„Skyfall“: Wiederauferstehung

Vier Jahre später folgt nun also Craigs dritter Bond-Antritt, lange verzögert wegen des Konkurses des MGM-Studios.

Der 15minütige Prolog in „Skyfall“, der eine Verfolgungsjagd durch Istanbul orchestriert (wo schon „From Russia With Love“ gedreht wurde), ist stärker, als alles, was in den beiden Stunden danach noch kommt – obwohl auch diese ersten Szenen schon so aussehen, als hätte man sie tausendfach gesehen: Chaos auf dem Marktplatz, auf Motorrädern über die alten Hausdächer, und ein Faustkampf auf dem Dach eines fahrenden Zugs. Die Zerstörungswut steckt an: Was ist schon das bisschen Weltkulturerbe gegen einen geheimdienstlichen Auftrag? Um Originalität kann es in der Retro-Welt des James B. nicht mehr gehen, erlaubt ist, was Spaß macht, und je simpler, desto besser. Der Rückbezug auf das halbe Jahrhundert Bond-Historie wird in „Skyfall“ bis zum Exzess betrieben – von Adeles shirleybasseyeskem Vortrag des Titellieds bis zu den Casino-Szenen und den Verweisen auf die fiktive und reale Biografie Sean Connerys. Das (leider sentimentale) Finale findet im alten Familienhaus Bonds statt – es steht in Schottland. Das Anwesen heißt „Skyfall“.

Mit dem Ableben Bonds kokettiert die Serie seit ihren frühen Jahren schon. In „Diamantenfieber“ drohte Connery, gefangen in einem Sarg, lebendig eingeäschert zu werden. So beginnt auch „Skyfall“ mit dem scheinbaren Tod des Agenten, genau wie „You Only Live Twice“. Natürlich ist er nicht tot, nur depressiv, daueralkoholisiert und weit weg von der westlichen Zivilisation – bis ihn sein Pflichtbewusstsein nach London zurückbringt. Bond meint, der geeignete Mann zu sein, eine von Terroristen gestohlene Festplatte zurückzuholen, die streng geheime Listen von Nato-Undercover-Agenten enthält. Aber der Held von einst ist angeschlagen, körperlich wie psychisch. Er macht sich dennoch auf den Weg.

„American Beauty“-Regisseur Sam Mendes inszeniert das alles halbwegs kompetent, aber er arbeitet mit einem Drehbuch, das mehr Lücken aufweist, als die Vernunft erlaubt. Um diesen Wettbewerbsnachteil einigermaßen in Schach zu halten, ist blondes Gift nötig: Es tritt in Gestalt des heiteren Javier Bardem in Szene. Gäbe es diese Figur nicht, „Skyfall“ wäre eine Niederlage. Die Szenen zwischen Craig und seinem dekadenten Widersacher sind, vor allem anfangs, fabelhaft; auch sie sind alles andere als originell, aber derart entwaffnend gespielt, dass man sich ihrer Wirkung kaum entziehen kann. Zudem ist die Fotografie dieses Films erstklassig: Coen-Brothers-Kameramanns Roger Deakins vollzieht damit sein Bond-Debüt.

Was sein Hobby sei, fragt der zwischen Freundlichkeit, Desillusionierung und Sadismus schillernde Javier Bardem den gefesselten Bond, der sagt nur kalt: „Resurrection“. Wiederauferstehung: Das ist präzise der Auftrag an seine Figur, aber nicht erst hier; es gehört länger schon einiges an hoher Kunst dazu, eine seit Jahrzehnten tote Filmfigur alle paar Jahre wieder ins Leben zurückzuholen.