Peter Jacksons "Der Hobbit": Loch im Kino

Regisseur Peter Jackson ­erweitert sein Blockbuster-Repertoire: Nach dem „Herr der Ringe“-Epos ­lanciert er nun seine nächste Tolkien-Bearbeitung. Der erste seiner drei „Hobbit“-Filme startete gestern.

Eine kleine Delegation macht sich in Mittelerde auf den Weg, das Zwergenreich Erebor im Fernen Osten aus den Fängen eines schrecklichen Usurpators zu befreien – und den Schatz der Vorväter zu requirieren: Smaug, der letzte der großen geflügelten Feuerdrachen, hat sich den Einsamen Berg und das darin befindliche Gold im Dritten Zeitalter einst widerrechtlich angeeignet, was insbesondere in den Zwergen, die daraus vertrieben wurden, ein gewisses Bedürfnis nach Rache weckte. Die Abordnung, die aus 13 kriegsbereiten Zwergen, einem Zauberer und einem zögerlichen Hobbit besteht, hat in der Wildnis einiges an Schlachten zu schlagen; man trifft auf grässliche Orks, fast tödliche Trolls und blutrünstige Wargen, auf allerlei Wesen mit schweren Hautschäden, spitzen Zähnen und blutunterlaufenen Augen.

Willkommen im Universum des fantasierenden Schriftstellers J. R. R. Tolkien.

Eine eigene Welt schuf der wunderliche britische Linguist, Schriftsteller und Illustrator Tolkien (1892–1973), unter Rückgriff auf europäische Sagen und versunkene Mythen „The Hobbit, or There and Back Again“, in der deutschsprachigen Erstausgabe schlichter „Der kleine Hobbit“ genannt, ist eines seiner frühen Werke, ein in den 1930er-Jahren konzipiertes Kinderbuch. Es wurde später mehrfach revidiert, um es der epischeren Tolkien-Saga „Der Herr der Ringe“ (1954) anzupassen.

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Zurück nach Mittelerde
Der neuseeländische Regisseur Peter Jackson, 51, arbeitet seit Jahren daran, an seinen Welterfolg, die dreiteilige Verfilmung von „The Lord of the Rings“ (2001–2003), direkt anzuschließen – und die alte Tolkien-Fantasy zur neuen Kino-Franchise weiter auszubauen. Das vergleichsweise schmale „Hobbit“-Buch gab ihm nun die Gelegenheit, zurück nach Mittelerde zu reisen, in jenen fiktiven Kontinent, dessen Westen von dem friedlichen Hobbit-Volk, kleinen Menschen mit großen Ohren, besiedelt ist. Die Abenteuer, von denen „The Hobbit“ berichtet, spielen 60 Jahre vor den Begebenheiten, die in „Der Herr der Ringe“ behandelt werden. Aber es wäre nicht Jackson, wenn er Tolkiens kleinen Roman nicht kurzerhand zum langfristigen Ereignis ausgebaut hätte. Das fast dreistündige Werk „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ ist nur der Einstieg in eine Serie, die bis in den Hochsommer 2014 reichen wird: Teil zwei, der in genau einem Jahr starten soll, wird „Der Hobbit: The Desolation of Smaug“ heißen, das für Juli 2014 angekündigte Finale „Der Hobbit: Hin und zurück“. Jacksons „Hobbit“-Serie ist keineswegs die erste Adaption dieses Stoffs: Gene Deitch fertigte ihn 1966 in bloßen zehn Minuten als Trickfilm ab, in den Jahrzehnten danach wurde Tolkiens Frühwerk in Videospielen und Fernsehfilmen abgehandelt.

Film-Mehrteiler erfreuen sich, wohl auch in Imitation der (dem Kino das Wasser gefährlich abgrabenden) Fernsehserien, seit einem guten Jahrzehnt schon großer Beliebtheit. Nach dem Ende der „Harry Potter“- und der „Twilight“-Filme hat sich der Bedarf nach dem nächsten großen Fantasy-Epos aktuell merklich erhöht. Mit Kritik sah sich Jackson dennoch schon im Vorfeld konfrontiert: Musste er aus einem schlanken Roman erneut drei – noch dazu überlange – Teile produzieren? Jackson erklärte umgehend: selbstverständlich. Mit Profitmacherei habe die Dreiteilung nichts zu tun, das liege am Buch selbst, das in halsbrecherischem Tempo erzählt sei und viele entscheidende Ereignisse auf zwei, drei Seiten abhandle.

Nicht zu vergessen: die Technik! Aufzeichnungsmaschinen-Aficionado Jackson unterzog die „Hobbit“-Story nicht nur einer 3D-Bearbeitung, sondern drehte auch mit neuen digitalen Hochfrequenzkameras, die 48 statt 24 Bilder in der Sekunde registrieren. Eine nie gesehene Intensität ergebe sich aus der „High Frame Rate“-Technologie, versprach der Regisseur schon vorab – „als hätte man ein Loch in die Kinowand geschnitten“. Da ist was dran: Die Bilder des ersten Teils der „Hobbit“-Trilogie sehen tatsächlich gestochen scharf, bisweilen fast schwindelerregend eindringlich aus. Allerdings ist es gerade die so betont elektronische Ästhetik, die diesem Film schwer zu schaffen macht: Die hochdefinierte Digitalbildwelt erinnert eher ans HD-Fernsehen als an großes Kino; die Sterilität der Oberflächen beraubt die Erzählung einer spezifisch filmischen Qualität.

