© Alexandra Unger

Gespräch
06/05/2020

Wie die Coronavirus-Krise Gastronomen und Hoteliers fordert: "Das holpert"

Vom Drei-Sterne-Koch zum Clubbetreiber: Gastronomen und Hoteliers leiden massiv unter der Coronavirus-Krise und klagen über zu wenig Unterstützung. Sechs namhafte Branchenvertreter schildern im Gespräch mit Christina Hiptmayr und Stefan Melichar ihre Situation.

von Christina Hiptmayr , Stefan Melichar

profil: Herr Amador, nehmen wir an, bei Ihnen sitzt der Bundespräsident. Der übersieht die Uhrzeit, und es ist 23 Uhr. Wie erklären Sie ihm denn, dass er jetzt zahlen muss und heimgehen soll?
Amador: Wenn es tatsächlich der Bundespräsident ist, dann sag ich nix. Nein, im Ernst: Das funktioniert völlig unproblematisch. Die Leute kommen gar nicht auf die Idee, länger sitzen zu bleiben. Wir bringen kurz vor 23 Uhr die Rechnung, und wenig später sind wir leer.

profil: Wie sind die ersten Erfahrungen nach der Wiedereröffnung?
Amador: Ich bin eigentlich zufrieden. Das Ziel ist, plus/minus null zu fahren. Aber das ist ein großes Ziel. Wir haben ja nicht freiwillig geschlossen, wir mussten ja. Und das gerade in einer Phase, wo es sensationell lief. Das ist schon bitter. Wir haben jetzt sechs Leute weniger auf der Payroll, weil wir geplante Kündigungen im Februar nicht nachbesetzt haben. Und wir haben vier Tische weniger und außerordentlich viel Abstand, um den Leuten die Angst zu nehmen. Wir machen auch - außer samstags - nur noch abends auf. Mittags haben wir bisher von den Touristen gelebt, denn der Geschäftsmann fährt hier nicht raus. Die Zeit hat er gar nicht. Also alles ein bisschen redimensioniert.

profil: Wie hat sich bei Ihnen die Kundenzahl im Vergleich zu davor entwickelt, Frau Funk?
Funk: Desaströs. Es sind zwischen zehn und 25 Prozent, je nach Wetter. Bei schönem Wetter ist der Schanigarten gut gefüllt, aber die Gäste sitzen dann Stunden bei einer Melange. Die Kaufkraft der Wiener ist schon eine andere als die der Touristen.

profil: Das Hauptproblem sind also die fehlenden Touristen?
Funk: Absolut. Wir sind weit entfernt, kostendeckend zu arbeiten. Aber wir wollten das Lokal, das es seit 60 Jahren gibt, nicht zusperren und darauf warten, dass vielleicht wieder Touristen kommen.

Hummel: Bei uns war die erste Woche gar nicht so schlecht, da hatten wir einen Umsatzrückgang von 1,7 Prozent. Aber am Wochenende haben wir die Wahrheit ins Gesicht geknallt bekommen, da hatten wir über 60 Prozent Einbruch. Ich schätze, wir werden uns bei 70 bis 80 Prozent des Vorjahresumsatzes einpendeln. Wir sind in der Josefstadt auch nicht so von Touristen abhängig. Aber ich sitze hier auch als Klubobfrau der Wiener Kaffeehausbesitzer mit rund 120 Mitgliedern. Die meisten der Betriebe befinden sich in der Innenstadt, gerade die Traditionsbetriebe, und die haben zehn Prozent des Umsatzes vom Vorjahr, wenn es gut geht 20 Prozent. Einige haben komplett zugesperrt, wie das Café Bräunerhof, das Westend, das Diglas und das Museum.
Schopper: Ich habe gegenüber dem Umsatz von 2019 ein Plus von 25 Prozent. Mit einer Champagnerbar bediene ich ein Nischensegment. Ich habe eine gut aufgebaute Stammklientel, und lustige Marketingaktionen haben mir nachweislich Neukunden gebracht. Aber da bin ich Solitär. Bei mir gibt es auch eine andere Pro-Kopf-Konsumation als im Kaffeehaus.

