<i><small>Autodrom: David Staretz</small></i>
Hundert Jahre Internet

Am 14. Jänner 1914 ließ Henry Ford die Fertigung des Model T an Fließbändern anlaufen. Es war ein Startschuss zur Massenproduktion des Automobils.

Bahlsen-Kekse, Konserven und Brote gab es damals bereits seit Jahren in laufender Serie. Sogar Ransom Eli Olds’ erfolgreiche Oldsmobiles rollten bereits seit 1901 von einer rationalisierten Fertigungsstraße. Auch Henry Ford hatte schon vor Jahren mit Teilfabrikationen Erfahrung gesammelt, ehe er aufs Ganze setzte. Wenn auch der eigentliche Beginnzeitpunkt des Automobils diskutiert werden kann (es gab Elektroautos schon lange vor dem Benz-Dreirad), erst das Anlaufen der Fließbänder zur Großserie machte das Auto als Massenverkehrsmittel (und Kolumnenthema) tauglich.
Ich möchte aus diesem Anlass ein Geständnis machen, das wenig Sympathie zu erwarten hat und im Grunde niemanden kratzen kann, der mit der Karawane weiterzieht, genau wie ich selber ja auch, der davon fraglos profitiert: Ich liebe das Internet nicht. Es ist mir sogar zuwider. Es zieht seine Benützer unter der Vorspiegelung größerer Freiheit, größeren Wissenszuganges und größerer Gemeinschaften/Gemeinsamkeiten in auf lange Sicht unauftrennbare Netzverbindungen und unkontrollierbare Abhängigkeiten derer Form, Zeit und Inhalt. Es wird immer groteskere Dimensionen und Verhaltensweisen annehmen und auslösen, dramatisch rascher und intensiver und zerstörungswirksamer noch, als es dem Auto in den wenigen Dekaden seiner Massenexistenz gelungen ist. Wir sind für dieses nicht mehr zu bremsende, mit dem Quadrat der Beschleunigung zunehmende Tempo nicht geschaffen.

Ich habe die Meinung, dass unsere Zivilisationsgeschichte, ehe sie noch ihrem möglichen Idealpunkt näher gekommen ist, sich bereits wieder auf einem außer Takt geschlagenen Pilgerschritt rückwärts befindet. Ich meine damit nicht einmal einen besonders hohen Anspruch auf Raffinement der Geist und Sinne erhebenden Erlebnis- und Erfahrungsdichte. Wir sind schon allein darin gescheitert, friedlich zu Hause zu bleiben, es uns nett zu machen und keinen größeren Schaden anzurichten. Wir haben die Gelassenheit entdeckt und gleich wieder vergessen, wir haben den Wert der Zeit entdeckt und konnten nur schöne Worte finden, wir haben die Welt in Gefahr erkannt und gleich wieder verworfen, und jetzt dämmert mir: Das mit dem Internet wird auch nichts. Dabei möchte ich den Eindruck vermeiden, ich sei in meinem Lamento auf eine gewisse Virtuosität oder Originalität aus. Ich halte mich auch nicht für gezielt vorausschauend oder provokativ amodern, insofern ich eigentlich nicht weiß, was einen modernen Menschen auszeichnet und was einen unmodernen – und was denn à la longue erstrebenswerter ist. Allein dieses Vokabular der Zukunftsforscher verheißt nichts Gutes.

Wahrscheinlich stört mich nur dieses mühselige Einloggen allenthalben, und dieses beinharte, kalte Ausgeschlossensein, sobald man sich nur mit einer Ziffer vertippt oder sonstwie aus der Reihe der Aufgenommenen kippt. Anhand des als Servicevorteil angepriesenen Selber-Eincheckens für Flüge (24 Stunden vor Abflug!), einer Marginalie des Alltags, erkenne ich, wie viel Mühe und Aufregung es mich kostet, in roamingteuren Weltgebieten für einen Rückflug einzuchecken – nicht aus Vorteilsnahme, sondern aus reiner Notwehr dem Kampf nun ausgesetzt gegen den Großteil der anderen Passagiere, die dasselbe versuchen: nicht in der sitzstarren Reihe vor dem Notausgang oder ganz hinten neben den Klotüren, getrennt vom Reisepartner, einen Mittelplatz zugewiesen zu bekommen. Schon hier schafft das Internet eine Zweiklassengesellschaft, selbst in der Businessclass.

Ja, das mag Jammern auf hohem Niveau sein, aber wir nähern uns der Zeit, in der computergeschulte Kinder das Sagen haben werden („Mama, wo ist das Klo, und gibt es hier WLAN?“), und es wird ja schon an der Abschaffung des Alters gearbeitet zugunsten des Diktats der Jungen mit ihren frisch-forschen Ideen und deren zügiger Umsetzung. Jede Generation beansprucht für sich das Recht, Wesentliches zu bewirken. Das wird immer prekärer. Bislang konnten wir uns damit absichern, dass die Welt noch nicht der Achse enthoben ist, weil es keinen Hebel gab, der lang genug war. Jetzt ist bereits ein Wettbewerb um den besten Kippwinkel entbrannt. Vielleicht findet ihn das präsumtiv künstliche Gehirn, dann hätten wir das auch ausgelagert.

Was ich sagen wollte: Wir haben die analoge Welt fürs Erste verloren. Es ist nicht mehr möglich, irgendetwas in der Mitte der Gesellschaft zu leisten, ohne dabei in Bildschirme zu starren. Ich bin kein Maschinenstürmer, mir sind bloß Computer unsympathisch auf eine vielleicht ganz vordergründige Weise, so wie jemand keinen Zimt im Apfelstrudel verträgt oder sich innerlich verkrampft, wenn jemand Wollfutzel vom Pullover zupft. Solchen Unannehmlichkeiten kann man gegebenenfalls ausweichen, der Computerisierung und dem damit einhergehenden Internet aber keinesfalls. Das macht es so schwierig für Leute, die bisher gewohnt waren, einen eigenen Bypass zu finden. Dass ich aufreizend analoge Maschinen erfinde und sie aus Ratlosigkeit „Kunst“ oder „Kinetische Objekte“ benenne, mag eine Ableitung aus dieser Zwangslage darstellen. Aber die Welt wird das wahrscheinlich auch nicht retten.

david.staretz@profil.at