Glücksritterspiele

Team Frank Stronach - Glücksritterspiele

Das Team Stronach läuft aus dem Ruder: Das Bodenpersonal rangelt um einträgliche Jobs, wichtige Berater springen ab und der Parteigründer gibt eher wirre Interviews.

Zuletzt soll es sogar zu Raufereien gekommen sein: In Innsbruck musste die Polizei ausrücken, um den örtlichen Spitzenkandidaten des Team Stronach, Hans-Peter Mayr, vor Handgreiflichkeiten eines zu kurz gekommenen Konkurrenten zu schützen. Denn Posten bei Frank sind gefragt: Rund 14.700 Euro kassiert ein Mitglied der Landesregierung, 6500 Euro brutto bringt ein Landtagsmandat, und ein Bundesrat bezieht immer noch 4080 Euro im Monat – da zahlt sich eine kleine Balgerei schon aus.
Frank Stronach und das Geld, das sich an seiner Seite verdienen lässt, ziehen allerlei Personal an, das gute Sitten vermissen lässt: Die Partei wird zusehends zum Tummelplatz von Glücksrittern. Seit bei den Landtagswahlen in Kärnten und Niederösterreich reiche Beute eingefahren wurde – zwei Sitze in den Landesregierungen, neun in den Landtagen und einer im Bundesrat –, gibt es kein Halten mehr.

Schuld am Tohuwabohu ist die verwirrende Personalpolitik des Langstreckenpendlers. Begonnen hatte das Chaos in Niederösterreich , wo Karin Prokop, Tochter der verstorbenen ÖVP-Innenministerin, per Telefonat aus Kanada als Spitzenkandidatin abgesetzt wurde: „Ich habe die Anweisung bekommen, mich komplett aus dem Wahlkampf rauszuhalten.“ Gleichzeitig mit Prokop raffte es auch Bezirkskandidatinnen dahin, wie etwa die Badenerin Sabina Hess, für die sogar schon Werbefolder gedruckt worden waren. Sie bekam nicht einmal einen Anruf und schon gar keinen Termin bei Frank.

Neuer starker Mann wurde Ernest Gabmann, 39, Sohn des früheren ÖVP-Landesrats, der Stronach vor der Wahl hymnisch besang: „Er zeigt Wege auf. In 99,9 Prozent der Fälle würde ich nicht anders handeln und reden als er. Jedes Gespräch mit ihm ist ein Erlebnis, bei dem man Energie tankt.“

Die Lässigkeit des Oligarchen
Gabmanns hingebungsvolles Lobhudeln blieb nach der Wahl unbedankt. Den Sitz in der Landesregierung bekam nicht Gabmann, hinter Stronach die Nummer zwei auf der Kandidatenliste, sondern die Nummer drei, Elisabeth Kaufmann-Bruckberger, 42, Heurigenwirtin aus Gumpoldskirchen. Kaufmann-Bruckberger war eine der Überläuferinnen vom BZÖ. Dort hatte sie 2005 und 2006 die parteieigene Werbeagentur Orange geleitet, an die damals sehr diskrete Zuwendungen der Telekom flossen. Stronachs neue Landesrätin will das gar nicht mitbekommen haben. Früher war sie mit Jörg Haiders Sekretär Karl-Heinz Petritz liiert gewesen. Als ihre politischen Vorbilder bezeichnete sie einmal Jörg Haider und den BZÖ-Rechtskatholiken Ewald Stadler.

Nicht einmal Klubobmann durfte Gabmann werden. Während des Wahlkampfs hatte Stronach den pensionierten Rechnungsbeamten Walter Laki, 62, schätzen gelernt. Er, so dekretierte der Chef von Kanada aus, sei von dem fünfköpfigen Abgeordnetenklub zum Obmann zu wählen. Ungünstigerweise hatte Laki nur Listenplatz Nummer acht und damit kein Mandat errungen. Also mussten vor ihm Gereihte auf das ihre verzichten. Frank Stronach selbst tat dies mit der Lässigkeit des Oligarchen: Er schickte einfach ein Fax an die Wahlbehörde, was für den Verzicht aber nicht genügte. Und weil die Frist für die Nominierung des Klubobmanns bereits ablief, wählten die Stronach-Abgeordneten doch Gabmann. Er war, als Frank aus Kanada zurückkam, seinen Job bald wieder los: Nach einer nachhaltigen Vergatterung durch den Milliardär stimmten die Mandatare mit drei zu zwei für Laki.