Imhof: Wir, also die Nachtgastronomie, waren die Ersten, die zugesperrt wurden, und werden die Letzten sein, die aufsperren dürfen. Und mit uns wurde, außer vonseiten des Gesundheitsministeriums, nicht geredet. Die Frustration ist sehr groß, weil es überhaupt keine Planungssicherheit gibt. Da ist es zynisch, wenn an meine Kreativität als Kaufmann appelliert wird. Ich habe eine Diskothekenlizenz, mit der ich von 22 bis 6 Uhr geöffnet haben darf. Da kann ich meine Kreativität gerade einmal eine Stunde ausleben. Ich hoffe, dass die Sperrstunde irgendwann auf zwei Uhr verlegt wird, damit wenigstens die Kollegen mit den kleinen Bars in irgendeiner Form Umsatz lukrieren können. Wenn man Clubs kennt, weiß man, dass hier ein Vollbetrieb sehr lange nicht möglich sein wird. Ich weiß nicht, wie lange Unternehmen diesen Zustand aushalten können. Das ist eine gesellschaftliche Frage, ob man die Clubszene erhalten will oder nicht. Wir werden oft in die Schmuddelecke gerückt. Dabei wird vergessen, dass da auch sehr viele heimische Künstlerinnen und Künstler dranhängen, die jetzt auch keinen Job haben. Wien ist eine Stadt, in der eine elektronische Musikkultur existiert, die auch erhaltens-und schützenswert ist. Das ist auch bei den Touristen im jüngeren Alterssegment ausschlaggebend, wie attraktiv und urban die Stadt wahrgenommen wird.

profil: Herr Stallmajer, und Sie bereiten sich auf die Öffnung Ihres Hotels vor?
Stallmajer: Genau. Die Gastronomie haben wir seit 15. Mai offen. Da liegen wir bei ungefähr 30 Prozent des Umsatzes vom Vorjahr, da geht es mir im Vergleich zu anderen Innenstadtbetrieben noch relativ gut. Aber uns trifft, dass viele Leute im Homeoffice sind. Das Hotel öffnen wir mit 29. Mai. Von der Regierung wird es immer so dargestellt, als wäre das jetzt die große Erlösung für die Hotellerie. Das mag am Land oder am See so sein, was ich auch bezweifle, aber in der Stadt ist es desaströs. Denn wer soll jetzt reisen, solange die Grenzen dicht und keine Fluglinien unterwegs sind. Bei den ganz wenigen Reservierungsanfragen, die wir haben, wird schon im Vorfeld erfragt, wie wir es mit den Hygienemaßnahmen halten. Die Leute sind total verunsichert.

Schopper: Das Thema Angst ist ein Wesentliches, auch langfristig. Wir haben hier Vertreter sitzen, die sehr stark von Touristen abhängig sind, aber jetzt nur auf lokale Konsumenten zurückgreifen können. Laut Umfragen sind es 30 bis 40 Prozent, die derzeit aus Angst die Gastronomie nicht aufsuchen. Die Touristen fallen weg, und die Regierung produziert Arbeitslose. Und wer arbeitslos ist, hat dementsprechend weniger Geld. Wir müssen mit 20 bis 30 Prozent des Publikums agieren, die sollen also unsere Lokale finanzieren. Das wird sich nicht ausgehen. Wir werden wahrscheinlich im Herbst die erste große Schließungswelle haben. Ich rechne in der Wiener Innenstadt mit 50 Prozent Schließungen im Handel und in der Gastronomie. Es fehlt eine Langfriststrategie seitens der Regierung, damit die Gäste, die noch Geld haben, auch kommen. Es geht nicht nur um Umwegrentabilität. Die Gastronomie ist auch ein wesentlicher sozialer und gesellschaftlicher Faktor. Deswegen kämpfe ich dafür, dass hier stärkere Unterstützung kommt. Ich selbst kann jederzeit was anderes machen.

