Allergien: Pollen das ganze Jahr - sogar zu Weihnachten!

Expertin Katharina Bastl: "Belastungsgipfel zu Weihnachten und bis in den Jänner"

Expertin Katharina Bastl: "Belastungsgipfel zu Weihnachten und bis in den Jänner"

Ausgerechnet zu Weihnachten warnen Experten vor Pollenflug. Denn eine speziell gezüchtete Erle blüht mitten im Winter – und trägt dazu bei, dass es für Allergiker kaum mehr Zeitfenster zum Durchatmen gibt.

Ein flüchtiger Blick könnte zur vorschnellen Annahme verleiten, jemand habe bloß vergessen, eine veraltete Meldung zu entfernen. Immerhin stand vorige Woche auf der Website des Österreichischen Pollenwarndienstes unter dem Stichwort „Situation und
mittelfristige Prognose“ zu lesen: „Eine spezielle Erlenart blüht mancherorts und sorgt mit einsetzendem Pollenflug für Belastungen.“ Doch hier lag keineswegs eine Panne vor, der Hinweis ist vielmehr brandaktuell: Ausgerechnet jetzt, Mitte Dezember, sehen sich die Experten veranlasst, Allergiker vor umherschwirrendem Blütenstaub und daraus resultierenden Symptomen zu warnen. „Mit einem Belastungsgipfel ist zu Weihnachten und bis in den Jänner zu rechnen“, sagt Katharina Bastl, Mitglied der Forschungsgruppe Aerobiologie und Polleninformation der Medizinischen Universität Wien.

Wie ist das möglich? Weshalb sollten just im Winter plötzlich Pflanzen blühen und die Luft mit ihrem Pollen tränken? Weil es sich um ein besonderes Gewächs handelt, das nun Probleme bereitet, um einen Baum, der bei uns nicht heimisch ist, sondern eigens gezüchtet und gezielt angepflanzt wurde. Dieser im Jahr 1908 erstmals beschriebene Baum heißt Purpurerle, Späth-Erle oder, in der Fachnomenklatur, Alnus x spaethii. Der Name verdankt sich einem gewissen Franz Späth, Botaniker und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Inhaber einer traditionsreichen Berliner Baumschule.


Trotz des vorerst geringen Auftretens in Österreich erscheint es angebracht, auf die Problematik der exotischen Erlensorte hinzuweisen.

Die Purpurerle ist das Ergebnis der Kreuzung einer japanischen mit einer kaukasischen Erle, wird bis zu 20 Meter hoch, besitzt eiförmige, gezackte Blätter sowie bis zu zwölf Zentimeter lange Kätzchen – und sticht durch eine beeindruckende Genügsamkeit und Robustheit hervor. Sie wächst sehr schnell, kommt mit tiefen Temperaturen bestens zurecht und erweist sich als höchst resistent gegenüber Abgasen und Umweltschadstoffen. Das macht sie zu einem optimalen Alleebaum in Orts- und urbanen Gebieten, weshalb sie im Lauf der vergangenen eineinhalb Dekaden mancherorts extensiv angepflanzt wurde, darunter in Schweizer Gemeinden wie Buchs im Kanton St. Gallen. Auch Kommunen in Vorarlberg folgten diesem Beispiel. In Ostösterreich wurde der Baum bisher nur vereinzelt nachgewiesen, etwa in Wien-Floridsdorf. Trotz des vorerst geringen Auftretens in Österreich erscheint es
angebracht, auf die Problematik der exotischen Erlensorte hinzuweisen, zumal Stadtplaner angesichts der Widerstandsfähigkeit der Züchtung immer wieder Pflanzungen erwägen.

Die Problematik beruht auf einem weiteren hervorstechenden Merkmal dieser Erlenart: der charakteristischen Blüte um die Weihnachtszeit. „Bereits ab einer Temperatur von null Grad Celsius kommt es zur Pollenfreisetzung“, berichtet Bastl. Dank hoher Toleranz gegenüber unwirtlichem Klima leert der Baum seine Samenspeicher stets im Dezember und Jänner. Die nun einsetzende Allergenbelastung ist daher keineswegs eine Besonderheit des aktuellen Jahres, jedoch werden Experten erst allmählich auf diesen Umstand aufmerksam. Heuer kommt außerdem das milde Wetter hinzu, das zu einer noch früheren Blüte führt – seit Mitte vergangener Woche.

