Denk mal! Erkenntnisgewinn durch Hirnschmalz

Denk mal! Erkenntnisgewinn durch Hirnschmalz

Alwin Schönberger über die fortschreitende Entwertung einer fast schon ­nostalgischen Kompetenz.

Der Name Peter Higgs steht für eine der faszinierendsten mentalen Leistungen der jüngeren Wissenschaftsgeschichte. Nach dem britischen Physiker ist jenes Materieteilchen benannt, welches der Welt die Masse schenkt. Dieses Partikel ist fundamental für die Beschaffenheit des Universums und auch für jene des Menschen. Higgs hat es zwar nicht allein beschrieben, sondern im geistigen Austausch mit einigen Kollegen – einer davon erhielt heuer, gemeinsam mit Higgs, den Nobelpreis für Physik –, doch zur Debatte soll hier stehen, wie die Forscher zu ihren Einsichten gelangten: Sie dachten nach. Sie waren überzeugt davon, die Geheimnisse der Natur einzig mit der Kraft der Gedanken lüften zu können.
Das Resultat ist enorm beeindruckend, wenn man sich das Prinzip seines Zustandekommens bildlich vorstellt: Jemand setzt sich an den Schreibtisch, vielleicht nur mit Papier und Bleistift, überlegt gründlich und schreibt auf, wie die Welt tickt. Diese Ausführungen existieren ein halbes Jahrhundert ausschließlich als Idee – bis die Technik des Jahres 2012 es erlaubt, sie im Experiment zu prüfen. Und es stellt sich heraus: Das Universum, unermesslich groß und fast 14 Milliarden Jahre alt, ein Konstrukt jenseits jeden menschlichen Horizonts, funktioniert exakt so, wie es sich die Neuronen eines humanen Gehirns einst ausgedacht haben.
Das berühmteste Beispiel für solch ein geistiges Bravourstück ist Albert Einstein. Er saß, lange isoliert von der übrigen Fachwelt, in seiner Schreibstube und erfand Zeit und Raum neu. Er warf gängige Theorien auf die Müllhalde der Erkenntnis, erkor die Lichtgeschwindigkeit zur zentralen Konstante und ordnete ihr andere Größen radikal unter. Egal, wie oft Einsteins Modelle getestet wurden – niemand konnte sie je widerlegen. Ließe man die Relativitätstheorie außer Acht, könnte man Satelliten nicht präzise kalibrieren, und die Navigationsgeräte würden ihre Besitzer noch öfter in Wälder oder Bäche schicken, als sie es ohnedies schon tun.
Der Zugang zu Wissenschaft à la Einstein oder Higgs wirkt heute geradezu anachronistisch, fast wie Wissenschaft in Sepia. Es sei mittlerweile eben undenkbar, heißt es, dass man in der Denkstube, sei es nun allein oder im Bund mit einigen Gleichgesinnten, die großen Würfe ausbrüten könne. Im 21. Jahrhundert bedürfe es der Kooperation vielköpfiger, global vernetzter Teams, ausgestattet mit leistungsstarken Maschinenparks. Es wird sogar bekrittelt, dass die Modalitäten der Nobelpreisvergabe nicht mehr zeitgemäß seien – eine größere Gruppe oder Institution ist von der Würdigung ausgeschlossen. Deshalb schieden jene Physiker am Genfer Forschungszentrum CERN als Kandidaten aus, die das Higgs-Teilchen aufspürten.

Vielleicht ist das einerseits ein wenig ungerecht, doch andererseits: Muss man von der Entwicklung hin zu immer mehr multinationalem Teamwork unter Einbindung modernster Technologie restlos begeistert sein? Gewiss, ohne den gewaltigen Teilchenbeschleuniger am CERN wären Higgs’ Ideen nicht beweisbar gewesen. Dennoch liegt der Verdacht nahe, dass die andere, die traditionelle Seite mitunter zu kurz kommt: das Nachdenken. Als Folge des strukturellen Wandels wird die Wissenschaft unübersichtlich und in immer kleinere Etappenziele zerhackt, von Formalitäten belastet, vom Technischen allzu sehr dominiert.

Was herauskommt, wenn man Apparaten blind vertraut, zeigt eine Studie, die eine Art Blaupause für einen veritablen Forschungsflop darstellt: Ihre Ausbeute bestand in Magnetresonanzaufnahmen, die auffällige emotionale Aktivität in bestimmten Hirnarealen zeigten. Bloß: Die Bilder stammten von einem Lachs, und der war längst tot. Bei einem kritischen zweiten Blick wäre man vielleicht auf die Idee verfallen, jene falsch positiven Testergebnisse auszusortieren, die bei solchen Bilderserien praktisch immer produziert werden.

Besonders hinderlich für konzentriertes Nachdenken ist der Umstand, dass die Forschung überdies von einem Wettlauf um sensationelle Ergebnisse geprägt wird. Es herrscht ein Streben nach einem Maximum an Zuwendung – in Form von Aufmerksamkeit, Zitierungen und auch finanziellen Mitteln, welche dann neuerlich in die Generierung möglichst spektakulärer Daten fließen. Und der Nutzen? Im Dezember erfuhr die Welt zum Beispiel von folgenden Durchbrüchen: Musik macht doch nicht klug; sexuell darbende Fruchtfliegen fühlen sich gestresst; Urlaubsfotos verzerren die Erinnerung.
Die Arena, in der das Match der Forscher ausgetragen wird, sind die internationalen Fachjournale. Inzwischen beklagen selbst altgediente Experten, dass sie sich außerstande sehen, die Flut von Publikationen zu überblicken, geschweige denn sorgfältig zu prüfen. Im Frühjahr wurde im Fachblatt „Cell“ unter großem Pomp vom Klonen menschlicher Embryonen berichtet. Kurz darauf räumten die Autoren kleinlaut ein, dass die Arbeit gravierende Mängel beinhalte. Erklärung: Man habe unter hohem Zeitdruck publiziert. Ein Ausreißer dürfte dies eher nicht sein, wie im Oktober ans Licht kam: Zu Testzwecken waren vor Fehlern strotzende Artikel an 300 Journale versandt worden – 157 Magazine akzeptierten sie anstandslos.
Ein wenig Hoffnung macht immerhin, dass sich jene, die einst eine bedächtigere Form des Erkenntnisgewinns praktizierten, allmählich mahnend zu Wort melden. So rief einer der Medizin-Nobelpreisträger dieses Jahres jüngst sogar zum Boykott renommierter Fachjournale auf.
Und der sonst überaus öffentlichkeitsscheue Peter Higgs meinte Anfang Dezember, seine Gedankengänge hätten vermutlich heute keine Chance mehr auf Veröffentlichung: Man würde ihn für zu unproduktiv halten.