Amador: Ich nicht!
Schopper: Dann wirst du mein Hauskoch.
Funk: Auch die Intensität und Rigorosität, mit der getrommelt wurde: Wenn ihr in die Gastronomie geht, gefährdet ihr euer Leben. Und gleichzeitig heißt es jetzt: Geht raus und unterstützt euren Wirten.
Stallmajer: Die Iren, die mit ihren Infektionszahlen auch nicht so schlecht dastehen, haben nicht auf Angst gebaut. Der Slogan war: We are in this together. Die haben schon im Vorfeld auch für Gastronomie und Hotellerie eine positive Stimmung aufgebaut.

profil: Frage in die Runde: Welche Unterstützungsleistungen haben Sie beantragt, und was haben Sie bekommen?
Schopper: Also es ist schon einmal eine Frechheit, dass das als Wirtshaus-Paket bezeichnet wird. Das ist vom Terminus genau dorthin gerichtet, wo die ÖVP-Wähler sind - am Land. Ich habe als Ein-Personen-Unternehmen keine Angestellten, das hat mir wirklich sehr geholfen. Den Härtefallfonds 1 habe ich beantragt, das ist sehr reibungslos gegangen, und ich hatte 1000 Euro am Konto. Härtefallfonds 2 habe ich mir angeschaut, aber das ist ein bürokratischer Hürdenlauf. Wenn man sich das durchrechnet, wären da ein paar Hunderter rausgekommen, da pfeife ich wirklich drauf. Den Fixkostenzuschuss werde ich noch beantragen, und von der Bank habe ich jetzt grünes Licht für einen Überbrückungskredit bekommen.

 


Stallmajer: Wir haben für alle Mitarbeiter Kurzarbeit umgesetzt und haben einen Überbrückungskredit mit 80 Prozent Haftung. Meine Hausbank war sensationell, die wollte keine Sicherheiten von mir persönlich über die restlichen 20 Prozent, sondern ging selbst ins Risiko, weil wir in der Vergangenheit gut performt haben. Der Fixkostenzuschuss ist für uns wahnsinnig wichtig, weil wir im 1. Bezirk eine enorm hohe Pacht haben. Da wurde uns zwei Monate die Karotte vors Gesicht gehängt, aber im Ergebnis, wenn man sich das vom Steuerberater durchrechnen lässt, bekommt man eigentlich nichts.
Imhof: Das Thema Kurzarbeit griff bei uns gar nicht. Wir haben 13 Angestellte, die aber alle unter 13 Stunden angemeldet sind. Damit gab es für uns kein taugliches Kurzarbeitsmodell. Das heißt, wir haben unser gesamtes Personal gekündigt. Da wir einen 100-prozentigen Ausfall hatten, mussten wir das auch tun. Aber wir haben den Mitarbeitern eine Wiedereinstellungsgarantie gegeben. Ich glaube allerdings nicht, dass wir dieses Jahr überhaupt noch aufsperren können. Aus dem Härtefallfonds habe ich 1000 Euro bekommen.