Schwarzerle: Diese Art zählt zu den bei uns schon lange heimischen Sorten

Schwarzerle: Diese Art zählt zu den bei uns schon lange heimischen Sorten

Mit allergischen Symptomen wie Heuschnupfen, Augenbrennen oder Asthma müssen in den betroffenen Gebieten all jene rechnen, die auch sonst auf Erlenpollen reagieren. Denn ein Haupt- oder Majorallergen, das Protein „Aln g 1“, ist im Grunde dasselbe wie bei anderen, in unseren Breiten immer schon üblichen Erlen. Verschärft wird die frühe Blüte durch die blanke Menge an Pollen, welche die Späth-Erle ausschütten kann: im Schnitt gut fünfmal so viel wie ihre bei uns traditionell heimischen Verwandten. Zum Glück ist der Pollenflug relativ kleinräumig und im Regelfall auf wenige hundert Meter beschränkt – freilich abhängig von der Windrichtung. Wer sich an einem Ort aufhält, auf den sich der Wind zubewegt, muss gewärtigen, dass ihm der Erlenpollen auch aus größeren Distanzen um die Nase weht. Und wenn, wie in Buchs, eine ganze Allee dieser Bäume exakt entlang der Schulwege gedeiht, sind den Allergenen regelmäßig komplette Schülergruppen ausgesetzt.


Tatsächlich hat sich die Situation für Allergiker im Lauf der jüngeren Vergangenheit erheblich zugespitzt.

Zudem erscheint es notwendig, die Sachlage vor einem deutlich breiteren Horizont zu betrachten. Denn die Purpurerle ist nur ein weiteres Gewächs, das dazu beiträgt, die Allergiesaison in die Länge zu ziehen und sukzessive Zeitfenster zu schließen, die bislang frei von Pollenbeeinträchtigung waren. Tatsächlich hat sich die Situation für Allergiker im Lauf der jüngeren Vergangenheit erheblich zugespitzt: Bissen sie früher zwischen März und Mai, wenn Bäume und Sträucher austrieben, die Zähne zusammen und mussten allenfalls noch die Gräserblüte im Spätsommer überstehen, bleiben heute nur noch wenige Wochen im Jahr, in denen die Luft rein ist. Selbst wenn man die Späth-Erle außer Acht lässt, findet der Saisonstart mitunter schon im Jänner statt: Den Auftakt bildet die Hasel mit in milden Wintern zu Jahresbeginn prall gefüllten Kätzchen. Das Schlusslicht stellt Ragweed dar, auch Ambrosia genannt, ein Mitte des 19. Jahrhunderts aus Amerika eingeschlepptes Gewächs, das bis spät in den Oktober hinein wie Unkraut wuchert und Medizinern inzwischen zunehmend Sorgen bereitet.

Hasel: Mit der Blüte muss bereits im Jänner gerechnet werden

Hasel: Mit der Blüte muss bereits im Jänner gerechnet werden

Denn beinahe unaufhaltsam erobert das Kraut eine Region nach der anderen in Europa. Nicht nur im Süden und Osten des Kontinents ist Ragweed längst heimisch, sondern auch in vielen Teilen Österreichs – und es schickt sich allmählich an, nach Nordeuropa und in höhere alpine Lagen vorzustoßen. Eine im vergangenen Mai publizierte Simulation der Ausbreitung von Ambrosia geht davon aus, dass sich die Pollenmenge in Ländern wie Deutschland bis zur Mitte des Jahrhunderts vervierfachen wird. Dies wäre auch deshalb ein extrem unerfreuliches Szenario, weil Ragweed-Blütenstaub zu den stärksten bekannten Allergenen zählt.

Damit nicht genug, verändern sich überdies auch Menge und Qualität des Pollen. Denn die tendenziell höheren Temperaturen wirken wie ein Turbo, der die Pollenausschüttung ankurbelt und in der Folge den Schweregrad der Symptome steigert. Und schließlich wirken verschiedene Umweltfaktoren auf die Vegetation ein und tragen noch zusätzlich dazu bei, dass Allergiker mehr leiden müssen als früher (siehe Kasten am Ende).