Dieser entpuppt sich nicht unbedingt als Zierde: Der Rechnungshofbeamte war mit 58 sanft in die Hacklerpension ­geglitten und hatte seither ein ­­­
Finanzdienstleistungsunternehmen namens „moneyline“ betrieben, spezialisiert auf Fremdwährungsgeschäfte, wie die ÖVP in Erfahrung gebracht haben will. Als Klubobmann braucht Laki keinen Nebenjob mehr: Sein monatlicher Bezug beträgt rund 11.500 Euro.

Um Money ging es auch bei einem vergangene Woche vom „Kurier“ aufgedeckten, freilich nicht unterschriebenen Vertrag zwischen dem früheren FPÖ-Obmann von Niederösterreich, Franz Marchat, und dem Team Stronach: Demnach stünden Marchat 814.000 Euro Abschlagzahlung zu, sollte er nicht Klubobmann (noch ein Kandidat!) werden. Später sei Marchat auf 100.000 heruntergehandelt worden. Bezahlt wurde bisher nichts.

Im Stronach-Stab war Entsetzen ausgebrochen, als der Chef im Februar Marchat, den erfolglosen FPÖ-Spitzenkandidaten bei der Wahl von 2003, in die Kampagne eingebunden hatte. Marchat habe erst unlängst ein Problem bei einem Alkotest gehabt, wurde Stronach hinterbracht. Wahrscheinlich sei der Test von Erwin Pröll manipuliert worden, habe der Patriarch abgewunken, berichten Augenzeugen.

Begossene Pudel
Nicht weniger chaotisch läuft es in Tirol: Dort schaffte es Verwirrungsweltmeister Stronach, gleich vier Listen mit seinem Namen auf den Plan zu rufen. Die Wahlbehörde gab ausgerechnet jener den Vorzug, der die Partei schon die Gunst entzogen hatte, jener des 37-jährigen Juristen Hans-Peter Mayr. Mayr irrlichtert seit Jahren durch die politische Peripherie. 2006 war seine Partei „Neutrales Freies Österreich“ bei den Nationalratswahlen angetreten. Das Programm – christlich, gegen zu moderne Kunst und für einen EU-Austritt – begeisterte 0,2 Prozent der Wähler. Auch aus einer von Mayr angestrebten Volksabstimmung über den Türkei-Beitritt wurde nichts.

Als der schon vor Wochen per Telefon abgesetzte Mayr die Anerkennung durch die Wahlbehörde bekam, weilte Big Frank noch in Kanada. Für Sperrfeuer sorgte sein Stab: Kommunikationsberater Rudolf Fußi stornierte sofort alle Plakate und drohte dem frechen Usurpatoren des großen Namens mit dem „Dritten Weltkrieg.“ In der Parteizentrale wurde man konkreter und kündigte Mayr eine Schadensersatzklage in der Höhe von 370.000 Euro an. Als sich Stronach anschickte, in Tirol selbst nach dem Rechten zu sehen, bezifferte Klubobmann Robert Lugar die Chance, sich mit Mayr zu einigen, auf „eins zu zehn.“

In Tirol ließ Mayr zu Stronachs Empfang Kinder in Dirndlkleidern auftanzen, die Funktionäre trugen zünftige Janker. Das mag er, der Frank. Wenig später war Mayr auch ganz offiziell Kandidat, „weil er unsere Werte unterstützt“. Stronachs Berater standen da wie die begossenen Pudel. Kommunikationschef Fußi und General Manager Stefan Wehinger, früher „Westbahn“, warfen das Handtuch.

Kern des Problems sei Stronach selbst, erzählen Eingeweihte. Seine Aufmerksamkeitsspanne entspreche jener eines Kindes, und er lebe in einer Welt, die es seit 40 Jahren nicht mehr gibt. So habe man ihn nur mit Mühe davon abhalten können, einen Passus ins Parteiprogramm zu schreiben, wonach kein Kind hungrig in die Schule gehen dürfe. Auch die sanfte Kritik an seinen Erzählungen von „Negerbabys aus New Orleans“, denen er nach der großen Flut geholfen habe, habe er nicht verstanden. Warum solle er nicht „Negerbabys“ sagen? Besonders schätzt er derzeit seine steirische Spitzenfrau Waltraud Dietrich, eine zünftige Bäuerin. Sie war wie viele seiner Funktionäre früher bei der FPÖ, war 2002 beim Putsch in Knittelfeld mit von der Partie und bis 2005 Klubobfrau im Landtag. Mit Strache kam sie nicht mehr zurecht. Dass sie Stronach hymnisch besingt („Ich kenne keine Persönlichkeit, die weltweit so viel geleistet hat“), gereicht ihr nicht zum Nachteil.

