„The Master“: Kicks und Ticks

Paul Thomas Andersons Sektendrama „The Master“ analysiert poetisch das Wesen der Verblendung. Einen irrwitzigeren Film als diesen wird man derzeit nicht finden.

Wollte man die geradezu maßlose Kunstfertigkeit des jüngsten Films von Paul Thomas Anderson („Magnolia“; „There Will Be Blood“) auch nur annähernd angemessen würdigen, man müsste den Rahmen dieser Seiten sprengen. Der kalifornische Regisseur bestätigt sich mit seinem fünften Film nicht nur erneut als Ausnahmetalent des US-Gegenwartskinos; er erweist sich vielmehr als Virtuose einer Experimentierlust, die über das Format dessen, was man „Spielfilm“ nennt, entschieden hinausweist. „The Master“ berichtet von der Bildung einer spirituellen Neigungsgruppe, die sich wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs um einen (von Philip Seymour Hoffman dargestellten) autoritären Führer bildet.

Natürlich geht es in „The Master“ um die Geschichte der Scientology-Kirche und ihres Gründers L. Ron Hubbard, auch wenn diese, wohl aus rechtlichen Gründen, nie genannt werden; aber der Film ist viel mehr als nur die Studie einer Sekte: Anderson orches­triert hier, begleitet von der avancierten Musik Jonny Greenwoods, ein ins Surreale weisendes Zeitbild, das mit magischem Farbeinsatz, assoziativen Schnittfolgen und gewagten Bildkompositionen tief in das poetische Potenzial des Kinos reicht. Und was allein Joaquin Phoenix als verstörter Kriegsheimkehrer, der dem Charisma des Sektenführers verfällt, in seiner Performance an Ticks und Macken aufbietet, ohne dabei an Glaubwürdigkeit zu verlieren, hat in der Filmgeschichte kaum einen Vergleich. Hoffman ist ihm ein kongenialer Partner: ein unberechenbarer Monomane, ein Soziopath und Manipulator. Es geht in „The Master“ tatsächlich um Meisterschaft auf jeder ­Ebene.