Amador: Wir haben auch Kurzarbeit. Der März ist bereits abgerechnet, April noch nicht. Aber dafür müssen wir ja auch in Vorlage gehen. Letztes Jahr war Gott sei Dank fantastisch, sonst wäre es eng geworden. Mit viel Kampf haben wir über die ÖHT (Anm.: Österreichische Hotel-und Tourismusbank) einen Überbrückungskredit mit 80 Prozent Haftung bekommen, 20 Prozent musste ich reinlegen. Es wird mindestens ein Jahr dauern, bis es wieder einigermaßen normal wird. Das ist nicht in ein paar Wochen oder Monaten vorbei. Und so was hier am Laufen zu halten, ist teuer. Das war es vorher schon, und jetzt wird es noch teurer.
Hummel: Für meine Mitarbeiter habe ich Kurzarbeit beantragt, jetzt bin ich gerade dabei, für den Fixkostenzuschuss einzureichen. Aber ich als Unternehmerin und Alleinerzieherin mit einem fünfjährigen Sohn habe noch gar nichts bekommen. Es ist leider wirklich so, dass wir Selbstständige momentan am Ende der Nahrungskette stehen. Wir haben keine Planungssicherheit bei solchen 100-prozentigen Ausfällen. Und wir bekommen kein Geld vom AMS. Hier braucht es dringend auch eine Lösung. Wir alle haben Familien. Wir alle haben eine Privatwohnung und Geschäftslokale zu finanzieren.

Imhof: Man hätte sagen müssen, der Mietzins wird ausgesetzt. Gerade für Gastronomiebetriebe ist das essenziell. Ich habe Kollegen im 1. Bezirk, die zahlen für 60 Quadratmeter Barbetrieb 12.000 Euro im Monat. Wie soll sich das ausgehen, wenn sie einen Totalausfall über sechs Wochen haben? Und dann wird vonseiten der Politik gesagt, man kann ja den Kontakt mit dem Vermieter suchen.
Hummel: Warum wurde der Fixkostenzuschuss nicht im Vorhinein ausbezahlt? Die Behörden haben unsere Zahlen bei der Hand. Man hätte eine Vorabsumme geben und im Nachhinein abrechnen können. Die Schweiz hat es so vorgemacht: zehn Prozent des Nettoumsatzes des Vorjahres wurden sofort ausbezahlt, völlig unbürokratisch.

Stallmajer: Und mit 100 Prozent Staatshaftung.
Hummel: Wir bekommen stückchenweise jeden Monat ein paar Brösel hingeschmissen. Damit wir Unternehmer ein bisschen was zu kiefeln haben.

Stallmajer: Der Überbrückungskredit, den ich bekommen habe -das ist schon schön, den habe ich auch dringend gebraucht. Nur: Hätte ich in den letzten drei Jahren das an Gewinn gemacht, was ich jetzt als Überbrückungskredit bekommen habe, den ich in drei Jahren abbezahlen muss, dann hätte ich ihn nicht gebraucht. Auch die Stundungen der Steuern sind in drei Monaten fällig - bei drei Monaten Totalausfall.
Amador: Ausgerechnet jetzt kommt das 13. Gehalt und später das 14. Das sollte per se steuerbefreit sein. Die Mitarbeiter bekommen ihre Nettogehälter, aber es fallen keine Sozialversicherung, Steuern etc. an. Der Mitarbeiter lebt zwölf Monate, warum soll er für 13 und 14 Monate Krankenversicherung zahlen, das ist per se deppert. Aber gerade jetzt sollte das steuerfrei sein. Das würde jedem helfen. Dann braucht es auch keine Haftungen für Kredite.

profil: Nachdem die Gastronomie in Wien zu großen Teilen von Touristen abhängig ist, macht denn die Politik den Menschen in Österreich ausreichend Lust auf Urlaub in Wien?
Funk: Das ist an mir vorüber gegangen.

Stallmajer: Ich habe das Gefühl, dass vonseiten des Tourismusministeriums alles getan wird, um der Ferienhotellerie am Land zu helfen und dem kleinen Privatzimmervermieter, was auch wichtig ist, gar kein Thema. Ich vermisse die Motivation, in Bezug auf Wien etwas zu tun. Der "Wien Tourismus" ist sehr aktiv, aber von der Bundesseite passiert nichts. Doch selbst wenn man massiv bewirbt: Es geht sich mit Österreichern einfach nicht aus, die Anzahl der Hotelzimmer in Wien entsprechend auszulasten. Die Motivation, bei 30 oder 35 Grad in der Stadt zu urlauben, ist eher gering. Außerdem sind die Bundesmuseen, die Theater und das Entertainment auch noch fast auf null. Die Kongresse sind abgesagt.

