Alwin Schönberger: Rekordinflation

Alwin Schönberger: Rekordinflation

Alwin Schönberger über die Wetterkapriolen eines Sommers, der von Spitzenwert zu Spitzenwert hetzte. Genau wie alle Jahre davor.

Der Stoff, aus dem Rekorde gestrickt werden, befindet sich hinter dem Komma. 0,08 Grad: Um diesen Wert war der Juli 2015 wärmer als jener des Vorjahres. Doch diese Differenz reichte für eine Flut der Superlative. „Weltweiter heißester Monat seit Beginn der Aufzeichnungen“, erfuhren wir in praktisch allen Tageszeitungen über den „Rekordsommer“, der uns mit „Hitzewellen“ in Serie überrollte. Nun könnten Sie, retrospektiv betrachtet, natürlich sagen: Der Juli 2015 hätte sich ruhig ein wenig mehr Mühe geben können, um seinen Konkurrenten aus dem Vierzehner Jahr abzuhängen. Weil 0,08 Grad, das merkt ja kein Mensch, da hätte sich der Juli das ganze Aufheizen sparen können und wäre besser nächstes Jahr mit frischer Energie angetreten.

Die Kritik ist aber insofern unfair, als 2014 seinerseits ein echter Champion war, und zwar in nahezu allen Disziplinen. 2014 war das „wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen“, ließen die Wetterdienste Medien rund um den Globus wissen. Und das, obwohl es nur mit dem zweitwärmsten Winter und dem siebtwärmsten Frühling ins Rennen ging. Im Anschluss holte es aber gewaltig auf, obwohl es Zeitzeugen gibt, die bis heute hartnäckig behaupten, sie seien im Sommer des Vorjahres meistens im Regen gesessen. Hoteliers aus Kärnten maulten etwas von „Sommer zum Vergessen“ und vertraten sogar die Ansicht, die Saison sei die mieseste überhaupt gewesen, und zwar „seit Beginn der statistischen Tourismusaufzeichnungen“.

Zahlen lügen ja bekanntlich nie

Doch Zahlen lügen ja bekanntlich nie, und so war 2014 um 0,8 Grad wärmer. Im Vergleich wozu? Zum langjährigen Schnitt des 20. Jahrhunderts, der im Vorjahr mit 14,6 Grad beziffert wurde. Der Rekord wankt allerdings nur dann nicht, wenn man nicht nur dort misst, wo man festen Boden unter den Füßen hat, sondern die Temperaturen der Ozeane mit einberechnet. Jedenfalls verwies 2014 die Konkurrenten 1994, 1998, 2006 und 2010 auf die Plätze. Sie alle waren, in order of appearance, die wärmsten Jahre aller Zeiten. Das 21. Jahrhundert stellt überhaupt eine einzige Eruption der Rekorde dar. Welche Jahre stachen besonders hervor?

Antwort: alle. Denn 13 der wärmsten Jahre seit Aufzeichnungsbeginn fielen ins neue Jahrtausend. Dies wurde passenderweise 2013 konstatiert.

Wenn Sie jetzt finden, das sei ein leiser Widerspruch zu den Spitzenwerten aus dem vorigen Jahrtausend, haben Sie natürlich recht. Des Rätsels Lösung lautet: Es kommt immer darauf an, wen man fragt: zum Beispiel die amerikanische National Ocean and Atmospheric Administration (Messbeginn 1880) oder die Weltorganisation für Meteorologie in Europa (Messbeginn 1850). Und da sich, ähnlich wie beim Schifahren, die wahren Siege im Hundertstelbereich verstecken, kann es schon mal zur Rekordkollision kommen. 2013 zum Beispiel war, je nachdem, wo man nachschlägt, das viert- oder sechstwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.


Vielleicht sind Sie jetzt enttäuscht, weil Sie dachten, Sie hätten sich ein wenig Mitleid verdient, da Sie doch heuer besonders arg gelitten haben unter der brütenden Hitze und einer erbarmungslos wie nie sengenden Sonne.

Unterm Strich war 2013 allerdings, man kann es kaum anders ausdrücken, ein echter Loser. Auf die Teilnahme am Finale hat es – obwohl von manchen Wetterexperten vorschnell als „Rekordsommer“ gehandelt – gleich ganz verzichtet, dafür aber in der Regionalliga einige Punkte eingefahren. Sollten Sie aus Pakistan stammen, werden Sie daran gewiss nicht zweifeln: 51 Grad! In Österreich rangierte der Sommer 2013 immerhin unter den acht sonnigsten und sieben wärmsten der Messgeschichte. In den Gipfelregionen des Landes errang er sogar den zweiten Platz, während er sich in tiefen Lagen mit Platz vier, in inneralpinen Tälern mit Platz fünf und in den Tälern Westösterreichs mit Platz acht bescheiden musste. Die Wiener Bäder dagegen freuten sich über den zweitbesten Sommer seit Beginn der Wiener Bäderaufzeichnungen.

