Thomas Piketty: "Mir liegt nicht sehr viel an Geld"

Thomas Piketty: "Mir liegt nicht sehr viel an Geld"

Der französische Bestsellerautor Thomas Piketty über zu viel Ungleichheit, eingesperrte Oligarchen, Österreichs Nischen und Businessclass-Tickets.

Interview: Tessa Szyszkowitz

profil: Ein linker Professor aus Frankreich wird plötzlich zum Rockstar unter den Ökonomen. Wie kommt das?
Thomas Piketty: Es hat wenig damit zu tun, dass ich Franzose bin. Mein Buch, "Das Kapital im 21. Jahrhundert" ist eine breit angelegte, historisch fundierte und vergleichende Geschichte des Geldes. Mit dem Vorteil: Man muss kein Wirtschaftsexperte sein, um es lesen und verstehen zu können. Demnächst wird es das Buch in 30 Übersetzungen geben. Es gibt offenbar ein großes Interesse an der Demokratisierung des Wissens. Der Charme des Buches ist seine internationale Perspektive. In Korea verkauft es sich noch besser als in Amerika.

profil: Die populistische Forderung "Besteuert die Erben!" ist nicht Kalkül?
Piketty: So leicht haben wir uns das nicht gemacht. Dieses Buch ist die Arbeit von Generationen von Ökonomen. Wir haben eine breite Basis an Daten zusammengestellt. Aus diesen Zahlen habe ich geschlossen, dass ererbtes Kapital schneller wächst als erarbeitetes Geld. Diesen Trend müssen wir umkehren. Es braucht starke Institutionen, die den freien Markt regulieren, damit das Gemeinwohl gewahrt wird. Und dafür braucht es hohe Steuern auf Kapital und Vermögen.

profil: Für diese Vorschläge wurden Sie als Marxist gegeißelt.
Piketty: Wer das sagt, dem empfehle ich einen Blick in mein Buch. Dort zeigen wir nämlich, dass hohe Steuern nicht in der Sowjetunion erfunden wurden, sondern in den USA. Die amerikanische Regierung hatte nach dem Zweiten Weltkrieg ein progressives Steuersystem verordnet, die höchste Steuerrate lag bei 90 Prozent - weil sie dachte, dass sonst eine Plutokratie entsteht. Ich bin nicht gegen eine gewisse Ungleichheit. Das schafft Druck, sich mehr anzustrengen. Zu viel Ungleichheit aber schadet der Demokratie.

profil: Dass Ungleichheit in der Vermögensverteilung zu einer Spaltung in der Gesellschaft führt und der Demokratie schadet, hat der britische Ökonom Anthony Atkinson lange vor Ihnen festgestellt. Er bekam für seine Armutsstudien einen Orden von der Königin, Sie aber wurden bei Ihrer Vorlesung an der London School of Economics von Ihren Fans wie ein Teenie-Idol gefeiert.
Piketty: Mich freut mehr, dass sich etwa die brasilianische Regierung durch mein Buch gezwungen sah, statistische Daten online zugänglich zu machen. Aber Sie haben Recht: Tony Atkinson ist nicht nur der Pate der Erforschung der Armut, sondern auch des modernen Einkommens. Er publizierte seine Geschichte des Vermögens im Jahr 1978. Im Gegensatz zu ihm profitiere ich heute von den Vorteilen der Digitalisierung. Deshalb habe ich es viel leichter, global wahrgenommen zu werden.

profil: Mittlerweile sieht sogar der Internationale Währungsfonds viel Potenzial in Vermögenssteuern.
Piketty: Weltweit beginnt man darüber nachzudenken, wie man mit damit umgehen soll, dass die Reichsten an der Spitze der Gesellschaft immer reicher werden. In China entwickelt sich die Konzentration von Reichtum rasant, dort versucht die Führung es derzeit noch mit der russischen Variante: Ab und zu wird ein Oligarch eingesperrt, wenn er politisch zu sehr engagiert ist. Das ist nicht unbedingt die effizienteste Art, eine Gesellschaft zu regulieren. Deshalb überlegen die Chinesen, Steuern auf Eigentum und Erbe einzuführen. Das hat China bis jetzt nicht. Aber gerade in Staaten mit Ein-Kind-Politik haben Erbschaften imminente Bedeutung.

profil: Frankreichs Präsident François Hollande hat eine 75-Prozent-Steuer für Millionäre eingeführt. Sie funktioniert nicht. Das widerlegt doch Ihre These.
Piketty: Ich war noch nie ein Freund der 75-Prozent-Steuer. Es war sinnlos, sie einzuführen, weil nur sehr wenige Menschen in Frankreich so viel verdienen. Die Wirtschaft hat diese Steuer aber nicht abgewürgt. Das waren die Mehrwertsteuern, die Hollande und sein Vorgänger Nicolas Sarkozy eingeführt haben.

profil: Ihr Schüler Gabriel Zucman fordert in seinem Buch, ,Steueroasen“-Länder wie Luxemburg aus der EU zu werfen, falls diese ihre Politik nicht ändern. Wäre das eine gerechtfertigte Maßnahme?
Piketty: Es kann keinen freien Handel ohne einen Austausch von Informationen geben. Wie soll man grenzüberschreitend Besitz ohne fiskalische Kooperation erlauben? Wenn Sie autark leben wollen, Ihre Karotten und Kartoffeln nur aus dem eigenen Garten essen, bitte sehr. Im Prinzip ist es ja eine gute Idee, mit den Nachbarn Handel zu treiben. Man darf diesen Nachbarn dabei aber nicht die Steuerbasis klauen. Das ist Diebstahl.