profil: Haben Sie aktuell Buchungen aus dem Ausland?
Stallmajer: Ja, aber die sind noch mit Fragezeichen. Das sind ein paar Engländer, ein paar Amerikaner, die werden nicht kommen.

profil: Wie sieht die generelle Buchungslage für den Sommer aus?
Stallmajer: Wir haben normalerweise im Mai und Juni zwischen 85 und 90 Prozent Auslastung, bei einem hohen durchschnittlichen Zimmerpreis von knapp 300 Euro. Der Mai ist heuer ein Totalausfall, für den Juni haben wir 15 Prozent Reservierungen in den Büchern. Und da wird noch die Hälfte ausfallen. Normalerweise starten wir mit 70 Prozent. Wenn wir 20 Prozent Auslastung machen, sind wir schon gut dabei.

Schopper: Es muss sich jeder darauf vorbereiten, dass er nur mit einem Drittel der Klientel agieren kann.
Stallmajer: Die gehobene Hotellerie ist eigentlich unter 60 Prozent nicht kostendeckend zu führen. Unsere Gastronomie wird zumindest stark von Wienern frequentiert. Aber die werden im Sommer natürlich auch wegfallen. Wir haben gerade in den Sommermonaten einen Riesenanteil von Amerikanern, von Engländern, Australiern und Gästen aus dem Mittleren Osten. Allein wegen der Reisebeschränkungen in Bezug auf diese Länder werden mehr als 50 Prozent der Gäste nicht da sein. Das ist schon einmal fix. Wir haben sicher einen Ausfall von 80 Prozent. Und das geht meiner Meinung nach bis in den März nächsten Jahres hinein.
Funk: Mindestens. Es wäre schön, wenn es nur der März wäre.

profil: Was rechnen Sie denn von der zeitlichen Perspektive her?
Funk: Also die AUA hat ihren Mitarbeitern weitergegeben, dass sie 2023 wieder mit normalem Tourismus rechnen, wie er vor Covid-19 war. Darauf müssen wir uns auch einstellen. Ich glaube nicht, dass es in naher Zukunft Verbesserungen geben wird.

Stallmajer: Ich denke, das Reiseverhalten wird sich grundlegend ändern.
Hummel: Auch was Geschäftsreisen betrifft, da wird zukünftig viel stärker auf Videokonferenzen gesetzt werden.

Stallmajer: Es geht nicht nur um die Arbeitsplätze im Tourismus. Da hängen auch Zulieferer dran. Nur ein Beispiel: Ich habe vorher im Schnitt 280 Eier pro Tag benötigt. Jetzt natürlich nicht mehr. Was macht der Bauer nun mit seinen Eiern?
Imhof: Die Perspektive ist wirklich düster. Man kommt praktisch in eine Verschuldungsspirale, auch durch die ganzen Stundungen. Bei einem rezessi ven Umfeld und einem Ausbleiben von Touristen global gesehen -das schaut halt wirklich düster aus. Ich kann das jetzt nicht anders sagen.

profil: Setzt die Politik die richtigen Maßnahmen?
Imhof: Das ist alles nicht einfach. Aber so, wie es derzeit bearbeitet wird, ist es auf jeden Fall unzureichend. Es ist wirklich fünf nach zwölf. Man muss halt jetzt einfordern, dass das, was mit "koste es, was es wolle" bis "unbürokratisch" kommuniziert wurde, auch tatsächlich so stattfindet. Und dass das nicht nur eine wolkige PR-Geschichte bleibt.

Schopper: Man merkt, dass keine Strategie, keine Konzeption und keine Experten da sind. Es kommen permanent Änderungen. Es ist gar nicht möglich, etwas abzuwickeln. Von "schnell und unbürokratisch" bin ich bei acht Wochen sehr weit entfernt.
Hummel: Wir haben keine gut funktionierende Lobby in der Gastronomie. Wir werden nicht oder zu spät gehört.

