Burn-out kann seine Wurzeln in der Kindheit haben

Burn-out kann seine Wurzeln in der Kindheit haben

Nachrichten aus der psychiatrischen Praxis.

Dass psychiatrische Erkrankungen ihren Ursprung in frühkindlichen Gewalterfahrungen haben können, ist kein Geheimnis. Das Ausmaß der Problematik wurde allerdings lange unterschätzt. „Durch den Ausbau psychiatrischer Reha-Einrichtungen auf aktuell etwa 1000 Betten österreichweit erreichen wir seit einigen Jahren wesentlich breitere Bevölkerungsgruppen als zuvor und bekommen erstmals tiefere Einblicke in deren Krankheitsgenesen“, erklärt Primarius Paul Kaufmann, ärztlicher Leiter des pro-mente-Reha-Zentrums Sonnenpark Neusiedlersee in Rust: „Damit können wir nicht mehr darüber hinwegsehen, dass tatsächlich die Mehrheit von psychischen Problemen in Gewalterfahrungen wurzelt.“ Eine Prävalenzstudie soll demnächst konkrete Zahlen liefern; Kaufmann schätzt einen Anteil von „deutlich über 50 Prozent“ seiner Patienten, die in ihrer Kindheit Gewalt erlebt haben. Die Reha-Praxis zeigt, dass etwa auch Patienten mit Burn-out-Diagnosen zum Großteil frühkindlich belastet sind: „Gewalt heißt ja nicht nur körperliche oder sexuelle Misshandlung, sondern kommt etwa auch als Vernachlässigung vor. Dadurch können latente Vertrauensprobleme entstehen, auch solche des Selbstvertrauens. Kinder beziehen Gewalterfahrungen auf sich, suchen die Schuld bei sich selber und versuchen, etwa durch besondere Anpassung und ausgeprägten Perfektionismus, zu kompensieren. Diese Strategien können sich ins Erwachsenenleben hineinziehen.“

Burn-out-Prävention setzt also eigentlich zu spät an – der Grundstein für die psychische Gesundheit der Bevölkerung wird in den Familien gelegt. „In diesem Punkt gibt es aber Grund zum Optimismus“, meint Kaufmann, in dessen Reha-Zentrum derzeit etwa 900 Patienten pro Jahr stationär behandelt werden: „Sexualisierte und körperliche Gewalt in der Familie nehmen erkennbar ab. Es gibt ein höheres Problembewusstsein und eine größere Sensibilität im Umfeld. Zumindest die ‚gesunde Watschen’ ist keine anerkannte pädagogische Option mehr.“

Pro-Mente-Reha-Tagung zum Thema: „Brauchen Männer und Frauen unterschiedliche Therapieansätze in der Behandlung?“
23./24. Mai, Kulturzentrum Eisenstadt, www.promente-reha.at/tagung2014