profil: Österreich wird in Ihrem Buch nur ein Mal genannt: In Zusammenhang mit dem noch immer nicht vollständig aufgegebenen Bankgeheimnis. Soll man Österreich auch aus der EU werfen?
Piketty: Jedes kleine Land versucht seine Nische zu finden. Multinationale Firmen suchen ihren Standort dort, wo die Steuern am niedrigsten sind. Und Steuerflüchtlinge veranlagen gerne dort, wo nicht so genau nachgefragt wird. In den europäischen Staaten wird Arbeit hoch besteuert. Der Normalverdiener kann aber nicht einfach umziehen. So wird er praktisch zum Steuergefangenen. Das ist doch enorm ungerecht!

profil: Was schlagen Sie also vor?
Piketty: Die Zukunft Österreichs liegt in der Innovation. In einer Gesellschaft, die neue Schulen gründet und in Universitäten investiert. Steueroasen machen dabei gar keinen Sinn. Ich will aber nicht Länder wie Luxemburg oder Österreich anschwärzen. Es sind unsere Institutionen in Europa, die nicht funktionieren.

profil: Bis die EU ihre institutionelle Krise gelöst hat, werden wir wohl nicht mehr das Kapital im 21., sondern jenes im 22. Jahrhundert diskutieren.
Piketty: Ich bin nicht so pessimistisch wie Sie. Wir brauchen eine Politische Union und zwar vor allem zwischen den Staaten der Euro-Zone. Sonst wird jedes Land immer sein eigenes Spielchen treiben. Das ist ja nicht nur mit Österreich der Fall. Schauen Sie sich Frankreich an: Wir wollten immer noch Waffen an Russland verkaufen - obwohl Russland gerade die Ukraine überfallen hatte. Es ging dabei um eine Milliarde Euro. Das ist nicht viel, wenn Sie bedenken, dass das Bruttonationalprodukt Frankreichs 2000 Milliarden beträgt. Doch es hat Monate gedauert, bis man den Verkauf gestoppt hat.

profil: Sie treten für eine Stärkung der europäischen Institutionen ein. Wie realistisch ist das?
Piketty: Es geht nicht anders. Wir brauchen ein eigenes Eurozonen-Parlament, das mit Abgeordneten aus den nationalen Parlamenten beschickt wird. Diese Volksversammlung würde andere Dinge beschließen als der EU-Rat. Sie hätte niemals die Sparmaßnahmen beschlossen, welche die deutsche und französische Regierung den Krisenstaaten aufgezwungen haben. Eine völlig verfehlte Politik. Wenn die Staatschefs das Schicksal Europas hinter verschlossenen Türen verhandeln, erinnert das an den Wiener Kongress zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Im 21. Jahrhundert ist es aber nicht mehr zeitgemäß, über die Köpfe der Völker hinweg zu entscheiden.

profil: Sie haben die Bestellung Jean-Claude Junckers zum EU-Kommissionspräsidenten scharf kritisiert. Obwohl er ebenfalls ein starker Befürworter weiterer Integration ist.
Piketty: Solange er Luxemburgs Regierungschef war, hat er den automatischen Informationsaustausch über Bankkonten abgelehnt. Wird er jetzt, als Kommissionspräsident, anders darüber denken? Wie Angela Merkel stammt Juncker aus einer Generation, für welche die EU vornehmlich aus einem Grund gut war: Als Friedensprojekt. Nun müssen wir aber weiterdenken und unsere Institutionen dem Kapital des 21. Jahrhunderts anpassen.

profil: Ist Ihre Theorie überhaupt valide? Die, ,Financial Times“ hat Ihre Arbeit zerfetzt und Rechenfehler aufgezeigt.
Piketty: Die, "Financial Times" hat sich blamiert. Es gab keine Fehler.

profil: Nach Durchsicht Ihrer Daten kam der Wirtschaftschef der Zeitung zu dem Schluss, dass die Werte keine Tendenz zeigen würden, derzufolge sich die Ungleichheit der Vermögen seit dem Jahr 1970 erhöht hätte.
Piketty: Ich habe auf die Vorwürfe sehr detailliert geantwortet. Jeder, der das liest, wird mir zustimmen. Alle Vermögensstatistiken, ganz besonders jene in Großbritannien, belegen doch, dass die Reichsten an der Spitze der Gesellschaft schneller reich werden als der Mittelstand. Es ist dumm, sich dieser Tatsache komplett zu verweigern. Selbst die konservativen "Financial Times"-Leser fanden diesen Frontalangriff ungerecht und beschwerten sich. Ich glaube, er hat der Zeitung mehr geschadet als meinem Buch.

profil: Hat die Attacke sogar genützt?
Piketty: Aber ja. Sie hat jedenfalls sehr viel Gratiswerbung gebracht. Jetzt will mir die "Financial Times“ den Preis für das beste Buch 2014 überreichen.

profil: Würden Sie annehmen?
Piketty: Ich bin mir nicht sicher, ob ich da nicht terminlich verhindert wäre.

profil: Wovon wird Ihr nächstes Werk handeln?
Piketty: Für mich ist es noch zu früh, darüber nachzudenken. Derzeit beschäftige ich mich mit der Vermarktung dieses Buches. Außerdem arbeiten wir an dem Material weiter.

profil: Der Erfolg hat Sie in die Oberliga der Spitzenverdiener katapultiert. Geld korrumpiert, heißt es. Wie ist das bei Ihnen?
Piketty: Bei meinen Reisen fliege ich normalerweise Economy, aber wenn mich jemand nach China einfliegen will und darauf besteht, mir ein Businessclass-Ticket zu zahlen, nehme ich das an. Mir liegt nicht sehr viel an Geld. Ich habe für meine Begriffe auch zuvor genug verdient. Mehr brauche ich eigentlich nicht.