Wien Holding: Im Controlling soll es recht kreativ zugehen

Mutmaßlich ungerechtfertigte Bonuszahlungen, ungeprüft freigegebene Budgetpläne: Im Controlling der Wien Holding soll es recht kreativ zugehen.

Verlangt werden „Eigeninitiative und lösungsorientierter Arbeitsstil“, „Genauigkeit“ und ein „ausgeprägtes Zahlengefühl“. Im Gegenzug geboten: eine „abwechslungsreiche Tätigkeit“ in einem „stabilen Unternehmensumfeld“ mit „ansprechenden Rahmenbedingungen“ und „guten Perspektiven für Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten“. Gesucht wird „ein/e erfahrene/r Controller/in“. Das Stellenangebot ist auf der Internetseite der Wien Holding GmbH zu finden.

Wer den Job ergattert, kann sich glücklich schätzen. Das Unternehmen – eine 100-Prozent-Tochter der Stadt Wien – steht im Ruf, seine Mitarbeiter nur selten zu kündigen. Wer einmal drin ist, bleibt drin. Bis zur Pensionierung. Das ist viel wert in Zeiten, in denen die Zahl der Arbeitslosen beständig steigt und in denen kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein Großunternehmen massiven Personalabbau bekannt gibt.
Warum die Position bei der Wien Holding überhaupt vakant ist und wie im Unternehmen Genauigkeit, Eigeninitiative und Gestaltungsmöglichkeiten tatsächlich gehandhabt werden, ist derzeit am Wiener Arbeits- und Sozialgericht zu beobachten. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Abteilung Controlling hat eine Klage gegen ihren früheren Arbeitgeber angestrengt. Und bei dem, was im Saal F in der Wiener Wickenburggasse bisher zur Sprache kam, ereilt einen folgender Verdacht: Im Rechnungswesen der Wien Holding dürfte es recht kreativ zugehen.

Die Klägerin drängt auf Rücknahme der Kündigung. Weshalb es zu dieser überhaupt kam, darüber gehen die Meinungen auseinander. Von Seiten der Wien Holding wird erklärt, man sei mit der Leistung der Controllerin nicht zufrieden gewesen. Die wiederum ist der Ansicht, man wollte sie loswerden, weil sie unbequem gewesen sei, zu viel hinterfragt hätte und nicht mitspielen wollte.

Unter dem Dach der Wien Holding sind rund 75 Unternehmen vereint. Für viele dieser Unternehmen nimmt die Holding das Controlling wahr. Die Controllerin war für insgesamt 19 Unternehmen – davon elf große wie den Bauträger Gesiba, die Therme Wien oder die ebs-Gruppe, die unter anderem die Wiener Hauptkläranlage betreibt – verantwortlich. So unzufrieden dürfte man mit ihren Leistungen also nicht gewesen sein, denn ihre Kollegen sollen durchschnittlich nur fünf bis sechs Unternehmen zu betreuen haben.

Laut ihren Aussagen haben ihre Probleme im Unternehmen im Jänner 2012 begonnen. Damals sei sie im Rahmen ihrer Tätigkeit zu dem Ergebnis gekommen, dass der Geschäftsführer des Hauses der Musik, Simon Posch, seine Zielvereinbarung für das Jahr 2011 nicht erreicht habe und ihm somit nicht der volle Bonus, sondern nur ein aliquoter Anteil zustünde. Ihr Abteilungsleiter habe sich daraufhin mit ihr an den Computer gesetzt und so lange herumgerechnet, bis sich doch eine hundertprozentige Zielerreichung ergeben hätte. Auf ihren Hinweis, dass diese Berechnungen nicht korrekt seien, sei nicht eingegangen worden. Ein Jahr später dieselbe Situation. Wieder soll Posch seine Ziele nicht erreicht haben, wieder soll es auf Anweisung des Abteilungsleiters dann doch gelungen sein.
Die Wien Holding verteidigt sich mit einem Missverständnis zwischen der Personalabteilung und Holding-Geschäftsführerin Sigrid Oblak. Man habe Posch irrtümlich den vollen Bonus zugesichert. Es sei nicht vertretbar gewesen, diese Zusage wieder rückgängig zu machen.

Auf die Frage von Richter Helge Eckert, ob Posch Bonuszahlungen zu unrecht erhalten habe, antwortete der Leiter der Controllingabteilung: „Das kann man so sehen.“

Ein anderer Fall betrifft die Therme Wien. Während die Controllerin noch den Budgetplan des Unternehmens prüfte, soll dieser ­bereits von den beiden Holding-Geschäftsführern Peter Hanke und Sigrid Oblak frei­gegeben worden sein. Das ist insofern problematisch, weil die Wien Holding einen Teil des Bilanzverlustes der Therme Wien zu tragen hat. Konkret belief sich der Verlustanteil im Jahr 2012 auf 541.000 Euro. Angenommen, in der ungeprüft freigegebenen Planung wäre beispielsweise auf Kreditrückzahlungen vergessen worden, woher käme das fehlende Geld? Als die irrtümliche Freigabe bemerkt wurde, sei sie von ihrem Abteilungsleiter aufgefordert worden, einen entsprechenden Aktenvermerk rückzudatieren, damit die Entscheidung der Direktion durch das Controlling abgesichert sei.

„Alle Vorwürfe sind komplett haltlos. Wir weisen sie dezidiert zurück“, sagt Holding-Sprecher Wolfgang Gatschnegg auf profil-Anfrage. Mehr könne man aufgrund des laufenden Verfahrens nicht dazu sagen.
Richter Eckert jedenfalls plädiert für einen Vergleich. Nach einem absurd niedrigen Angebot der Wien Holding platzte ihm der Kragen: „Sie wollen doch nicht in einem Urteil stehen haben, dass Sie tricksen? Bei einem Unternehmen im Nahebereich der Stadt macht das kein gutes Bild.“ Die Klägerin scheint aber ohnehin willens, die Klage durchzufechten. Ihre Vergleichsforderung wiederum ist unverhältnismäßig hoch.n