Aber schon die blanke Gegenwart einer immer größeren Zahl allergener Pflanzen zu fast allen Jahreszeiten ist ein Gesundheitsrisiko. Um die Ursache dafür zu verstehen, muss man wissen, wie Allergien entstehen. Zunächst muss die Immunabwehr gegenüber bestimmten Reizstoffen aus der Umwelt, fast immer Eiweißen, sensibilisiert werden: Sie wird gewissermaßen durch im Grunde harmlose natürliche Substanzen in Alarmbereitschaft versetzt und kann später bei erneutem Kontakt damit allergisch reagieren – mit Entzündungen der Atemwege, Schleimhäute und der Haut. Wodurch wir sensibilisiert werden, hängt nicht zuletzt vom Angebot der Natur ab: Das Immunsystem wählt quasi aus dem verfügbaren Sortiment an kritischen Proteinen. Deshalb sind bei uns beispielsweise, wo es große Birkenbestände gibt, Birkenallergien sehr verbreitet, in Afrika, wo dieser Baum nicht heimisch ist, hingegen nicht. Ein Allergietest bei Afrikanern würde auch gar keine Empfindlichkeit gegenüber der Birke diagnostizieren. Mangels entsprechender Baumvorkommen verfällt das Immunsystem also erst gar nicht auf die Idee, eine Allergie dagegen zu entwickeln.


Letztlich bedeutet dies, dass allein durch die Präsenz neuer Gewächse – ob nun Purpurerle oder Ragweed – die Zahl potenzieller Allergiker vergrößert wird.

Wird nun die Flora einer bestimmten Weltgegend um neue Pflanzensorten bereichert, nehmen in der Folge meist auch allergische Sensibilisierungen zu. Am Beispiel der Purpurerle konnte dies mittlerweile nachgewiesen werden. Vor zwei Jahren berichtete ein Forscherteam im „New England Journal of Medicine“ über entsprechende Studien in der Schweiz – in einem jener Landstriche, in dem Späth-Erlen angepflanzt wurden. Weil die Wissenschafter bereits seit Mitte der 1980er-Jahre Daten über Allergien der lokalen Bevölkerung sammelten, konnten sie nun ermitteln, ob solche Empfindlichkeiten gegenüber der Erle zugenommen hatten. Und in der Tat: Im Jahr 1986 hatte keine der untersuchten Personen (damals noch im Kindesalter) auf das Erlenprotein „Aln g 1“ angesprochen, zehn Jahre später dagegen waren bereits knapp elf Prozent der Menschen sensibilisiert. Allein der Umstand, dass die Bäume inzwischen in der Region wuchsen, hatte nach Interpretation der Forscher das Immunsystem der Bevölkerung scharfgemacht. Lange schenkte man diesem Phänomen allerdings kaum Beachtung, weil die Erkrankten dachten, sie hätten sich um die Weihnachtszeit bloß eine banale Erkältung eingefangen. Die Studienautoren wählten einen für ein Fachjournal ungewöhnlich pointierten Titel: „Heuschnupfen als Weihnachtsgeschenk“.

Birke: Sehr viele Allergiker reagieren auf den Pollen dieses Baums

Birke: Sehr viele Allergiker reagieren auf den Pollen dieses Baums

Letztlich bedeutet dies, dass allein durch die Präsenz neuer Gewächse – ob nun Purpurerle oder Ragweed – die Zahl potenzieller Allergiker vergrößert wird. Zugleich sinkt, wenn mehr Allergene über längere Zeiträume auf den Menschen einströmen, wohl die generelle Toleranzschwelle. Wenn das Immunsystem bereits durch die Erle zur Weihnachtszeit in Aufruhr versetzt wurde, reagiert es, weil schon mit einer ordentlichen Dosis an Reizstoffen konfrontiert, womöglich auch auf den nachfolgenden Pollenflug besonders empfindlich. Und der lässt nicht lange auf sich warten, wie Pollenexpertin Bastl berichtet: „Der Übergang zur Haselblüte ist dann fließend.“

Infokasten: Pollenturbo
Warum Umweltschadstoffe Allergien verstärken können.

• Kohlendioxid fördert besonders in den Städten die Produktion von Blütenstaub, wie Studien im Labor wie auch im Freiland zeigen. Steigert man die CO2-Konzentration auf das Doppelte, wächst parallel dazu auch die Pollenausschüttung um etwa diesen Wert. Das Treibhausgas ist damit ein wesentlicher Motor für die Freisetzung von Allergenen.

• Stickoxide wiederum, typische Bestandteile von Großstadtsmog, greifen biochemisch in den Charakter von Allergenen ein. Ein Prozess namens Nitrierung verändert dabei die allergierelevanten Proteine von Pflanzen, wodurch deren allergenes Potenzial zunimmt. Forscher warnten bereits vor der Entstehung von „Superallergenen“ auf diesem Weg.

• Ozon schließlich wirkt ebenfalls daran mit, Pollenausschüttung sowie Allergenität anzukurbeln. Zahlreiche Studien, darunter solche der Medizinischen Universität Wien an Roggen, konnten experimentell belegen, dass die Pollenmenge emporschnellt, wenn Pflanzenkulturen rund 100 Tage lang unter Ozoneinfluss stehen.