Auch der „Kronen Zeitung“ wird es bei Stronach nicht schaden, wenn sie klebrige „Reportagen“ wie jene von vergangener Woche in der „Krone bunt“ druckt. Leseprobe: „Er schwingt das Wort, das das Land verändern, ja zum Besseren wenden soll … Der Redner ist in seinem Element, auffallend staatsmännisch pariert er provokante Fragen aus dem Auditorium und lässt sich auch durch bewusste Sticheleien nicht aus der Reserve locken.“

Das Publikum sieht das etwas anders: Laut einer Karmasin-Umfrage von vergangener Woche haben 41 Prozent der Österreicher einen schlechteren Eindruck von Stronach als vor seinem Eintritt in die Politik; nur bei zehn Prozent hat sich das Bild des Milliardärs verbessert. Und der Wahlkampf dauert noch lange.

Hintergrund

Frank im O-Ton

Interview Armin Wolf mit Frank Stronach am 9. April 2013 im ORF („ZIB 2“).

Wolf: Sie wollen die Verwaltungskosten in Österreich jedes Jahr um fünf Prozent senken. Wie viele Milliarden wären das?
Stronach: Das sind viele Milliarden.
Wolf: Ja, wie viel?
Stronach: Wir müssen … Die Leute wollen auch verstehen … Wir sagen, das ist eine Wirtschaftsfrage. Und ich glaube, die Wirtschaft verstehe ich.
Wolf: Herr Stronach.
Stronach: Und ich weiß auch, Sie sind ein ­guter Reporter, aber die Wirtschaft verstehen Sie nicht ganz.
Wolf: Herr Stronach.
Stronach: Ich gebe Ihnen gerne etwas Wirtschaftsnachunterricht.
Wolf: Gut. Ich habe ein bisserl Wirtschaft ­studiert.
Stronach: Ein bisschen, das genügt ja nicht.
Wolf : Ich möchte noch einmal gerne wissen: Wie viel der österreichischen Verwaltungskosten können Sie einsparen?
Stronach: Sie haben ein Problem: Sie wollen immer ja oder nein. Ich könnte auch sagen…
Wolf: Nein, es muss gar nicht ja oder nein sein.
Stronach: Sagen Sie mir ja oder nein: Ist
der ORF wirtschaftlich sehr gut geführt?
Wolf: Herr Stronach. Herr Stronach.
Stronach: Sagen Sie mir ja oder nein.
Wolf: Herr Stronach, ein Interview besteht aus einem Interviewer, der die Fragen stellt. Das bin ich.
Stronach: Sie sind Staatsangestellter.
Wolf: Nein, ich bin kein Staatsangestellter.
Stronach: Sie sind beim ORF. Dann ist es halt eine verdeckte Anstellung.
Wolf: Herr Stronach.

Interview Thomas Mohr und Corinna Milborn mit Frank Stronach am 9. April 2013 auf Puls4 („Guten Abend ­Österreich“).

Mohr: Bei Abschaffung der Körperschaftsteuer fehlen auf einen Sitz 5,8 Milliarden. Wie füllen Sie das auf?
Stronach: Nein, nein, nein, wir müssen … noch einmal nein, nein, nein. Ihr müsst das ver­stehen. Wir müssen…
Mohr: Ich versuch’s.
Stronach: Ja eh.
Mohr: Sie müssen erklären, wo das Geld …
Stronach: Da werden irgendwie so zensurnelle Fragen, wo eigentlich. Wir müssen da näher rein. Und um was es sich wirklich dreht. Also … wichtig ist, dass die Wirtschaft angekurbelt wird.
Milborn: Aber, Herr Stronach, wir haben uns ausgerechnet, was das den Staat kostet. Das sind diese 5,8 Milliarden. Sie sagen, Sie ­wollen das durch Einsparen von Posten in der Verwaltung reinbringen. Dafür müssen sie fast 60.000 sehr gut bezahlte Beamte rauswerfen.
Stronach: Bitte, hört mir zu. Wenn ihr mir nicht zuhört, werdet ihr die Wirtschaft nie verstehen. Was ich gesagt habe: Wir müssen die Verwaltung reduzieren und gleichzeitig die Wirtschaft ankurbeln. Und die Wirtschaft wird von drei Kräften getrieben. Ich wiederhole das noch einmal.
Mohr: Wir haben leider keine Zeit mehr, Herr Stronach.