Adresse.

Dabei begeben sich die Kunden auf gefährliches Terrain: Die für die Zulassung und Überwachung von Arzneimitteln zuständige Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (Ages) zog in den vergangenen Jahren insgesamt rund 4000 Proben verdächtiger Medikamente, die online verschickt wurden. Ergebnis: 95 Prozent waren gefälscht oder schadhaft. Soll heißen: Wer Kopfschmerzen, Fieber, Magenkrämpfe oder erektile Dysfunktion mit Billigprodukten dubioser Online-Händler bekämpft, könnte wirkungslose oder sogar gefährliche Arzneien erhalten.

"Die Story: Millionengeschäft mit gefälschten Medikamenten" Kontrovers, BR

"Die potenzielle Gesundheitsgefahr, die von solchen Produkten ausgeht, ist sehr hoch und im Einzelfall nie vorherzusehen", sagt Ages-Vertreter Christoph Baumgärtel. Eine Zunahme dieser Gefährdung sei zu beobachten, inzwischen könne man von einem "russischen Medikamenten-Roulette" sprechen, wenn man bei unseriösen Anbietern Bestellungen aufgibt. Der Hintergrund: Die illegalen Produkte enthalten im Regelfall gar keinen, zu wenig oder zu viel Wirkstoff oder auch einen ganz anderen als angegeben. Zudem werden diese Medikamente unter katastrophalen hygienischen Bedingungen produziert; es wurden bereits Verunreinigungen wie Straßenfarbe, Möbelpolitur und Rattenkot in Tabletten gefunden.

Dabei werden die Händler dieser Fake-Medikamente immer dreister: Mit Mailaussendungen und Online-Inseraten werben sie mit Kampfpreisen und leichter Verfügbarkeit. Tatsächlich scheint es beispielsweise für die Käufer von Potenzmitteln nicht nur günstiger, sondern auch deutlich diskreter, Viagra und ähnliche Produkte über einen Web-Shop zu bestellen als in einer Apotheke. Doch dieses Mittel ist aus gutem Grund rezeptpflichtig; unbedachte Einnahme kann speziell für Männer mit Herz-Kreislauf-Problemen lebensgefährlich sein.

Ohne Rezept sind in Österreich auch testosteronhaltige Arzneimittel - sogenannte hormonelle Muskelaufbaupräparate - nicht erhältlich, was deren Popularität im illegalen Online-Handel ebenfalls anschwellen lässt. Auch in diesem Fall gilt: Unkontrollierte Einnahme ohne ärztliche Aufsicht kann die Gesundheit beeinträchtigen.


Nach Schätzungen der US-Gesundheitsbehörde ist jedes fünfte in Indien hergestellte Medikament eine Fälschung

Die Nachfrage nach Online-Medikation wächst jedenfalls - und damit auch das Angebot. Seit Juni dieses Jahres dürfen niedergelassene Apotheken in Österreich rezeptfreie Arzneimittel über das Internet verkaufen. Davor hatte die kuriose Situation bestanden, dass zwar legale ausländische Anbieter dieses Recht hatten, heimische Apotheken aber nicht. Bisher nutzen aber erst 19 Apotheken diese Möglichkeit. Sonst sind es die großen Online-Händler wie Doc Morris, die größte Versandapotheke in Europa, die am Markt operieren. Solche legalen Anbieter erkennt man an dem Sicherheitszertifikat der europäischen Behörden.

Aber nicht nur unbedarfte Konsumenten können auf Fälschungen hereinfallen, auch der legale Handel ist gegen Betrug nicht gefeit. In den USA sind 2008 nach der Gabe von Heparin, das Thrombosen und Embolien verhindern soll, mindestens 19 Menschen gestorben. Das aus China importierte Medikament war verunreinigt gewesen.

Nach Schätzungen der US-Gesundheitsbehörde ist jedes fünfte in Indien hergestellte Medikament eine Fälschung; bei einer groß angelegten Razzia in dem Land wurden im Vorjahr 160 Pharmafabriken untersucht: In vielen wurde unsauber produziert, einige Medikamente waren durch Insekten und Rattenkot verunreinigt. Etliche Produktionsanlagen wurden daraufhin gesperrt. Ein Problem sind Medikamentenfälschung und -verunreinigungen vor allem in jenen Ländern, in denen Menschen auf billige Arzneimittel angewiesen sind: In Panama sind vor neun Jahren mehr als 110 Menschen durch verunreinigten Hustensaft gestorben, ein Inhaltsstoff aus China war falsch deklariert worden.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO könnten von den jährlich eine Million Malaria-Toten rund 200.000 vermieden werden, gäbe es korrekt bezeichnete, effektive und hochwertige Medikamente. Das unterstreicht eine Studie aus dem Jahr 2001, laut der mehr als ein Drittel der in Südostasien verkauften Malaria-Medikamente überhaupt keine Wirkstoffe enthielten.


Die Umsetzung der Fälschungsschutzrichtlinie stellt vor allem die pharmazeutischen Unternehmen vor große Herausforderungen.

Seit einigen Jahren wird auch in Europa zunehmend versucht, falsche Arzneimittel über Großhändler einzuschleusen. Daher ist eine Fälschungsrichtlinie der EU in Ausarbeitung, die Anfang 2016 in Kraft treten soll. Danach haben die Mitgliedsstaaten drei Jahre Zeit für eine Umsetzung. Die Grundidee: Bei jeder einzelnen Packung soll nachvollzogen werden können, woher sie kommt. Konkret sind zwei Sicherheitsmerkmale vorgesehen: ein individuelles Merkmal, das jede Packung zum Unikat macht, und ein Originalverschluss, der zeigt, ob eine Packung unversehrt ist.

Notwendig ist eine Datenbank, mit der in den Apotheken zurückverfolgt werden kann, woher das jeweilige Produkt stammt und ob es nicht in die Lieferkette eingeschleust wurde. Teresa Ditfurth, Expertin der Apothekerkammer: "Es handelt sich um eines der größten Projekte im Arzneimittelsektor." Zum Einsatz kommt ein zweidimensionaler Data-Matrix-Code - dieser gilt nur für die jeweilige Packung und speichert detailliertere Informationen als ein Barcode, das wird auch den Rückruf von Medikamenten erleichtern. "Für die Apotheker bedeutet das einen Mehraufwand." Daher wollen diese erreichen, dass die Überprüfung der Echtheit schon davor stattfindet, nicht erst bei Übergabe des Medikaments an den Kunden.

In Deutschland kümmert sich securPharm, eine Initiative von Apotheken und Pharmaindustrie, um die praktische Anwendung. "Die Umsetzung der Fälschungsschutzrichtlinie stellt vor allem die pharmazeutischen Unternehmen vor große Herausforderungen", sagt Reinhard Hoferichter, Sprecher des securPharm-Vorstands. Erforderlich ist etwa die Umstellung auf die Serialisierung, das heißt die Ausstattung der Arzneimittel mit den geforderten Sicherheitsmerkmalen zur Echtheitsprüfung.

Ein Beispiel: Nahezu alle Produktionsstraßen der Pharmahersteller müssen für die neuen Sicherheitsmerkmale umgerüstet werden. "Bereits jetzt können wir sagen, dass die neuen Fälschungsschutzmaßnahmen die legalen Vertriebswege noch wirksamer vor dem Eindringen gegen Arzneimittelfälschungen schützen werden", sagt Hoferichter. Der Patient soll direkt vor seinen Augen sehen, dass das ausgegebene Medikament ein echtes ist.