Zwei Medaillen gingen sich übrigens doch noch aus: wärmster September und trockenste Sommersaison ever, wenn auch nur in den Becken und Tälern des Südostens. Wie 2013 in mittleren Lagen am Südhang des Bisambergs abschnitt, wissen wir leider nicht. Ist aber gar nicht so wichtig, denn natürlich würde auch hier einem allfälligen Rekord erst mal eine Null vorangestellt.

Vielleicht sind Sie jetzt enttäuscht, weil Sie dachten, Sie hätten sich ein wenig Mitleid verdient, da Sie doch heuer besonders arg gelitten haben unter der brütenden Hitze und einer erbarmungslos wie nie sengenden Sonne. Und nun erfahren Sie, dass es voriges Jahr im Grunde genauso heiß war, nicht anders als 2013 und im Jahr davor und so weiter. Aber die Wahrheit ist oft bitter, und so müssen wir leider mitteilen, dass die Hitze eigentlich keine Ausrede gewesen wäre, die Arbeit schleifen zu lassen. Nicht mal dann, wenn Sie in Gars am Kamp wohnen. Von dort wurde zwar im Juli der heißeste Tag des Jahres mit 38,6 Grad vermeldet. Doch die Trophäe wurde dem Ort im Waldviertel gleich wieder aberkannt: Die Messstelle sei übermäßiger Sonneneinstrahlung ausgesetzt gewesen (und werde deshalb abmontiert), was die Daten verzerrt habe. Es war dort also schlicht zu heiß für einen Hitzerekord.

Um Missverständnissen vorzubeugen: All die gemessenen Daten sind selbstverständlich korrekt und von Relevanz, allerdings nicht für unseren Alltag, sondern für die Wissenschaft. Wenn Meteorologen und Klimaforscher in aller Welt penibel die Entwicklung der Temperaturkurven zu Land und zu Wasser, auf Gipfeln und in Tälern, in Wüsten und Waldgebieten verfolgen und registrieren, erwächst daraus wichtiges Datenmaterial. Denn in der Wissenschaft können auch winzige Abweichungen von der Norm hohe Aussagekraft haben. Würde man zum Beispiel Einsteins Gravitationsregeln nicht berücksichtigen, könnte man keinen einzigen Satelliten positionieren.


Objektiv betrachtet sind die Unterschiede in jenen Zeiträumen, die wir gut überblicken können, marginal. Der auffälligste Superlativ ist die Inflation der Superlative.

Doch für uns auf dem Erdboden sind diese Effekte nicht wahrnehmbar, sie sind nur hochpräzisen Messinstrumenten zugänglich. Und wenn der Juli 2015 um 0,81 Grad über der Durchschnittstemperatur des vorigen Jahrhunderts lag, ist das ein enorm bedeutsames Indiz für das Fortschreiten des Klimawandels auf dem Planeten – das tägliche Leben tangiert das aber herzlich wenig. Klar, von Jahr zu Jahr mögen zu wechselnden Zeiten immer wieder Wetterausreißer auftreten, die sich dann in Rekordmeldungen verpacken lassen. Zeitweise setzen die Kapriolen bestimmten Personengruppen auch gesundheitlich schwer zu, wie etwa der Sommer 2003, der lange ebenfalls als Hitparadenstürmer galt. Doch objektiv betrachtet sind die Unterschiede in jenen Zeiträumen, die wir gut überblicken können, marginal. Der auffälligste Superlativ ist die Inflation der Superlative.

Apropos Superlative: Verglichen werden auch gerne Wetterextreme wie die „tödlichsten Tornados“. Was die interessante Frage aufwirft, ob man durch einen tödlicheren Tornado toter wird als durch andere; und ob man nach dem tödlichsten ganz besonders tot ist. Und sonst? Wir erwähnen es ungern, aber ein wenig geschwächelt haben heuer die Gelsen. Wenn wir nicht etwas komplett verpasst haben, war kaum die Rede von der sonst obligaten jährlichen Plage. Aber vielleicht haben sich die Gelsen auf dem zweiten Bildungsweg zu Wespen umschulen lassen und uns im Spätsommer ein rekordverdächtiges Wespenjahr beschert. Es war vermutlich sogar das schlimmste – nämlich seit 2014, als die Wespen taten, was sie um die Zeit immer tun: Sie sind da.

Was nun den nächsten Sommer betrifft, darf man davon ausgehen, dass die Trainingssaison für 2016 demnächst beginnen wird. Angesichts all der Rekorde in jüngster Zeit wird sich der Sommer 2016 allerdings warm anziehen müssen, wenn er in der Spitzenliga mitspielen möchte. Am besten, er nimmt sich ein Beispiel am Jahr 2011. Dieses war nicht nur das wärmste La-Niña-Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, sondern legte auch eine Benchmark vor, die wirklich Respekt abringt: eine brutale Hitzewelle bei bis zu 12,3 Grad, und zwar minus, wohlgemerkt. Das klingt nicht sehr heiß, aber der Wert wurde immerhin in der Amundsen-Scott-Südpolstation gemessen. Und dort beträgt das langjährige Mittel minus 49,4 Grad.