Schopper: Wenn sich der WKO-Spartenobmann Mario Pulker in der "ZIB" am Ende des Gesprächs bei der Bundesregierung für das Wirtshaus-Paket und die konstruktive Zusammenarbeit bedankt, was ist das für ein Standesvertreter?
Hummel: Ein Wirtschaftskammervertreter hat in einer WhatsApp-Gruppe gesagt: Ihr seid ja selbst schuld, hättet ihr halt Rücklagen geschaffen. Das finde ich wirklich dreist von jemandem, der unsere Kammervertretung sein sollte, selber aber jetzt hauptsächlich Politiker ist. Das Problem bei den Rücklagen ist das Steuersystem, das gilt für alle Selbstständigen, nicht nur die Gastronomie. Jeder versucht am Ende des Jahres seinen Gewinn in Investitionen zu stecken, um die Einkommensteuer gering zu halten. Wir brauchen ein Konzept, damit zumindest 80 Prozent der Gastronomiebetriebe überleben können - alle werden wir nicht retten können. Mein Vorschlag: Es braucht ein attraktives steuerbegünstigtes Rücklagensystem. Außerdem braucht es eine Lohnnebenkostensenkung. Wenn wir den Arbeitnehmern mehr geben, stärken wir auch die Kaufkraft.

profil: Normalerweise gelten wir Medien als überkritisch. Aber kann es sein, dass in diesem Fall Sie zu streng sind? Es ist eine Ausnahmesituation. Mit einer solchen Krise war auch die Politik bisher nicht befasst.
Schopper: Ich habe nicht das Gefühl, dass hier strategisch gedacht wird. Das Thema des Krisenmanagements sehe ich hier sehr schlecht erfüllt.
Amador: Ich finde das schon in Ordnung, was sie am Anfang gemacht haben. Nur: Der zweite und dritte Schritt wurden vergessen. Meine Eltern leben in Spanien. Die durften wirklich nicht hinaus. Und wenn da in der Familie ein paar Leute sterben, das ist Also grundsätzlich hat die Regierung schon einen guten Job gemacht.

Schopper: Gesundheitsmäßig bin ich einverstanden. Beim Wirtschaftlichen stelle ich einen Fünfer aus.
Imhof: Der Weg der Schließung, den wir auch alle mitgetragen haben, war sicherlich ein richtiger. Bei dem, was dann danach passiert ist, bin ich auch bei der Einschätzung: Das holpert. Und das ist noch sehr diplomatisch ausgedrückt.

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Isabella Funk führt gemeinsam mit ihrem Bruder Michael seit sechs Jahren in zweiter Generation das "Wiener Stadtbräu" sowie das "Chattanooga" im Herzen der Wiener Innenstadt.

Christina Hummel übernahm 2005 das Café Hummel in Wien-Josefstadt, das seit drei Generationen im Familienbesitz ist.

Gregor Imhof führt gemeinsam mit Sebastian Schatz den Sass Music Club am Wiener Karlsplatz. Das Lokal ist eine fixe Größe in der Wiener Clubszene.

Juan Amador
Der deutsche Koch mit spanischen Wurzeln betreibt seit 2016 in Wien-Döbling sein Restaurant "Amador". Vergangenes Jahr erkochte er drei Sterne des "Guide Michelin". Es war das erste Mal, dass ein österreichisches Restaurant mit der Höchstwertung ausgezeichnet wurde.


Friso Schopper
Der Werber und Berater eröffnete als Gastro-Quereinsteiger seine "Dosage Bar à Champagne" im Jahr 2018.


Manfred Stallmajer war Direktor des Designhotels "Das Triest", betrieb das "Café Drechsler" und eröffnete 2013 das Hotel "The Guesthouse Vienna" mit angeschlossener Brasserie und Bäckerei nächst der Staatsoper.