Tüfteln bis zum Schluss
Der ungeheure Aufwand, den Jackson betrieben hat, wird dennoch sichtbar. 266 Tage nahmen allein die Dreharbeiten der ersten beiden Teile der – dem Vernehmen nach mit insgesamt 450 Millionen Dollar budgetierten – Trilogie in Anspruch. Mit dem Dreh hatte Jackson bereits 2011 begonnen und ihn bis in den Juli dieses Jahres gezogen. Bis zuletzt tüftelte Jackson an seinem Werk: Vor kaum zwei Wochen, nur Stunden vor der Weltpremiere, war die Feinabstimmung des ersten Teils abgeschlossen.
„Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ wird, wenn nicht alles täuscht, hinter den hohen finanziellen Erwartungen dennoch zurückbleiben; zu wenig unerwartet erscheint, wovon Jackson hier erzählt: von einer Welt, einem Stil und Figuren, die man aus „Der Herr der Ringe“ noch bestens in Erinnerung hat. Zudem hat Jackson einen fast einstündigen, allzu märchenhaft harmlosen Prolog gestaltet, der erzählerisch wie geografisch nicht vom Fleck kommt.

Im zweiten Teil des Films zieht der Regisseur die Spektakelschraube an und erzeugt mit gelungenem creature design und oft beeindruckenden Spezialeffekten immerhin szenenweise so etwas wie inszenatorischen Druck. Einige der recht heftigen Schlachtenszenen, die sich die zusammengewürfelte Truppe um Titelheld Bilbo Beutlin, den alten Zauberer Gandalf und den Krieger Thorin Eichenschild zumutet, bieten dann doch jene Entertainment-Raserei, die Jackson ins Auge gefasst hat.
Der Brite Martin Freeman verkörpert sympathisch, in der komischen Zuspitzung aber leise übertrieben den Hobbit Bilbo, an seiner Seite agieren etliche alte Bekannte aus dem „Herr der Ringe“-Kosmos: Ian McKellen ist erneut als Gandalf dabei, Cate Blanchett absolviert einen ätherischen Kurzauftritt als Galadriel, Christopher Lee, Elijah Wood und Andy Serkis tauchen ebenfalls am Rande auf – Letzterer erneut als Gollum – in einer schönen Höhlen-Rätselszene, in der der ominöse Goldring den Besitzer wechselt.

Die seltsame Karriere des Peter Jackson, der mit seinen 169 Zentimetern Körpergröße selbst eine Art Hobbit der Blockbuster-Industrie ist, führte über die Liebe zu Zombie- und alten Stop-Motion-Horrorfilmen und dem frühen Ruhm als Splatter-Comedy-Regisseur („Bad Taste“, 1987; „Braindead“, 1992) über seriösere Charakterstudien („Heavenly Creatures“, 1994) geradewegs in den Mainstream. Mit den drei „Herr der Ringe“-Filmen kam er Anfang der Nullerjahre zu Weltruhm (und zu seinem Regie-Oscar), seither gilt der Produzent und Filmemacher als einer der neben Steven Spielberg einflussreichsten Figuren des globalen Filmgeschäfts. Unpersönlich sind seine Arbeiten nicht: Man kann sogar in dem ultrakommerziellen Produkt „Der Hobbit“ da und dort Jacksons altes Interesse an der Form der Schockkomödie aufblitzen sehen, am Kinospiel mit dem sprichwörtlichen „schlechten Geschmack“. Ins Bild passt da auch der Umstand, dass der mexikanische Filmfantast Guillermo del Toro, als möglicher „Hobbit“-Regisseur lange erste Wahl, am Drehbuch mitgeschrieben hat.

Biblischer Kitsch
Jacksons Hyper-Fantasy kommt am Metaphysischen nicht vorbei, dafür sorgt die Vorlage: Der glühende Katholik Tolkien formulierte in seiner Literatur eine Meta-Religion mit künstlichem Paradies und drastischer Vorhölle. Die Filmversion des „Hobbit“ entspricht diesem Weltbild mit dem geradezu biblischen Kitsch seiner Landschaftsidyllen und Marienfiguren wie der Elbin Galadriel perfekt.

Die Naturpanoramen dieses Films gelten aber auch handfesteren Zielen. Der Inselstaat Neuseeland gibt auch in Zeiten der Krise (und angesichts stetig schwindender Bildungsbudgets) Unsummen fürs Kino aus – um sich vor der Welt als Filmfantasyland darzustellen. Die Pracht neuseeländischer Landschaften zelebriert Jackson jedenfalls in großem Stil. Die Tourismusbranche profitiert davon. Wellingtons Filmbezirk Miramar nennt man liebevoll bereits „Wellywood“. Und Peter Jackson ist Neuseelands Filmkaiser: eine Ikone, eine Galionsfigur mit internationaler Strahlkraft. Die in Wellington angesiedelte Special-Effects-Schmiede Weta Digital, an der Jackson beteiligt ist, trägt übrigens einen ironischen Namen: Sie wurde ausgerechnet nach einer neuseeländischen Heuschreckenart benannt.